Aachen - Gewalt gegen Frauen: „Täterarbeit ist der beste Opferschutz“

Gewalt gegen Frauen: „Täterarbeit ist der beste Opferschutz“

Von: Kathrin Albrecht
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Straftat in den eigenen vier Wänden: Über häusliche Gewalt, die sich in der Regel gegen Frauen richtet, diskutierten Experten im Aachener Justizzentrum. Im Mittelpunkt standen dabei die Möglichkeiten und Grenzen der Täterarbeit. Foto: dpa

Aachen. Gewalt gegen Frauen beginnt oft vor dem ersten Schlag: Es ist der Vorwurf, wenn das Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch steht, das Überwachen des Handys, das ständige Herabwürdigen der Partnerin. „Für die Frauen wiegt das genauso schwer wie die physische Gewalt“, so Roland Hertel, Leiter des Interventionszentrums gegen häusliche Gewalt Südpfalz.

Jetzt war er Gastreferent und Teilnehmer am Runden Tisch „Staatliche Interventionsmöglichkeiten in Fällen Häuslicher Gewalt – Möglichkeiten und Grenzen in der Täterarbeit“, zu dem der Arbeitskreis „Gewalt gegen Frauen“ in den Schwurgerichtssaal im Aachener Justizzentrum eingeladen hatte.

Zur Beratung nach Köln

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Täterarbeit, ein Feld, das in der Region zurzeit von keiner Einrichtung abgedeckt wird. Eine Selbsthilfegruppe gewaltbereiter Männer wurde aufgrund fehlender finanzieller Mittel aufgelöst. „Wenn ich in der Beratung auf die nächsten Einrichtungen verweise, die auch mit den Tätern arbeiten, muss ich die Betroffenen nach Köln schicken,“ sagt Renate Wallraff vom Frauenhaus Alsdorf.

Dabei sei gerade dieser Teil der Arbeit ein wichtiger Beitrag, erläutert Loni Finken, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aachen: „Die Beziehung zwischen Täter und Opfer ist bei häuslicher Gewalt sehr komplex, uns geht es auch darum, zu vermeiden, dass es zu Gewalt kommt und das Paar wieder zu einer funktionierenden Basis miteinander findet.“ Und Hertel fügt hinzu: „Häusliche Gewalt ist ein gesamtwirtschaftliches Problem. Das betrifft nicht nur die Folgekosten für die allgemeinen Systeme, sondern auch die Auswirkungen auf die Kinder, die häusliche Gewalt miterleben.“

Im Interventionszentrum Südpfalz ist die Täterarbeit als präventive Arbeit daher neben der Opferarbeit nahezu gleichberechtigt. Insgesamt hat das Land Rheinland-Pfalz 18 Interventionsstellen eingerichtet, acht sind auf die Täterarbeit ausgerichtet. „Die Politik hat erkannt, dass die negativen Auswirkungen auf die allgemeinen Systeme, wie das Gesundheitssystem, größer sind als die Unterstützung der Präventionsarbeit“, sagt Hertel.

Initialzündung für die Region?

Finanziert werden die Einrichtungen vom Land Rheinland-Pfalz. Kriminalhauptkommissarin Sylvia Reinders vom Opferschutz der Polizei ist beeindruckt und überzeugt von diesem Konzept. „Es zeigt, dass staatliche und private Organisationen erfolgreich zusammenarbeiten können.“ Die Folgen der fehlenden Täterarbeit kennt Wallraff aus zwei Fällen. „Wir haben zwei Frauen betreut, die durch den selben Täter misshandelt wurden. Das System wird nicht unterbrochen, wenn die Arbeit mit den Tätern fehlt.“ Der Runde Tisch soll daher eine Art Initialzündung für die Region bringen.

„Wir hoffen, dass der heutige runde Tisch etwas auf den Weg bringt, dass wir die richtigen Stellen erreichen, um die notwendigen finanziellen Mittel zu erhalten.“ Denn in diesem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Die bestehenden Einrichtungen, wie „Frauen helfen Frauen“, der Notruf für vergewaltigte Mädchen und Frauen oder auch die Frauenhäuser, können diese Aufgabe allein nicht stemmen. „Wir brauchen die Unterstützung der Politik“, so Loni Finken.

Konzepte für die Täterarbeit gebe es bereits. „Außerdem“, sagt Finken, „arbeitet der Arbeitskreis seit 24 Jahren in der Region.“ Rund 60 Zuhörer, darunter Vertreter aus der Aachener Staatsanwaltschaft, vom Jugendamt und aus der Bewährungshilfe, haben sich zum Runden Tisch angemeldet.

Zugang zur Politik finden

„Schön wäre es, wenn wir einen Zugang zur politischen Ebene finden würden“, meint Loni Finken. Denn „Täterarbeit“, sagt Roland Hertel, „ist der beste Opferschutz“.

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