Geschichten von Marter, Flucht und Neubeginn

Von: Matthias Hinrichs
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Leichtes Gepäck, schweres Schicksal: In „Dschudschumann“ geben zehn Akteure der Amos-Comenius-Schule Einblicke in vielfach authentische Erlebnisse von Flüchtlingen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Eines Tages nahmen sie ihn mit und sperrten ihn ein. Sie misshandelten und demütigten ihn. So wie sie es schon mit Tausenden gemacht hatten. Auch mit einem seiner Onkel, weil der weggelaufen war – aus lauter Angst, sie könnten ihm etwas antun. Einen anderen Onkel brachten sie um, weil er selbst ein Polizist gewesen war, genau wie sie – einer aus dem verhassten Regime, das sie kurz zuvor gestürzt hatten.

Yacouba Bara entging ihren Kugeln buchstäblich um Haaresbreite. „Er musste sich in einen Graben stellen. Sie haben sich einen Spaß daraus gemacht, direkt über seinen Kopf hinweg zu schießen“, erzählt Wolfgang Vincke. Dann ließen sie ihn frei. Frei? Auch Yacouba Bara entschloss sich wegzulaufen. Weit, weit weg, nur weg aus Abidjan, weg von der Elfenbeinküste, raus aus dem Bürgerkrieg in seiner geschundenen, zerrissenen Heimat.

Das ist lange her. Yacouba Bara lebt schon seit über 20 Jahren in Aachen. Er hat längst einen deutschen Pass. Den Schergen des Folterstaats ist er entronnen, seinen Erinnerungen kann er nicht entfliehen. Also hat er sie aufgeschrieben und Wolfgang Vincke seine Geschichte erzählt. Die beiden sind Kollegen. In Abidjan hat Bara als Lehrer gearbeitet, damals.

Sein Sohn Zakaria, geboren 2001, besucht die Amos-Comenius-Schule, wo Vincke unterrichtet. Beide stehen nach Karneval in einer Inszenierung auf der Bühne des Space im Ludwig Forum an der Jülicher Straße, in der Vincke unterschiedlichste Bilder von Menschen lebendig werden lässt, „die sich auf den Weg gemacht haben, die sich auf dem Weg befinden und die anlanden in einer Welt, die ihnen in etwa so fremd erscheinen muss wie ihr Erscheinen selbst“.

„Dschudschumann“ heißt die szenische Collage, in der zehn Akteure aus drei Generationen ihre Erfahrungen als Flüchtlinge in einer völlig unbekannten Situation, einem völlig fremden Land reflektieren – eine Art dramatische Revue mit ganz persönlichen, oft bestürzend brutalen, gelegentlich kuriosen, manchmal verstörend erschreckenden Berichten und Geschichten aus allererster Hand.

Neben Yacouba Bara hat auch Shirin Ahmad an der mitunter fast expressionistisch anmutenden Textgrundlage mitgewirkt. Die junge Syrerin, inzwischen Zehntklässlerin an der Comenius-Schule, fand vor rund zwei Jahren mit ihrer Familie Zuflucht bei ihrem Onkel Mustafa Ahmad in Burtscheid, der mit seiner Frau Dagmar nicht weniger als 20 Kriegsflüchtlinge in seinem Haus aufgenommen hatte.

Nicht zuletzt durch viel Musik und Choreographien von Yvonne Eibig ist das Werk als irritierend schillerndes Kaleidoskop des Überlebenskampfes zwischen Existenzverlust, Flucht und Neubeginn geprägt von einer dynamischen Grundmelodie, in der am Ende doch die positiven Töne überwiegen sollen. „Wir wollen dem Zuschauer vor Augen führen, dass man als Einzelner stets Verbündete finden muss“, sagt Vincke.

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