Geheimnisse mitten im Gerümpel

Geheimnisse mitten im Gerümpel

Von: Mischa Wyboris
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<b>Aachen. </B>Manchmal liegt die Wahrheit tief und lange im Verborgenen - und doch näher als man denkt.

Dann bedarf es nur noch einer ironischen Fügung des Schicksals, um mühsam errichtete Kartenhäuser auf einen Schlag zum Einsturz zu bringen. Seit 16 Jahren observiert eine selbsternannte Historiographin ihre Nachbarn in der Oswaldstraße und richtet damit eine verheerende, gleichsam amüsante Katastrophe an.

Peter Rühmkorfs Hörspiel „Im Sperrmüll”, von Spürbar-Theater-Regisseurin Nicole Erbe in ein neues Gewand gekleidet, handelt von lesbaren Lebenszeichen auf der jenseitigen und perverser Neugier auf der diesseitigen Straßenseite. „Taxis zu dieser Jahreszeit sind in meinen Annalen ohne Präzedenzfall”, entrüstet sich die krankhafte Chronistin (brillant gespielt von Suse Lachnit) beim Blick aus dem Fenster.

Umgeben von Nachtglas, Periskop und Spiegelreflexkamera, verliert sie eines Tages zuerst fast die Balance, dann ihre gesamten handgeschriebenen Unterlagen und damit auch ihr Wissensmonopol.

So verzettelt, wehen aberhunderte Notizen auf den Bürgersteig, werden eins mit dem Straßen-Sperrmüll. „Da stochert die Hyäne im Abfall herum”, bellt die Schreiberin von ihrem langjährigen Logenplatz leise in Richtung Hausmeister Schwenn (Torsten Zentis). Was er in der Hand habe, gebe ihm die Handhabe, das ganze Haus zu vergiften, ist er doch immer auf der Suche nach Kündigungsgründen, stets bemüht, das Haus „ordnungsgemäß auseinanderzureißen”.

In der Folge entsteht ein liebevoll-satirisch inszeniertes Informationsdilemma, in dem alle Charaktere abwechselnd zu Protagonisten werden. Was begeistert den ominösen Lakritzenprofessor an (un-)sauberen Toilettensprüchen, was treibt den Klempner Jakob Ahrens umher (in einer Doppelrolle: Herbert Kordes)? Wer ist die „grüne Spaltfrucht”, wer der „Ahornpropeller”? Und warum nimmt die Schreiberin keine Notiz von Kaufmann Harms (tragikomisch: Udo Rüttgers-Schlößer)?

Das aus dem Jahr 1974 stammende Stück von Hasenclever-Preisträger Peter Rühmkorf wird zu einer modernen Parabel, in der Nachbarn durch Notizen geistern und das geschriebene Wort als Esspapier dienen muss. „Man sieht, was Literatur bewirkt, wenn sie in falsche Hände gerät”, findet Marius Küchen, nachdem er die Premiere in der Klangbrücke gesehen hat. Es sei nicht abwegig, dass so etwas auch „im tatsächlichen Leben” existiere - „das ist erschreckend!”

Beate Höfener betont „die spielerische Art der Regisseurin, mit der Bühne umzugehen - die Schauspieler sorgen selbst für die sich wandelnde Kulisse.” Auf beeindruckende Weise entblößt das Spürbar-Theater mit der Aufführung „Im Sperrmüll” animalische Abgründe und die Folgen humaner Wissbegierde. „Das Zusammenleben auf engem Raum bringt Probleme - aus dem menschlichen Wesen heraus”, sagt Premierenbesucher Walter Weishaupt.

Weitere Vorstellungen finden am heutigen Samstag, 17. Januar, am morgigen Sonntag, 18. Januar, sowie am 27./28. Februar und am 1. März in der Klangbrücke im Alten Kurhaus, Kurhausstraße 2, jeweils um 20 Uhr statt.
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