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Glossiert: Warum die Spachteltruppe im Stadtrat einfach nur würdelos ist

Ein Kommentar von Albrecht Peltzer

„Der Niedergang der Umgangsformen infolge der 68er Kulturrevolution hat leider auch den Rat der Stadt erfasst.“ Ein Satz wie in Stein gemeißelt! Geschrieben haben ihn Markus Mohr (AfD) und Wolfgang Palm (ehemals Pro NRW), die gemeinsam die Ratsgruppe „Allianz für Aachen“ bilden.

Nun würde sich anbieten zu recherchieren, warum es so viele Jahre gedauert hat, bis die 68er in Aachen im Allgemeinen und im Stadtrat im Speziellen angekommen sind. Gab es Übertragungsfehler, Kommunikationspannen, innere und äußere Auflehnung? Wer Aufklärung dazu wünscht, wird enttäuscht. Denn es ist nicht Palms und Mohrs Thema, die Versäumnisse der 68er auf ihrem Weg ins Aachen des Jahres 2017 aufzuarbeiten. Der Allianz ist vielmehr der Appetit vergangen. Will heißen: Ihnen schmeckt das Benehmen mancher Kolleginnen und Kollegen im Stadtrat ganz und gar nicht.

Und deshalb haben sich die beiden hingesetzt, um einen Antrag der besonderen Art an den Oberbürgermeister zu formulieren: „Würde des Hauses wahren – kein Essen während der Sitzungen des Rats“, steht da drüber. Marcel Philipp möge so geneigt sein, über folgenden Zusatz zur Geschäftsordnung abstimmen zu lassen: „Der Verzehr von festen Lebensmitteln im Sitzungssaal ist untersagt. Zuwiderhandlungen werden nach einmaliger Ermahnung mit dem Ausschluss von der Sitzung geahndet. Ausnahmen können vom Oberbürgermeister bei gesundheitlichen Bedarfsfällen erteilt werden.“

Endlich einmal nehmen Politiker ihr Ehrenamt ernst. Sie machen sich Gedanken, was ihr Treiben denn so bedeutet. Und: Wie es nach außen wirkt. Stellen wir uns also vor, Ratsfrau X und ihre Kollegin Y geben sich „exzessivem Genuss“ von Schokolade hin. Laut Mohr und Palm so geschehen in der jüngsten Ratssitzung. Was für ein Skandal! Schokolade! Am helllichten Tag und in aller Öffentlichkeit. Und dazu noch das „geräuschvolle Hantieren mit Plastikverpackungen“!

Auch ein Ding der Unmöglichkeit, meint die Allianz. Vor allem weil die Befreiung der Süßigkeit von ihrer Ummantelung „aufgrund deren spezieller Materialbeschaffenheit eine störende Geräuschkulisse“ hervorruft. Recht haben die Mohrpalms. So geht es nicht. Völlerei im Rat bei gleichzeitiger Lärmbelästigung! Aber auch Lebensmittel, deren Verpackung eher im minderphonigen Bereich entfernt werden kann, sollen während der Ratssitzungen auf dem Index stehen. Orangen zum Beispiel. Oder Bananen. Weil sie „markante Duftstoffe“ absondern, die einer „konzentrierten Arbeitsatmosphäre abträglich“ sind.

Was die Mohrpalms befürchten, liegt auf der Hand: „Der ungenierte Genuss von Süßwaren und Stullen während der Sitzung hinterlässt bei Aachener Bürgern auf den Besucherplätzen einen befremdlichen Eindruck von Lässigkeit und Entspannung.“ Und das, werte Schokoladenfreundinnen und Orangenfreunde, muss verhindert werden. Wir leben schließlich nicht in einer Bananenrepublik. Zucht und Ordnung sind gefragt, lässige und entspannte Politiker führen zunächst den Stadtrat und dann unweigerlich die ganze Welt in den Untergang.

Wir können nach derzeitiger Sach- und Diskussionslage davon ausgehen, dass die Mohrpalms eher wenig Chancen haben, dem Rest der Spachteltruppe im Rat diesen Antrag schmackhaft zu machen. Aber dennoch ist das zweiseitige Schreiben irgendwie auch eine Beruhigung. Wer sich solche Gedanken macht, kommt nicht auf andere Gedanken. Und das ist angesichts bisheriger Wort- und Schriftmeldungen aus der Allianzabteilung ein großer Segen.

Übrigens: Trinken ist im Rat okay, sagt Wolfgang Palm. Da könnte sich der eine oder die andere einen Roten oder Weißen aufmachen. Anders ist manches in der Politik nicht zu ertragen. Prost!

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