Aachen - Genialer Koch soll weiter hinter Gittern schmoren

Genialer Koch soll weiter hinter Gittern schmoren

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. Kein Zweifel: Hans-Werner J. hat schon eine Menge angerichtet. Gutes allerdings meist nur im streng kulinarischen Sinn. Als gelernter Koch hat er nicht weniger als drei einschlägige Sterne vorzuweisen - aber eben auch ein langes Vorstrafenregister.

Wegen etlicher Betrugs- und Diebstahlsdelikte sitzt der 59-Jährige bereits seit anderthalb Jahrzehnten in Haft. Inzwischen wurde gegen den notorischen Straftäter gar - zeitlich unbegrenzte - Sicherungsverwahrung verhängt. Jetzt kämpft er um seine Entlassung, nicht ohne engagierte Fürsprecher - aber gegen die entschiedene Meinung eines professionellen Gutachters.

Immer wieder auf dem Gaspedal

Das könnte auf unabsehbare Zeit so bleiben - auch wenn J. selbst seinem womöglich prekärsten charakterlichen Defizit abgeschworen haben will. Denn wenn Justitia den Mann (vorübergehend) auf freien Fuß setzte, landete der immer wieder auf dem Gaspedal. Hauptproblem: J. hat keinen Führerschein. Drei Mal wurde er hinterm Steuer erwischt.

Konsequenz: Weil er eine offensichtliche Gefahr für die Allgemeinheit darstelle, kann er ohne Beschluss der Vollstreckungskammer nicht entlassen werden. Will sagen: Nur durch ein Expertenvotum, das Aussicht auf straffreie Zukunft bescheinigt, dürften sich die Zellentüren wieder für ihn öffnen.

Nächstes Problem: Ein entsprechendes Gutachten, erstellt von einem pensionierten Klinikleiter, Psychiater und Neurologen aus Nettetal, attestiert dem Inhaftierten völlige „Therapieresistenz” und kennzeichnet ihn als unverbesserlichen Wiederholungstäter. Und das, obwohl J. sich in jüngerer Zeit als Freigänger bewährt habe - und vordem von einem Kollegen, ebenfalls per Gutachten, als durchaus „resozialisierungsfähig” bezeichnet worden sei, wie seine Anwältin Martina Nadenau unterstreicht.

Einen beredten Unterstützer hat J. zudem in einem streitbaren Kollegen gefunden. Manfred Engelhardt, umtriebiger Gewerkschafter und ehemaliger Koch beim Studentenwerk, sagt seine Meinung naturgemäß nicht im medizinisch-juristischen Jargon: „Dass der Mann in Haft bleiben soll, ist ein Skandal und pure Verschwendung von Steuergeldern.”

Skandal, weil J. sich nach einer schweren Erkrankung „grundlegend geändert” habe, seit Jahren in fester Beziehung lebe und keinesfalls rückfällig werden wolle. Verschwendung, weil er selbst dem „höchst fähigen” Haute-Cuisine-Koch bereits drei Stellen hätte verschaffen können - „wäre da nicht dieser Gutachter, der seine Expertise trotz wiederholter Anfragen seitens der Kammer fast ein Jahr lang hinausgezögert hat”.

Komme hinzu, dass der Psychiater in dem 83-seitigen Werk keine substanziellen Kritikpunkte geltend gemacht habe, wie Anwältin Nadenau betont. „Die Formulierungen lesen sich, als wären sie aus Textbausteinen zusammengesetzt.” Nur ein Mal habe der Mediziner den Häftling zum längeren Gespräch gebeten.

Dabei sei es grundsätzlich nicht hinnehmbar, dass in Deutschland Straftäter, die nie durch Gewaltbereitschaft aufgefallen seien, auf immerdar „weggeschlossen” werden könnten. „Ich hoffe, dass der Europäische Gerichtshof dieser Praxis bald einen Riegel vorschiebt.” Immerhin habe selbst das jüngste „Schlechtachten” (Engelhardt) bei J. ausdrücklich „keine Neigung zur Gewalt” festgestellt.

Was Engelhardts Neigung zum öffentlichkeitswirksamen Protest durchaus befeuert: „Wenn der sich durchsetzt, organisiere ich eine Kundgebung vor seinem Haus”, versichert der demo-erprobte Ex-Personalratsvorsitzende.

Richter haben nun das Wort

All dies freilich ficht den Mediziner vom Niederrhein nicht an. Eine Stellungnahme lehnte er auf Nachfrage ab. Am 16. April hat nun die Vollstreckungskammer des Landgerichts das Wort. „Allerdings werde ich einen Antrag auf Befangenheit gegen den Gutachter stellen”, sagt seine Anwältin. Und Engelhardt argwöhnt inzwischen - wenn auch augenzwinkernd - eine quasi-amtliche Verschwörung: „J. arbeitet in der Küche der JVA. Wahrscheinlich kocht er denen einfach zu gut.”
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