Gemeinsamer Unterricht ja, Projekt nein

Von: Thorsten Karbach
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Aachen. Kinder mit und ohne Behinderung auf einer Schulbank. Das würden Aachens Schulpolitiker gerne zur Selbstverständlichkeit erklären.

Dennoch wird die Stadt Aachen keinen Antrag auf Beteiligung an der Pilotphase eines Landesprojektes zur Einrichtung von „Kompetenzzentren zur sonderpädagogischen Förderung” stellen. Das hatte ihr die Schulaufsichtsbehörde empfohlen. Vergeblich. Es wird zum neuen Schuljahr keine Kompetenzzentren in Aachen geben.

356 Kinder werden in Aachen integrativ beschult, 201 an Grundschulen, 73 an Gesamtschulen, 79 an Hauptschulen und 3 an Gymnasien. In der Städteregion sind es insgesamt 976 Schüler. Die Schulen, die integrativ beschulen, berichten reihenweise von positiven Erfahrungen. Und die Eltern mit ihren Kindern stehen Schlange für einen der integrativen Lernplätze.

Diese Situation könnte sich verschärfen. Schon 2010 erwartet Norbert Greuel von der Schulaufsichtsbehörde, dass aus der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die Bundesrat und Bundestag im März unterschrieben haben, geltendes Recht wird. Also dass es ein Recht jedes Kindes mit Behinderung ist, eine Regelschule zu besuchen. „Wenn Eltern wünschen, dass ihr Kind eine Realschule oder ein Gymnasium besucht, dann können sie dies rechtlich durchsetzen”, erläutert Greuel. „Darauf müssen wir vorbereitet sein.”

Darauf wollen die Schulpolitiker auch vorbereitet sein, aber eben nicht durch Beteiligung am Pilotprojekt. Dafür gibt es zu viele offene Fragen, vor allem was die Finanzierung betrifft, und die Bewerbungsfrist 15. Oktober wurde auch für allzu kurzfristig erklärt. Die neuen Kompetenzzentren würden zwar in der Pilotphase mit einer zusätzlichen Stelle vom Land unterstützt, ob diese Stelle nach der Pilotphase aber erhalten bleibt, ist ebenso nicht geklärt, wie die Frage, ob nicht weitere Sonderpädagogen für alle Schulen hermüssen. „Es muss mehr Geld ins System kommen, sonst ist das alles nur Schauspiel”, sagte Karin Schmitt-Promny (Grüne).

Und auch über den Zeitplan gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Stadtdirektor Wolfgang Rombey versieht den Zeitplan von Norbert Greuel noch mit einem dicken Fragezeichen. Die Kultusminister der Länder hätten Juristen beauftragt, die die Auswirkungen des Index für Inklusion klären und damit auch ob und wann die UN-Konvention geltendes Recht wird.

Grundsätzlich sieht das System vor, dass eine Förderschule als Kompetenzentrum Grundschulen, Kindertagesstätten und weiterführende Schulen vernetzt und frühzeitig mit Kindern mit einer Behinderung arbeitet, um ihnen den Einstieg in eine Regelschule zu ermöglichen. Also Beratung, Förderung, Begleitung aus einer Hand. In Aachen ließe sich das Stadtgebiet bei vier Förderschulen Lernen recht praktisch in vier Viertel teilen, die stadtteilorientiert arbeiten könnten.

Die vier Aachener Förderschulen Lernen haben dazu bereits ihr Interesse bekundet. „Wir fühlen uns verpflichtet, für unsere 400 Schüler eine Perspektive zu entwickeln”, erklärt Stefan Jannes, Leiter der Förderschule Am Kennedypark. Sogar ein Rückgang der Schülerzahlen bis hin zu Idealvorstellung von „Schulen ohne Schüler”, weil alle Kinder Regelschulen besuchen, findet Befürworter. Auch wenn dies so nicht wahrscheinlich ist. „Es geht nicht um eine Systemdebatte und die Auflösung von Förderschulen sondern darum, dass das Miteinander mehr und mehr zum Einsatz kommt”, sagt Raimund Patt, der für die Montag-Stiftung „Jugend und Gesellschaft” arbeitet.

Dieses Miteinander wollen auch die Schulpolitiker - ohne Beteiligung an der Pilotphase. Die Verwaltung soll nun mit den Schulen eigene Ideen entwickeln, wie gemeinsamer Unterricht aussehen kann. Und die Erfahrungen, die in Köln, Leverkusen, Wermelskirchen und Zülpich während des Projektes gemacht werden, rücken auch in den Fokus. Damit ist auch eine Hürde hinfällig: Um an der Pilotphase teilnehmen zu können, müssten sich 75 Prozent aller Schulen für die Kompetenzzentren aussprechen. Und da ist die Skepsis so groß, dass sich nur 20 Schulen gemeldet haben - und zehn waren dagegen. „Wir müssen wohl noch Überzeugungsarbeit leisten”, meinte Claus Haase (SPD) dazu.
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