Aachen - Gedenken an den „vergessenen Helden“ Fredy Hirsch

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Gedenken an den „vergessenen Helden“ Fredy Hirsch

Von: Angelina Boerger
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Wertvolles Gedenken: OB Marcel Philipp, Autor Dirk Kämper, Robert Neugröschel, Vorstand Jüdische Gemeinde, und Monika Eginger, Orell Füssli Verlag, erinnerten in der Synagoge an Fredy Hirsch. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Der 9. November ist einer der bedeutendsten Schicksalstage in der deutschen Geschichte“: So beginnt Oberbürgermeister Marcel Philipp seine Rede im Gemeindesaal der Aachener Synagoge. Er ruft neben dem Fall der Deutschen Mauer 1989 und dem Ausruf der deutschen Republik 1918 auch zwei dunklere Jahrestage in die Erinnerungen.

So ist der 9. November neben dem Hitler-Ludendroff-Putsch 1923 auch der Beginn der Novemberpogrome 1938.

Neben Philipp und dem Autor Dirk Kämper, der sein neues Buch „Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust“ präsentiert, haben sich auch der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Aachen, Dr. Robert Neugröschel, der Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen, die Vertreterin des Verlags „orell füssli“, Monika Eginger aus Zürich, sowie Lehrer des Couven-Gymnasiums mit Schülern der AG „Wer war Fredy Hirsch? im der Synagoge zusammengefunden. „Die Geschichte muss wachgehalten werden. Und wir müssen uns an die erinnern, die Teil dieser Geschichte sind“, sagt Philipp.

Einer, der Teil dieser Geschichte ist, aber in Vergessenheit geriet, ist der jüdische Aktivist Fredy Hirsch. 1916 in Aachen geboren wurde der engagierte Alfred „Fredy“ Hirsch mit 17 Jahren bereits Leiter des Pfadfinderbundes Deutschland. Schon damals setzte er sich, besonders im Bereich Sport und Kultur, für Kinder und Jugendliche ein. 1935 flüchtete er ins Exil in die Tschechoslowakei und wurde von dort aus sechs Jahre später ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Doch Hirsch dachte gar nicht daran aufzugeben, sondern nutzte seine Kompetenz, um den dort lebenden Kindern das grausame Leben wenigstens etwas erträglicher zu machen.

1943 kam er dann ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo er sich mit größter Fürsorge um die Kinder des „Block 31“, dem Kinderblock, kümmerte. Nebenbei plante Hirsch einen Aufstand großen Ausmaßes, starb jedoch vor dessen Umsetzung. Jedoch nicht wie sich naheliegend vermuten lässt durch die Nazis, sondern durch seine Mithäftlinge. Diese verabreichten ihm aus Angst, der Aufstand könnte sie ihr Leben kosten, ein Gift, das sein Leben mit nur 28 Jahren beendete. Das behauptet zumindest Dirk Kämper in seinem Buch. „Geschichte schreiben die Überlebenden, und Fredy Hirsch hat nicht überlebt,“ so Kämper. „Als deutsch-jüdischer, homosexueller, zionistischer Sportlehrer wurde er nach seinem Ableben diffamiert und seine wahre Todesursache bis heute verschwiegen.“

Kämper, der bereits ein Buch über den ehemaligen jüdischen Präsidenten des FC Bayern, Kurt Landauer schrieb, zweifelt die verbreitete Annahme an, Hirsch habe sich selbst umgebracht. Das seine Biographie doch noch Gehör findet, liegt neben Kämper auch an den Kindern, die die Zeit im KZ überlebt haben. Diese haben im Erwachsenenalter ihre Erinnerungen als Zeitzeugen zusammengetragen, so dass die Taten Fredy Hirschs nicht vergessen werden.

Marcel Philipp mahnt: „Deshalb sollten wir jedes persönliche Zusammentreffen mit den letzten Zeitzeugen nutzen, so lange es noch geht.“ Auch die anwesenden Schüler des Couven-Gymnasiums freuen sich, mehr über den vergessenen Helden zu erfahren. „Ich finde es einfach bemerkenswert, dass er sich so für seine Mitmenschen eingesetzt hat, obwohl er wusste, dass es für ihn sehr gefährlich werden kann“, sagt die Zehntklässlerin Ece Ibili.

Auch ihr Klassenkamerad Hicham Zagotti ist sofort von Hirsch angetan. „Als unser Lehrer uns Fredy Hirsch vorgestellt hat, wollte ich unbedingt mehr erfahren. Außerdem fand ich, dass man ihm und seinem humanistischen Ansatz eine letzte Ehre erweisen muss. Deshalb habe ich mich direkt bei der AG angemeldet.“ Das Couven-Gymnasium, dass dieses Jahr die 40-jährige Umbenennung von „Hindenburg-Gymnasium“ in „Couven-Gymnasium“ feiert, hat eine besondere Bindung zu Fredy Hirsch. Dieser war nämlich Schüler des Gymnasiums.

„Deshalb möchte die Schule ihre neue Mensa zu Ehren des 100. Geburtstages des Aktivisten im Feburar kommenden Jahres ‚Fredy-Hirsch-Mensa‘ taufen“, sagt Geschichtslehrer Peter Johannes Droste – sehr zur Freude Dirk Kämpers: „Er ist ein Mann der Tat, der es verdient hat, dass wir seiner gedenken. Er vermittelte tausenden Kindern, denen alles genommen wurde, was eine gute Kindheit ausmacht: so viel Selbstbewusstsein und Kraft, dass sie diese schreckliche Hölle überleben konnten.“

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