Geschichten von Heimat und Wandel: Das Leben von Migranten

Von: Jan Weck
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Der doppelte Migrant: Carmelo
Der doppelte Migrant: Carmelo Licitra, vor vielen Jahren aus Sizilien nach Aachen gekommen, findet sich selbst in der Ausstellung „Bewegung - Migration in Aachen seit 1945” in der Nadelfabrik am Reichsweg wieder - was ihn und Bürgermeisterin Hilde Scheidt sichtlich amüsiert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Entwicklung einer Gesellschaft über Jahrzehnte nachzuvollziehen ist eine Herausforderung, sie zu dokumentieren eine noch größere. Fakten und Ereignisse müssen in Zusammenhang gebracht werden und die Lebenswirklichkeit der Menschen soll vorstellbar werden. Und es sind die erzählten Geschichten, die den abstrakten Begriff der Geschichte konkret werden lassen.

Migration in Aachen seit 1945 ist das Thema der Ausstellung, die letzten Sonntag in der Nadelfabrik (Haus der Identität und Integration) eröffnete. Das Phänomen wird dort nicht isoliert in nackten Zahlen behandelt, sondern die Ausstellung wagt einen Blick auf die sich stetig verändernde bundesdeutsche Gesellschaft im Allgemeinen und auf die Aachener Gesellschaft im Speziellen.

Eine Zeitleiste zieht sich durch alle Ecken des Ausstellungsraums, SchwarzWeiß-Fotografien und kurze Texte dokumentieren die folgenreichsten politischen Ereignisse und entscheidende Momente der vergangenen Jahrzehnte. Etwa das Entstehen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957, das Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 oder den Anwerbestopp 1973. Auf bunten Säulen illustrieren gleichzeitig Zeitungsartikel, Berichte und Fotografien das Leben der Migranten in Aachen.

Zu sehen sind Familien in ihren Wohnungen, graue Straßenzüge mit spielenden Kindern, Portätfotos und manche Schriftstücke aus dem Privatleben. Erkennbar wird dabei eine Realität jenseits der Klischees, in der Neuankömmlingen in Deutschland Gutes wie Schlechtes widerfuhr. Die Ankunft im Wirtschaftswunderland bedeutete mehr Geld für die ganze Familie, aber häufig auch die tägliche Konfrontation mit den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft. Nationalitäten prägten Stadtviertel und ließen eine spezielle Infrastruktur entstehen, die sich an den Bedürfnissen der Landsleute ausrichtete.

Dass es dabei zu Konflikten und politischen Debatten kam, sei ganz natürlich, sagt Christoph Rass, der an der Universität Osnabrück lehrt und lange für die Ausstellung recherchiert hat. Unterm Strich habe die Migration aber positive Folgen für die gesamte Gesellschaft unabhängig von dem wechselnden Blickwinkel von Medien und Politik. Integration und Rückzug in einen subkulturellen Mikrokosmos seien Entwicklungen, die sich häufig zur selben Zeit vollziehen. Das Bild der sich wandelnden Gesellschaft sei also niemals schwarz-weiß, sondern immer bunt und facettenreich.

Nachdenken über eigene Identität

Rass hofft, dass Besucher sich künftig intensiver mit dem Thema Migration auseinandersetzen, schließlich betreffe es jeden, der über seine eigene Identität und den Zusammenhalt der Gesellschaft nachdenke. Wer möchte, kann auch vor Ort seine Gedanken auf eine Karte schreiben und an einer Magnetwand mit den späteren Besuchern der Ausstellung teilen. „Heimat ist, wenn ich nachts über die Autobahn nach Aachen komme und den beleuchteten Brunnen am Europaplatz sehe”, hat dort jemand am Tag der Eröffnungsfeier geschrieben. Es hätte jeder sein können.

Die Ausstellung „Bewegung - Migration in Aachen seit 1945” wird in einigen Wochen auf Reisen gehen und die RWTH und verschiedene Schulen in Aachen besuchen. Anschließend soll sie dauerhaft in der Nadelfabrik zu sehen sein und noch weiter wachsen.
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