Geblieben ist die Hilfe zur Selbsthilfe

Letzte Aktualisierung:
7295696.jpg
Jugendhilfe ist ständigem Wandel unterlegen: Udo Wilschewski und Günter Kriescher vom Zentrum für soziale Arbeit in Burtscheid. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Von Nähstuben für Waisen zur modernen Jugendhilfe: Über 160 Jahre Entwicklung hat das Zentrum für soziale Arbeit mittlerweile hinter sich. Heute leben 97 Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 18 Jahren in konzeptionell sehr unterschiedlichen Gruppen in der Obhut des Jugendhilfeträgers.

Udo Wilschewski leitet das Zentrum für soziale Arbeit zusammen mit seiner Frau. Gemeinsam mit Günter Kriescher, Teamleiter einer Familiengruppe für Kinder mit seelischer Behinderung, stellte er sich den Fragen von AZ-Mitarbeiterin Rauke Xenia Bornefeld.

Ihre Einrichtung hat eine über 160-jährige Geschichte hinter sich. Wie hat sich die Arbeit verändert?

Wilschewski: Geblieben ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Wir schaffen ein Feld, in dem sich Menschen entwickeln können, in dem sie befähigt werden, ihr eigenes Leben zu gestalten.

Es gab mal einen anderen Namen.

Wilschewski: Evangelisches Kinder- und Jugendheim Burtscheid – mit großen Lettern an der Tür angeschlagen. Den Heimbegriff, den die Menschen mit Schlafsälen und bösen Jungs assoziieren, wollten wir aber nicht mehr haben. Wir haben uns deshalb zunächst in Jugendhilfezentrum Burtscheid umbenannt. Es stellte sich später heraus, dass wir mehr sein wollen und müssen. Deshalb heißen wir seit vergangenem Jahr Zentrum für soziale Arbeit – weil wir auch außerhalb der Jugendhilfe arbeiten.

Wie äußert sich das?

Wilschewski: Wir wandeln uns ständig, passen uns den Notwendigkeiten an. Wir werden in Kürze zum Beispiel ein öffentliches Väter-/Mütter-Café eröffnen, in dem die Eltern unseres Familienzentrums eine Anlaufstelle finden, aber auch alle Nachbarn gern zum Mittagessen kommen können.

Sie stehen in evangelischer Trägerschaft und haben gleichzeitig mit Kindern und Familien aus ganz unterschiedlichen Kulturen zu tun. Wie bringen Sie das zusammen?

Wilschewski: Ganz einfach: Man nehme einen katholischen Einrichtungsleiter, der für den evangelischen Frauenverein Jugendhilfe macht (lacht). Im Ernst: Seit sechs Jahren gibt es den Arbeitskreis „Glaube und Werte“, in dem wir alle christlichen Feste ökumenisch miteinander feiern. Seit einem Jahr ist uns aber auch klar, dass wir uns weiter öffnen müssen: Wir haben andersgläubige Kinder, Jugendliche und Mitarbeiter. Im Arbeitskreis sind jetzt auch muslimische Vertreter.

Kriescher: Diesen multireligiösen Ansatz setzen wir auch in ein Symbol um, das am Eingang Platz finden wird: Ein Baumstamm mit Symbolen von fünf Religionen, darauf eine Familie aus Holz und eine goldene Kugel. Es ist unser Sinnbild für unser friedliches Zusammenleben: Alle haben die gleiche Wurzel und stehen im gleichen Licht der Sonne.

Die Assoziationen zum Thema Kinderheim liegen wohl zwischen diesen beiden Extremen: Aus Kindern, die im Heim groß geworden sind, kann nichts werden. Oder: Kinder sind bei Pädagogen immer besser aufgehoben als bei Eltern mit Erziehungsschwierigkeiten. Wo stehen Sie?

Wilschewski: Das ist schwer zu beantworten, denn das sind zwei ex-treme Vorstellungen, die es eigentlich nicht geben dürfte. Eltern wollen, dass ihre Kinder bei ihnen groß werden. Oft kommt Hilfe bei Überforderung zu spät oder bisherige Maßnahmen haben nicht funktioniert, so dass nur noch die Herausnahme des Kindes als Möglichkeit besteht. Am besten ist es, wenn die Eltern das mittragen.

Kriescher: Wichtig ist die Perspektive: Nicht nur die Kinder verursachen Probleme. Man muss schauen, wo der Anteil der Familie liegt. Wie kann man die Eltern mit ins Boot holen, ihnen helfen?

Gehört das denn zu Ihren Aufgaben?

Wilschewski: In einigen Gruppen haben wir intensive Elternarbeit ins Konzept integriert. Das wird von der Stadt Aachen so gefordert, weil ein Veränderungsprozess bei den Eltern notwendig ist. Ansonsten liegt es in der eigenen Verantwortung der Eltern, sich unabhängig von uns Hilfe und Unterstützung zum Beispiel bei Erziehungs- oder Eheberatungsstellen zu holen. Manchmal müsste man eigentlich ganze Familien aufnehmen, um Veränderungen zu erreichen. Aber das will niemand finanzieren. Kinder und Jugendliche sind scheinbar die Familienmitglieder, die am einfachsten zu „reparieren“ sind. Hinter herausfordernden Kindern steckt aber ein systemischer Prozess in der Familie.

Es steckt also zu wenig Geld im System?

Wilschewski: Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass jeder Euro, der in Jugendhilfe investiert wird, später drei Euro spart. Wenn man also die Weitsicht beweisen und mehr Mittel ins System stecken würde, könnte Hilfe besser funktionieren. Oft wird lange weggeguckt.

Kriescher: Und viel rumprobiert. Vor einer Heimunterbringung passieren viele Beziehungsabbrüche.

Müsste man da nicht viel früher ansetzen?

Wilschewski: Ja, und das wird im Bereich der frühen Hilfen jetzt auch stärker getan. Auch wir arbeiten in unseren Vater-/Mutter-Kind-Gruppen an der Beziehungsfähigkeit von jungen Eltern. Setzt Hilfe früher an, lässt sich manche Heimunterbringung sicherlich vermeiden.

Sie legen in allen Bereichen großen Wert auf ein gewaltfreies und wertschätzendes Miteinander. Warum müssen Sie das extra betonen?

Wilschewski: Vor acht Jahren mussten wir uns massiv mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen. Wir standen vor der Entscheidung, „schwarze Sheriffs“ einzustellen oder den Umgang der Jugendlichen untereinander zu verändern. Wir haben uns zum Glück für den zweiten Weg entschieden und den Arbeitskreis „Peace for JuH“ gegründet, in dem wir regelmäßig Friedensstifter ausbilden. Jetzt finden sie in den Gruppen keine Zeichen von Zerstörung mehr. Das haben beide Arbeitskreise – „Peace for JuH“ und „Glaube und Werte“ – erreicht.

Kriescher: Die Friedensstifter wirken als Multiplikatoren in ihren Gruppen, gestalten Einheiten bei Gruppenabenden, die sie bei ihren Ausbildungswochenenden kennengelernt haben, achten auf die Einhaltung der Friedensregeln.

Abgesehen von der Erhöhung der Lebensdauer des Mobiliars – was wollen Sie damit erreichen?

Wilschweski: Die Gesellschaft ist auf Individualität und Leistung ausgerichtet. Wir wollen dem etwas entgegen setzen. Wir wollen Gemeinschaftssinn fördern, der in der Gesellschaft oft nicht gelebt wird. Wir wollen unseren Kindern und Jugendlichen Werte und Normen an die Hand geben, die sie als Richtschnur für ihr Leben nutzen können. Das Vorleben unseres Leitbildes ist die Aufgabe unserer Mitarbeiter. Der Jugendliche steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Sie arbeiten mit verschiedenen Wohnformen und Konzepten. Warum?

Wilschewski: Wir haben gemerkt, dass wir mit differenzierten Angeboten für die jeweilige Entwicklungssituation den Bedarfen der Kinder und Jugendlichen besser gerecht werden können. Junge Familien brauchen keine Familiengruppe, in Gruppen für jugendliche Jungen kann einem modernem Männerbild nachgespürt werden, in Mädchengruppen einem modernen Frauenbild. Da geht es auch um Sinnsuche.

Neben einer normalen Familiengruppe für 3- bis 15-Jährige gibt es auch eine Intensivgruppe 35a. Was bedeutet 35a?

Kriescher: Das ist ein Paragraf im Sozialgesetzbuch VIII. Die Kinder in der Intensivgruppe 35a haben nach dieser Definition eine seelische Behinderung. Die Kinder nennen ihre Gruppe aber einfach Außenwohngruppe.

Empfinden die Kinder ihre Behinderung als Makel?

Kriescher: Das wird den Kindern schon von außen suggeriert, obwohl es nicht so ist. Die Kinder sind aber in die Nachbarschaft voll integriert, bei vielen Nachbarn gehen sie ein und aus. Die Nachbarn kommen auch zu uns. Am Anfang gab es schon Berührungsangst. Deshalb haben wir bewusst die Nachbarn eingeladen, um uns vorzustellen.

Wilschewski: Tatsächlich finden Sie an keiner unserer Gruppen oder Häuser ein dickes Schild. Vielleicht fallen sie dadurch auf, dass sie nicht auffallen.

Wie gehen Sie auf die 35a-Kinder ein?

Kriescher: Es leben nur sechs Kinder in der Gruppe und die werden von mehr Personal betreut. Auch die Elternarbeit zeichnet diese Gruppe aus. Wir geben den Eltern mit, wie sie mit den Kindern anders umgehen.

Wilschewski: Leider können wir nicht immer so handeln, wie wir meinen, dass es das Beste für das Kind wäre. Ist es immer sinnvoll, jedes Kind nach Ankunft in der Gruppe gleich wieder zur Schule zu schicken oder darf es erst mal ankommen? Ist die Förderschule automatisch für ein herausforderndes Kind die richtige oder würde sein Intellekt nicht den Anforderungen eines Gymnasiums entsprechen? Auch da geht es um die Veränderung von gesellschaftlicher Haltungen. Da können wir noch kreativer und mutiger werden.

Sie haben täglich mit „armen Seelen“ zu tun, die Gewalt, Missbrauch, Armut und Sucht live erlebt haben. Wie gehen Sie täglich fröhlich zur Arbeit?

Kriescher: Da spielt das Herz eine große Rolle. Und die Liebe zum Handeln mit dem Kind.

Wilschewski: Ich bin seit 30 Jahren in der sozialen Arbeit tätig. Ich lasse mich gern berühren, bin neugierig auf die jungen Menschen mit ihren Ideen, und Wünschen, aber auch mit ihren Kompetenzen und Sichtweisen. Auch wenn die oftmals anders sind als meine. Dass es gar nicht mehr weiter geht, habe ich selten erlebt. Auch wenn wir es vielleicht nicht direkt merken, nehmen die Kinder und Jugendlichen irgendetwas Positives mit.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind eine große Gruppe im ZfSA. Was ist bei der Arbeit mit ihnen die größte Herausforderung?

Wilschewski: Eigentlich ist es die politische Herausforderung: Die Bevölkerung darauf einstellen, dass wir Zuwanderer brauchen.

Sie sind kein Politiker. Wie werden Sie dieser Herausforderung gerecht?

Wilschewski: Manchmal glaube ich, ich müsste Politiker werden. Für eine positive Entwicklung, für eine Überwindung ihrer Traumata brauchen die jugendlichen Flüchtlinge ein dauerhaftes Bleiberecht über das 18. Lebensjahr hinaus. Außerdem: Von der guten Betreuungssituation, die die Jugendhilfe in Aachen geschaffen hat, landen die meisten mit Volljährigkeit in Sammelunterkünften – von der Stabilität in ein tiefes Loch. Dabei können auch wir so viel von den Flüchtlingen lernen, denn sie bringen Reichtümer mit, die wir schon längst vergessen haben: Gemeinschaftsgefühl, Familienzusammenhalt.

Sie müssen auch auf steigende Flüchtlingszahlen reagieren.

Wilschewski: Ja, wir bauen die Plätze weiter aus. Am 1. April eröffnen wir eine neue Gruppe für neun unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Wir stellen auch pädagogisches Personal aus anderen Ländern ein, um ihre Sprachkenntnisse und ihr kulturelles Wissen zu nutzen. Trotzdem bleibt es unbefriedigend, dass immer noch etwa 60 minderjährige Flüchtlinge in Hotels untergebracht sind.

Deshalb wollen wir zusammen mit der KatHo und dem Qualifizierungsträger „low-Tec“ ein Café als An-laufstelle für alle minderjährigen Flüchtlinge einrichten mit Beratungs- und Aufenthaltsangeboten, aber auch mit Qualifizierungsmöglichkeiten. So könnten wir Fachkräfte ausbilden, die hier dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen oder auch im Sinne von Entwicklungsarbeit in ihren Heimatländern für Fortschritt sorgen. Von der Verwaltung haben wir bereits positive Rückmeldungen, jetzt gilt es die Politik zu überzeugen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert