Glossiert: Brüssel verordnet Wurzelbehandlung für Edelstahlrutsche

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Glossiert: Brüssel verordnet Wurzelbehandlung für Edelstahlrutsche

Ein Kommentar von Robert Esser

Wie man eine funktionstüchtige Rutsche lahmlegt und nebenher Kosten von bis zu 30.000 Euro verursacht, kann sich in Aachen nun jeder an der Burg Frankenberg anschauen. Dank gebührt hier der „Europäischen Norm für Spielplatzgeräte und Spielplatzböden DIN EN 1176-1:2008“.

Auf hunderten Seiten ist darin aber sowas von en détail festgelegt, wie ein Spielplatz auszusehen hat. Und eben auch Rutschen. Völlig egal, dass die sogenannte „Hangmuldenrutsche Typ I“ und ihre Vorgänger hier schon ein unfallfreies Vierteljahrhundert auf dem Buckel haben.

Die Stadt wurde zur Verbarrikadierung der Abrutschstelle an der Goffartstraße gezwungen, nachdem ein TÜV-Prüfer zwar die Funktionstüchtigkeit bescheinigte, aber zig Mängel auflistete. Beispiel gefällig? Der Handlauf an der Rutschentreppe ist einige Zentimeter zu niedrig, der Edelmetalleinstieg als „Kopffangstelle“ gebrandmarkt. Strangulierungsgefahr. Deswegen warnt ein zusätzliches Schild an der Rutsche, beim Runterrutschen bloß keinen Sturzhelm zu tragen. Verboten. Wirklich.

Wobei so ein Kopfschutz beim unfreiwillig verfrühten Abflug aus der Edelstahlrinne doch ganz sinnvoll wäre...? Aber gesunder Menschenverstand ist hier natürlich fehl am Platze. Stattdessen: Auftritt fürs Umweltamt, das nun mit den Spielplatz-Experten des Stadtbetriebs das weitere Vorgehen im Rutschenfall beratschlagt. Sie ahnen schon: Es geht weiter bergab. Denn laut TÜV müssen die Wurzeln am Boden rechts und links der Rutschrinne weg. Verletzungsgefahr. Was Baumschützer andersherum auch so sehen. Ende offen.

Erstmal muss der normierte Rutschenumbau sowieso – Achtung – europaweit ausgeschrieben werden. Damit auch ein sizilianischer Rutschensicherheitsfachbetrieb die Chance kriegt, ein paar tausend Kilometer nördlich im Frankenberger Viertel zur Rinnensanierung anzurücken. Wegen der aktuellen Haushaltssperre können sich Ausschreibung und Reparatur nach Auskunft des Presseamts allerdings noch ein paar Monate verzögern. Gut so. Die Zeit muss man nutzen.

Wir haben nämlich noch mehr Wurzeln gesehen, die dringend weg müssen. Etwa im Elisengarten – Gefahr für pinkelnde Vierbeiner, die leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Westpark und Hangeweiher – Gefahr für Sonnenanbeter, die sich arglos unter Bäume betten. Und so weiter...

Ja, so eine Wurzelbehandlung tut weh. Also: Auf die Zähne beißen! Der nächste Ausrutscher aus Brüssel kommt bestimmt.

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