Aachen - Glossiert: Ist das Kunst, oder kann das weg?

Glossiert: Ist das Kunst, oder kann das weg?

Von: Robert Esser
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Total ramponiert: die Öko-Stelen an der Schanz. Foto: Robert Esser
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Herrlich vergammelt: die rote Stele an der Mariabrunnstraße.

Aachen. Ist das Kunst, oder kann das weg? Leider wird diese Frage von städtischen Saubermännern oft an falscher Stelle gestellt. Deswegen stehen in der Stadt Schrottstelen herum – im Unterschied zur berühmten Fettecke von Joseph Beuys, die ein Hausmeister 1986 in der Düsseldorfer Kunstakademie weggeschrubbt hat. Sah dreckig aus.

Verdreckt sind die Aachener Unikate auch, bloß sind sie nichts wert. Die Aachener Stelen stammen aus dem Jahr 2002, waren der gestalterisch sichtbare Höhepunkt des hunderttausende Euro schweren (und aus Steuergeldern gefütterten) Förderprogramms „Ökologische Stadt der Zukunft“.

Wahnsinnig witzig wurden die Projektideen in (natürlich extrem ökologischen) Beton gegossen, mit lustigen Spielereien dran – etwa pupsende Sitzkissen, ein Kuhfladen im Stelenbauch oder blubbernde und plätschernde Interaktiv-Säulen. Klingt komisch, war aber so. Letztere sollten zum Beispiel Patenschaften für Aachener Bachlandschaften einwerben. Auch so ein Projekt, dass mangels Interesse grandios gescheitert ist. So geriet vieles in Vergessenheit, die Stelen selbst wohl irgendwie auch.

Obwohl sie auffallen: beschmiert, bemalt, beklebt, besprüht, als Pissoirs missbraucht, bemoost und alle ziemlich ramponiert. Sie sehen „grässlich“ aus, wie auch die Stadt auf Anfrage einräumt. Doch die Dinger sind tonnenschwer.

Apropos Tonne: Darum hat wohl nur der Aachener Stadtbetrieb – dank schnell verfügbarem Großbaggergerät – die Stele vor seinem Bauhof am Madrider Ring kurzerhand entsorgt. Hoffentlich war das abgesprochen. Der Restschrott verschandelt seit 16 Jahren das Stadtbild. Wir zollen Respekt. In Sachen Nachhaltigkeit macht den Öko-Akteuren keiner was vor. Das Zeug hält. Kompliment. Aufgestoßen ist das bislang den Stadtoberen nicht.

Warum auch? Die Aachener haben sich ja auch mit dem ganzen anderen Gammelbeton arrangiert: Bushof, Globus-Center, Anne-Frank-Gymnasium, Bahnhofsvorplatz. Manchmal kann es gar nicht genug Beton sein. Herrlich. Dennoch ist die Sache irgendwie nicht zu Ende gedacht. Vielleicht muss das ja so sein, dass ökologisch besonders bedeutsame Belange so aussehen, als sollten sie entweder dringend mal geschrubbt, aufgeräumt oder ganz woanders hin verlegt werden.

Da fällt einem zum Beispiel der wildwunde Gemeinschaftsgarten Hirschgrün an der Richardstraße im Suermondt-Viertel ein – oder das eigens für vermisste Insekten bepflanzte, eingezäunte und dennoch mit Hundekot gedüngte Areal an der Ecke Boxgraben/Weberstraße. Angesichts solch grüner Kunststücke darf man im Gegenzug – wie am Klinikum – schon mal guten Gewissens ein paar hundert Bäume wegmachen. Kein Problem. Vielleicht kann man auf die Schrottstelen ja ein paar Blümchen pflanzen. Ausgleichsfläche. Das wusste schon Beuys: Kosten und Nutzen müssen nicht zwingend in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

 

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