Aachen - Giftattacken: Wer tut so etwas? Polizei tappt im Dunkeln

Giftattacken: Wer tut so etwas? Polizei tappt im Dunkeln

Von: Oliver Schmetz und Matthias Hinrichs
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Hinweis auf ein mögliches Motiv? Dieser kinderfeindliche Aufkleber prangt am Spielplatz an der Lochnerstraße, der Ziel einer Giftattacke war. Foto: Andreas Steindl
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Sophie Poll und ihre Kinder Elias (links) und David gehen trotzdem wieder in den Westpark. Foto: Andreas Steindl
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Dort – wie an vielen anderen Spielplätzen – fuhr die Polizei verstärkt Streife. Foto: Andreas Steindl Foto: Andreas Steindl

Aachen. Wie sag ich‘s meinem Kinde? Diese Frage stellt sich Sophie Poll zurzeit häufiger. Denn sie geht mit ihren beiden Sprösslingen regelmäßig in den Westpark – auch an diesem Freitagnachmittag, keine 48 Stunden nach der neuerlichen Attacke mit Rohrreiniger, die dort am Mittwoch zu einem Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Stadtbetrieb geführt hatte.

Und bei der sich erneut ein kleines Mädchen verletzte, das fünfte verletzte Kind binnen zwei Wochen. Dass Sophie Poll zumindest mit ihrem vierjährigen Sohn David über so etwas spricht – Brüderchen Elias ist erst eineinhalb –, ist für die junge Mutter selbstverständlich. Schließlich muss der Junge ja für Gefahren sensibilisiert werden. „Aber es ist sehr schwierig, kleinen Kindern zu erklären, dass jemand so gemein sein kann“, sagt sie. „Es ist ja auch für uns unvorstellbar, dass wir so etwas miterleben müssen.“

Damit steht Sophie Poll nicht alleine. Allerorten wird mit dem Kopf geschüttelt über die jüngste Serie von Giftattacken auf Grillplätze, Spielplätze und zuletzt auf den Westpark, die sich gegen die wehrlosesten Opfer richtet – kleine Kinder. „Hier herrscht riesengroßes Entsetzen“, kommentiert Stadtsprecher Bernd Büttgens am Freitagmorgen die Stimmung in der Stadtverwaltung, die mit den Folgen der Taten alle Hände voll zu tun hat. „Man weiß ja gar nicht, was man dazu noch sagen soll.“

Kripo verschärft Gangart

Wer der Täter ist, ist nach wie vor unklar. Die Ermittler tappen völlig im Dunkeln, wie die Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft, Katja Schlenkermann-Pitts, am Nachmittag einräumt. Aber immerhin verschärfen sie nun die Gangart. Eine eigene Ermittlungskommission wird an diesem Tag bei der Kripo eingerichtet. Und es wird eine Belohnung ausgesetzt: 3000 Euro erhält, wer Hinweise geben kann, „die tatsächlich zur Aufklärung der Tat oder Ergreifung des Täters führen“, teilt Schlenkermann-Pitts mit.

Zeugen werden gebeten, sich bei der Polizei zu melden (0241/9577-34210). Hilfe können die Ermittler gut gebrauchen, konkrete Hinweise gibt es nicht. Allerdings will man auch selber aktiver werden. Beamte in Uniform und in Zivil sollen die Spielplätze in nächster Zeit stärker beobachten. Auch verdeckte Einsätze sind nach AZ-Informationen vorgesehen.

An diesem Freitagnachmittag biegt schon einmal ein Streifenwagen von der Lochnerstraße aus in den Westpark ein, rollt am Spielplatz vorbei und umrundet den Weiher. Die Polizei zeigt dort Präsenz, wo das aggressive Granulat zwei Tage zuvor großflächig auf Bänken und Wegen verstreut worden ist. 22 Bänke mussten dort abmontiert werden, nur die Betonfüße ragen hier und da noch aus dem Boden. Einige von ihnen sind „erheblich beschädigt“, wie Björn Gürtler vom städtischen Presseamt berichtet, andere können noch repariert werden.

„Wir werden versuchen, relativ zügig für Ersatz zu sorgen“, sagt Gürtler. Bis 2 Uhr waren Mitarbeiter der Stadt und einer Fremdfirma in der Nacht auf Donnerstag damit beschäftigt, die kontaminierten Sitzmöbel abzubauen.

Sitzen kann man dafür jetzt wieder auf dem Spielplatz mitten im Westpark. Dort hatten sich am Samstag voriger Woche zwei Kinder leicht verletzt, weil sie mit kleinen weißen Kügelchen – Rohrreiniger, wie sich herausstellte – in Berührung gekommen waren. Jetzt ist der Platz wieder zugänglich. Er wurde gereinigt, der Sand ausgetauscht.

Geschlossen ist dagegen noch der Spielplatz an der Lochnerstraße am Rand des Westparks. Auch dieser war am vorigen Samstag attackiert worden. Dort habe man den Sand aufwendig aufgearbeitet, sagt Gürtler. Am Montag wolle man noch eine Bodenprobe entnehmen, bevor man den Platz wieder öffnen werde.

Wer genau hinschaut, kann just an dieser Stelle einen kleinen Hinweis auf ein mögliches Motiv erkennen. Auf den Pfahl, an dem das Spielplatzschild hängt, hat jemand einen Zettel geklebt. „Lautes Geschrei ist hier unerwünscht“, steht darauf. „Das ist ein Spielplatz, du Pfosten!“, hat jemand daruntergeschrieben. Ist möglicherweise ein Anwohner der Täter, der das Treiben im Westpark und den damit verbundenen Lärm hasst?

Schließlich sind die Spielgeräte und Sitzbänke dort in den vergangenen Jahren mehrfach mit Fäkalien beschmiert worden. Hat sich der damalige Täter ein schlechtes Vorbild an den Fällen vor zwei Wochen auf den Grillplätzen am Karlshöher Hochweg und am Adamshäuschen genommen und benutzt nun Rohrreiniger? „Das ist nicht auszuschließen“, kommentiert Schlenkermann-Pitts eine solche „Trittbrettfahrer“-Theorie auf Nachfrage. „Derzeit ermitteln wir in alle Richtungen.“

Empfindliche Strafe droht

Klar ist zumindest, dass dem Täter eine empfindliche Strafe droht. Denn wie die AZ bereits am Donnerstag berichtete, bestätigt die Staatsanwaltschaft nun, dass sie in den Rohrreiniger-Fällen wegen des Verdachts einer versuchten Tötung ermittelt.

Hintergrund: Je nach Dosierung können die Chemikalien für kleine Kinder lebensbedrohlich sein. Dass niemand mehr geschädigt wird, daran will sich auch die Stadt aktiv beteiligen. Das Ordnungsamt werde ebenfalls die 217 Spielplätze und 17 Grillplätze der Stadt noch genauer als bisher überwachen, sagt Gürtler.

Wenn der Täter ins Netz geht, gibt es vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, die Sophie Poll ihrem vierjährigen Sohn nur so schwer erklären kann – wie und warum jemand so gemein sein kann. Falls der Täter es denn den Ermittlern verrät.

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