Aachen - Giftige Glykolverbindung in der Kita nachgewiesen

Giftige Glykolverbindung in der Kita nachgewiesen

Von: Stephan Mohne
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Alles dicht: Für die 83 Kinder und 16 Mitarbeiterinnen der geschlossenen Kindertagesstätte Alfons-Gerson-Straße in Kornelimünster ist noch kein Ausweichquartier gefunden. Donnerstag wurde bekannt, dass die Raumluft mit einer giftigen Glykolverbindung belastet ist. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Kinder vergnügten sich mit ihren Erzieherinnen Donnerstag im Wald. Geplant war das nicht. Vielmehr war es die einzige Chance, die Kinder zu betreuen. Zum Glück spielte das Wetter mit, und zum Glück sind wegen der Ferien derzeit weniger als die sonst üblichen 83 Kinder da. In ihre angestammten Räume in der Alfons-Gerson-Straße in Kornelimünster konnten die Kinder der dortigen Kita jedenfalls nicht.

Wie berichtet, ist sie seit Donnerstag geschlossen. Und sie wird es auf unabsehbare Zeit auch bleiben. Erst recht, nachdem nun klar zu sein scheint, woher der penetrante Gestank in den Räumen kommt. Die Analyse von Raumluftmessungen, die am 13. August stattfanden, hat nämlich ergeben, dass zumindest in einem Gruppenraum stark erhöhte Werte der Glykolverbindung EGBE (Ethylenglycolmonobutylether) zu verzeichnen sind. Eine entsprechende Information unserer Zeitung bestätigte die Stadt Donnerstagabend.

Was bedeutet das? In einer Stellungnahme der Stadt heißt es: Das Gesundheitsamt, das bei der Städteregion angesiedelt ist, lege Wert auf die Feststellung, dass eine „konkrete gesundheitliche Gefährdung für die Raumnutzer nicht zu befürchten“ sei. Zumindest die EU-Gefahrstoffkennzeichnung für EGBE spricht da eine andere Sprache. Generell wird der Stoff als „gesundheitsschädlich“ eingestuft.

Bei Hautkontakt und beim Einatmen wird er als giftig klassifiziert. Er kann Haut- und schwere Augenreizungen hervorrufen. Und mit der Luft kann sich auch noch ein explosionsfähiges Gemisch bilden. So oder so: Angesichts des Ergebnisses sei es genau die richtige Maßnahme gewesen, die Kita zu schließen, sagt OB Marcel Philipp. Wobei die Schließung zunächst in Unkenntnis dieser Analysewerte angeordnet worden sein soll. Vielmehr war es der penetrante Gestanks, der die Kita seit zwei Jahren plagt und der nach einer neuerlichen Bodensanierung noch vorhanden war.

Als Grund für die gemessenen Werte wird „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ angenommen, dass EGBE – vornehmlich wird der Stoff als Verdünnungs- und Lösemittel eingesetzt – einst zum Reinigen des Estrichs benutzt wurde, bevor die Bodenbeläge aufgebracht wurden. Da just jetzt in den Gruppenräumen die Bodenbeläge herausgerissen und erneuert wurden, könne der Stoff dabei freigesetzt worden sein. Er werde sich „kurz- bis mittelfristig verflüchtigen“. Im September solle es Kontrollmessungen geben.

Doch das wirft eine Reihe weiterer Fragen auf. Dazu muss man noch einmal zurückblenden. Bereits 2011 hatten in der Kleinkindgruppe Erzieherinnen über den starken Geruch und gesundheitliche Probleme geklagt – also auch ohne Herausreißen des Bodens. Der Belag wurde daraufhin saniert, obwohl Luftmessungen seinerzeit keine Schadstoffbelastung zeigten. Dasselbe geschah anderthalb Jahre später in drei Personalräumen. Erzieherinnen wurden sogar krankgeschrieben. Erneut gab es Raumluftmessungen und Analysen, teils von externen Fachleuten. Sie fielen ebenfalls negativ aus – zumindest hinsichtlich jener Stoffe, auf die man die Luftproben testete. Ob EGBE dabei war, ist eine der Fragen, die sich stellen. Eine weitere ist diese: Könnte der Stoff nicht schon recht lange in der Kita freigesetzt worden sein? Denn er entwickelt bei Erwärmung beißende und reizende Dämpfe – und in dieser Kita gibt es eine Fußbodenheizung...

Wie es hieß, werden sich die Fachabteilungen am Montag mit den Untersuchungsergebnissen auseinandersetzen. Danach wolle man dann „die Öffentlichkeit informieren“. In der Kita selbst wurde Donnerstag mit der Exkursion aus der Not eine Tugend gemacht. Und Freitag werden die Kinder wohl wieder im Wald stehen. Denn es ist – Stand Donnerstagnachmittag – noch kein Ausweichquartier gefunden. Unklar ist, ob die Gruppen zunächst übergangsweise irgendwo unterkommen. Langfristig ist überlegt worden, die Kita nach Rothe Erde auszuquartieren. Dort stehen noch die Container, in denen die Kita Weißwasserstraße für einige Monate untergebracht war.

Tiefe Verägerung wie auch Verunsicherung gibt es indes in der Elternschaft. Da werden haarsträubende Dinge berichtet. So hätten seinerzeit Eltern vorgeschlagen, neben Luft- auch Bodenproben zu nehmen. Die Finanzierung der Analyse hätte man sogar selber übernehmen wollen. Eine Mutter habe dann von dem bei einer der früheren Sanierungsmaßnahmen herausgerissenen alten Linoleumboden eine Probe genommen. Seitens der Verwaltung sei den Eltern jedoch strikt untersagt worden, Proben auf eigene Faust analysieren zu lassen.

Vor zahlreichen Eltern sei sogar die Rede von „Hausfriedensbruch“ gewesen, handele es sich doch schließlich um städtisches Eigentum. Ebenfalls aus der Elternschaft sei der Vorschlag gekommen, die Kita „geplant“ zu schließen und sie für diese Zeit nach Rothe Erde auszulagern, um dann alle notwendigen Untersuchungen in Kornelimünster machen zu können. Auch das sei als nicht notwendig abgetan worden. Schließlich hätten die Luftmessungen ja kein Ergebnis gebracht. Nun musste die Kita von einem auf den anderen Tag dichtgemacht werden. Wie lange die 83 Kinder der Kita – rund 30 sind gerade erst ein paar Tage da – nicht in ihre „Heimat“ zurückkehren können, ist offen

Die Stimmungslage bringt eine Mutter so auf den Punkt: „So langsam hat man das Gefühl, verarscht zu werden.“

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