Geschäftsleute am Büchel rufen um Hilfe

Von: Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
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In der Abwärtsspirale: Rund um das Parkhaus Büchel beklagen die Geschäftsleute zunehmend Vandalismus, Einbrüche und eklige Verunreinigungen. Foto: Steindl (2), Jaspers (1), Leisten (1)
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Hat nach 30 Jahren ihre Boutique geschlossen: Die ständigen Belästigungen und Verschmutzungen haben für Eleonore Brux den letzten Ausschlag gegeben.
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Öffnet nur noch auf Klingelzeichen: Friseurmeisterin Julia Beckers hat reichlich Erfahrung mit „Kunden“, die alles andere als einen neuen Look bei ihr suchen.
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Der Glaser war mal wieder da: Geschäftsinhaberin Anne Gallwé hat keine Lust mehr auf Einbrüche und die damit einhergehende bleibende Verunsicherung.

Aachen. Bei Juwelieren oft ein gewohntes Bild: Erst klingeln, dann eintreten. Die Schelle an der Tür zu einem Frisiersalon ist da eher ungewohnt. Bislang. Julia Beckers haben die Erlebnisse der jüngeren Vergangenheit zum Umdenken gezwungen.

In den Salon der Friseurmeisterin, der unter dem Namen „Blondes Gift“ an der Minoritenstraße firmiert, kommt man nur nach Druck auf die Klingel.

Drei Einbruchsversuche, davon zwei „erfolgreiche“, haben sie zu der Entscheidung gebracht. Sie ist nur ein Beispiel für Inhaber und Inhaberinnen, die in der Innenstadt ihre Geschäfte selbst führen und unter Einbrüchen, Vandalismus und wirklich unappetitlichen Verschmutzungen leiden.

Eine Strophe dieses Klageliedes muss vor allem Anne Gallwé singen. Die Aachenerin mit Leib und Seele hat bereits mehrere Geschäfte in der Stadt betrieben, aktuell führt sie einen Beauty-Shop am Büchel. Derzeit gehört mal wieder der Glaser zu ihren Besuchern, zum zweiten Mal seit dem Herbst. Im Gegensatz zu einem Einbruchsversuch kurz vor dem Jahreswechsel gelangten der oder die Täter im September ins Geschäft, ließen Bargeld und den PC mitgehen.

Die Daten seien nur sehr schwer zu rekonstruieren gewesen, die betriebswirtschaftlichen Schäden also beträchtlich. „Hinzu kommt das bleibende Gefühl der Unsicherheit: Wie sieht es aus, wenn ich morgens zu meinem Geschäft komme?“, fragt die Frau eher rhetorisch.

Immerhin haben jüngst die Stemmeisen der Einbrecher nur Narben, aber keine bleibenden Verletzungen an der gut gesicherten Tür hinterlassen. Aber die Versicherungsprämien stiegen kontinuierlich. Mindestens dreimal pro Monat müsse der Eingangsbereich gründlich von Urin, Erbrochenem, zerschlagenen Bierflaschen und Kippen gereinigt werden. Das Gegenmodell zum Beauty-Shop.

Nur wenige Meter unterhalb ist die Boutique Harris von Gaby Harris angesiedelt, in der man Wert auf feine Fashion legt. Fast 24 Jahre hatte die Inhaberin Ruhe. Am vergangenen Tag der Deutschen Einheit waren sich dann Schlägerbanden gar nicht einig, ein Betroffener flog durch eine dicke Glasscheibe. „In der Boutique war alles voller Blut“, klagt die Geschäftsfrau. Und kurz vor Weihnachten 2016 folgte dann auch der erste Einbruch.

Wenige Häuser unterhalb war in den vergangenen Jahren „Fair Lady Accessoires“ beheimatet. Silvester war Schluss. Permanente Verschmutzungen widerlichster Art haben den letzten Ausschlag gegeben, das Geschäft zu schließen.

„Das war nicht der Hauptgrund, aber wer hat schon Lust, jeden Tag die Urinspuren zu beseitigen?“, fragen Inhaberin Eleonore Brux und ihr Lebensgefährte Bernhard Wucherer. Zur Zeit des Weihnachtsmarktes haben die Geschäftsleute morgens wenig adventliche Hinterlassenschaften im Eingang vorgefunden. Auch hier: zerbrochene Bierflaschen, deren Inhalt als Retouren aus dem Magen, Farbsprühereien. Zudem sei zweimal eingebrochen worden.

Wucherer lädt spontan zu einem Besuch bei einer Leidensgenossin – vielleicht 30 Meter entfernt – ein. Auch Irmgard Wangerin berichtet vom täglichen beziehungsweise nächtlichen Vandalismus. Sie führt in der Körbergasse zwei Geschäfte: „Wangerin accessoires“ und „More than Shoes“. Sie dachte, ihre mit Betonsteinen beschwerten Blumenkübel vor dem Geschäft seien sicher – bis auch die eines Morgens verschwunden waren.

Irmgard Wangerin hat Ersatz beschafft. „Wir könnten die Töpfe abends in den Laden stellen – wenn die Leute nicht ihre Hunde daran pinkeln ließen. Und den Geruch will niemand im Geschäft haben...“ Längst hat die Geschäftsfrau Kameras gegen Diebstahl installiert. Gezwungenermaßen, wie sie betont. Es gibt weitere Beispiele, aber nicht alle Betroffenen wollen an die Öffentlichkeit.

Ob das Modell Kamera auch für den Außenbereich taugt, wollen viele Geschäftsleute neu diskutieren. Denn was könne man sonst tun. Anzeigen bei der Polizei würden in der Regel mit einem Schreiben über das Anlegen eines Aktenzeichens und dann der Einstellung der Ermittlung gegen Unbekannt enden. „Wir müssen jetzt das Bewusstsein für die unhaltbaren Umstände schärfen“, fordert Anne Gallwé. Mehr Präsenz von Polizei und Ordnungsamt könnten helfen, vielleicht auch Kameras im öffentlichen Raum. Auch wenn ihr diese Idee grundsätzlich ordentlich gegen den Strich gehe.

Genau wie Anne Gallwé fühlt sich auch Julia Beckers für ihre Kunden verantwortlich. Sie hat auch über Kameras nachgedacht. Denn die zierliche Frau hatte früher regelmäßig ungeladene Gäste im Salon, die alles andere als einen neuen Look wollten.

„Mit Kippe und Bierflasche und unmissverständlichen Betteleien – und dann wehren Sie sich mal alleine als Frau...“ Oft seien die entsprechenden Besucher Junkies oder Kunden aus der Antoniusstraße ohne Respekt vor Frauen. Die Idee der Klingel sei im übrigen bei ihrer Kundschaft hervorragend angekommen, freut sich die Friseurmeisterin. Aber sie sagt auch: „Es ist schade, dass wir so etwas überhaupt brauchen.“

Eine Lösung für das Problem kennt man auch beim städtischen Ordnungsamt nicht. „Unsere Mitarbeiter sind bis 1 Uhr nachts unterwegs. Durchaus auch im Bereich des Büchels“, erklärt Fachbereichsleiter Detlev Fröhlke. Und es würden auch immer wieder Verwarnungsgelder verhängt. Aber Überwachungskameras seien derzeit politisch nur im Bereich des Bushofs gewollt beziehungsweise umsetzbar. Nicht nur Fröhlke ist der Meinung, dass letztlich eine städtebauliche Umgestaltung des Bereichs Büchelparkhaus/Antoniusstraße drängt.

Die Beobachtungen der Polizei bestätigen die der geplagten Geschäftsleute. Viele Einsätze im letzten Halbjahr, Diebstähle aus Autos – auch im Parkhaus – und Kellern, Hausfriedensbruch, Belästigungen durch Junkies und Obdachlose. Dazu überall Uringestank. Die Antoniusstraße lockt eine spezielle Klientel aus der ganzen Region an. Polizeisprecher Paul Kemen zieht eine ernüchternde Bilanz nach Rücksprache mit den Bezirksbeamten vor Ort.

„Wir schöpfen die rechtlichen Möglichkeiten aus. Aber bei der Klientel ist nichts zu machen – und nichts zu holen“, sieht auch er die einzige Möglichkeit zur Abhilfe in einer Besserung des sozialen Klimas. Und das sei nur zu erreichen, wenn endlich eine städtebauliche Lösung am Büchel komme.

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