Aachen - Gewalt am Arbeitsplatz: Nicht nur bei Politessen geht die Angst um

Gewalt am Arbeitsplatz: Nicht nur bei Politessen geht die Angst um

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. September 2012: „Angestellte eines Jobcenters erstochen“. April 2013: „Waffennarr erschießt Landrat“. Nur zwei Meldungen aus dieser Zeitung über extreme Verbrechen gegenüber Vertretern der sogenannten staatlichen Gewalt. Sie werfen kaum mehr als ein grelles Schlaglicht auf die Spitze eines Eisbergs, der in beängstigendem Maße wächst, sagen die Betroffenen. Auch in Aachen.

Die städtischen Mitarbeiter, die inzwischen regelmäßig in der Geschäftsstelle der Gewerkschaft Komba nahe dem Hauptbahnhof beisammensitzen, können darüber viele traurige und entsetzliche Geschichten erzählen – aus eigener Erfahrung. Sie fordern kein Mitleid, sondern Maßnahmen.

Denn längst fürchteten nicht mehr „nur“ noch jene um ihre Sicherheit, die in besonderem Maße mit „klassischen“ Konfliktsituationen konfrontiert seien – wie die Jobcenter-Mitarbeiterin, die vor knapp sechs Jahren in eine Geiselnahme involviert war, wie der Aseag-Chauffeur oder die Politesse, die erzählt, wie sie von einem wütenden Autofahrer vorsätzlich angefahren wurde und dabei einen Schienbeinbruch erlitt (ihre Namen möchten die Betroffenen nicht in der Zeitung lesen).

So berichtet ein Vertreter des Rettungsdienstes von einem brutalen Angriff auf einen Notarzt. „Er wurde zu einem Einsatz in einer Wohnung gerufen, weil dort eine Frau offensichtlich misshandelt worden war. Als er ihr helfen wollte, prügelte ihr Ehemann auf ihn ein und verletzte ihn erheblich.“ Am Ende musste der Mediziner sich selbst wegen einer Schnittwunde an der Stirn in Behandlung begeben. Immer häufiger, klagt der langjährige Feuerwehr-Bedienstete, würden derartige körperliche Übergriffe aktenkundig.

„Fast täglich müssen wir feststellen, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber Kollegen aus den unterschiedlichsten Bereichen immer weiter eskaliert“, sagt Hubert Meyers, Vorsitzender der Gewerkschaft, die in Aachen rund 1800 kommunale Angestellte und Beamte vertritt. „Leider dringt davon nur selten etwas an die Öffentlichkeit. Und leider werden Übergriffe viel zu oft bagatellisiert oder gar ignoriert.“ Deshalb hat die Komba jetzt eine Resolution Richtung Rathaus geschickt. Sie appelliert an den OB, wirksame Strategien gegen ausufernde verbale und körperliche Attacken zu entwickeln.

„Nach wie vor ist kein ganzheitlicher Ansatz erkennbar, um dem Problem effektiv zu begegnen“, kritisiert auch Karlheinz Welters vom Komba-Vorstand. „Wir brauchen aber strukturelle Lösungen.“ Es sei höchste Zeit, dass ein Runder Tisch mit Experten aus Behörden, Personalrat, Gewerkschaften und Polizei ein „arbeitsplatzbezogenes Gesamtkonzept“ erarbeite, in dem Vorbeugung, Handlungs- und Reaktionsmöglichkeiten in akuten Notsituationen sowie konsequente Nachsorge für betroffene Kollegen institutionalisiert werden.

Das traurige Spektrum der rückhaltlosen Aggression umfasse längst nicht mehr „nur“ schwere Beleidigungen bis hin zum Mobbing, berichtet auch eine Erzieherin aus einer Aachener Kita. Androhung von Prügeln – auch in Gegenwart von Kindern – seien keine Einzelfälle. „Viele Kolleginnen sind traumatisiert, brauchen psychologischen Beistand.“ Hemmschwellen seien oft kaum mehr vorhanden – vielleicht auch, weil immer mehr Menschen das allzu simple Weltbild sogenannter „Reality Soaps“ völlig unreflektiert verinnerlichten.

„Es ist gar nicht mehr die Frage, ob etwas passiert, sondern nur noch wann“, meint ein junger Mann, der im Vollstreckungsdienst der Stadtkasse täglich an den Wohnungstüren vorstellig werden muss, um Pfändungen vorzunehmen. „Es ist klar, dass es keinen völligen Schutz gibt. Aber wir wünschen uns zum Beispiel, dass Deeskalationstrainings nicht nur gelegentlich, sondern grundsätzlich und systematisch angeboten werden.“

Auch praktische Schutzmaßnahmen könnten durchaus helfen, wenn es zum Äußersten komme – von der Notruf-App fürs Handy bis hin zur schusssicheren Weste oder technischen und baulichen Sicherheitsvorrichtungen. Meyers: „Wir wissen, dass es kein Patentrezept gibt. Gerade deshalb ist es erforderlich, die Gründe der Gewalt zu analysieren und auf dieser Basis Konzepte zur Gefahrenabwehr zu entwickeln.“

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