Ganztag brummt, stößt aber an Grenzen

Von: Stefan Herrmann
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Inklusion, Integration von Flüchtlingskindern, Engpässe in den Mensen: Der OGS-Ausbau stellt Schulen und Verwaltung vor große Herausforderungen. Heute ist der Ganztag Thema im Schulausschuss. Foto: dpa

Aachen. Wie sehr sich die Aachener Grundschullandschaft in den vergangenen zwölf Jahren verändert hat, verdeutlichen zwei Zahlen besonders: Waren es zum Start im Jahr 2003/04 gerade einmal zwei Schulen, die Ganztagsplätze anboten, ist das Angebot bis zum laufenden Schuljahr 2015/16 regelrecht explodiert.

34 Grund- und zwei Förderschulen im Primarbereich bieten den Ganztagsbetrieb an. Gestillt ist die Nachfrage damit aber längst noch nicht. Um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, sind immer mehr Eltern darauf angewiesen, dass ihre Kinder über die Kernunterrichtszeit hinaus betreut werden.

Das gilt im Kita-Bereich ebenso wie in den ersten Schuljahren. Doch der rasante Ausbau des Ganztags stößt an vielen Stellen an seine Grenzen – es fehlt vor allem an entsprechend ausgestatteten Räumen. Ein Überblick.

Wie viele Kinder besuchen derzeit in Aachen eine Ganztagsschule?

Dass die Tochter oder der Sohn eine offene Ganztagsschule besucht, ist mittlerweile der Regelfall in Aachen. Im laufenden Schuljahr sind es laut Verwaltung 4731 Kinder – 34 Mal so viele, wie es noch zum Start 2003/04 waren (140 Grundschüler). Damit werden aktuell mehr als 80 Prozent der Kinder nach dem Vormittagsunterricht betreut und gebildet.

Gibt es andere Angebote als den klassischen Ganztag?

Ja, das Angebot „Schule von acht bis eins“ wird von drei Grundschulen ausschließlich angeboten, an 14 weiteren können die Eltern zwischen Ganztag und „Schule von acht bis eins“ wählen. Zwar wird die Betreuung „nur“ bis zum Mittag aktuell auch von 1041 Kindern besucht, die Nachfrage lässt allerdings nach. Im vergangenen Schuljahr waren es nämlich noch 59 Kinder mehr. An den beiden Förderschulen Am Rödgerbach und Elsassstraße besuchen im laufenden Jahr 2015/16 unterdessen 56 Kinder den Ganztag.

Was bedeutet die stetig wachsende Zahl an Ganztagsplätzen für den Schulalltag?

Vereinfacht gesagt: Es wird eng. An 28 der 34 Grundschulen besuchen mehr als 100 Kinder den Ganztag, an fünf Schulen sind es sogar zwischen 176 und 200. Die Verwaltung stellt daher recht nüchtern fest, dass „der Entwicklung von Raumkonzepten eine hohe Bedeutung zukommt“. Die Lösung der ersten Jahre, getrennte Unterrichts- und OGS-Räume einzurichten, ist vielerorts längst überholt. Multifunktionale Nutzung lautet das Zauberwort. Die Kinder einer Klasse nutzen den Raum vormittags also für den klassischen Unterricht, ab Mittag findet ebendort auch die Betreuung im Rahmen des Ganztags statt.

Wären damit bei einer flächendeckenden Umsetzung alle Raumprobleme gelöst?

Nein. Zwar hat der Stadtrat beschlossen, dass der OGS-Ausbau grundsätzlich in den Räumen stattfinden soll, die bereits in den Schulgebäuden existieren. Stichwort: multifunktionale Nutzung. Die Fachverwaltung stellt allerdings in einer Vorlage, die am Dienstag in der gemeinsamen Sitzung der Schul- und Kinder- und des Jugendausschusses beraten wird, fest: „Bauliche Maßnahmen im Bestand (...) können nicht mehr ausgeschlossen werden.“

Schuldezernentin Susanne Schwier gilt als große Verfechterin der intelligenten multifunktionalen Nutzung. „Wir sollten eine Immobilie als Ganzes nutzen“, sagte sie erst vor kurzem gegenüber der AZ. Zugleich hat sie ein umfassendes „Screening“ – also eine Bestandsaufnahme – aller städtischen Schulgebäude auf den Weg gebracht. Eine solch aufwendige Analyse der Gebäude hat es in Aachen bisher noch nicht gegeben. Die Verwaltung erhofft sich viel davon – um so auch den OGS-Ausbau konzeptionell wie pädagogisch sinnvoll voranzutreiben. Allerdings: Schnelle Lösungen sind hieraus nicht zu erwarten.

Wo besteht denn akuter Handlungsbedarf in Sachen OGS?

Beim Essen wird‘s in vielen Grundschulen richtig eng. „Die Grenzen der Nutzung zeigen sich im Bereich der Mensen, die in der Regel für 50 Kinder geplant wurden“, teilt die Verwaltung mit. Bis zu 200 Kinder über Mittag zu verpflegen erfordert da mitunter logistische Meisterleistungen. Von gemütlichem Schlemmer-Ambiente kann in jedem Fall nicht gesprochen werden. Lärm und Hektik stressen alle Beteiligten. Daher sieht die Verwaltung hier den dringendsten Handlungsbedarf.

Welche Herausforderungen warten darüber hinaus?

Immer mehr, oft kinderreiche Flüchtlingsfamilien werden Aachen zugewiesen. Auch deren Kinder besitzen selbstverständlich eine Schulpflicht. Darauf müssen sich Schulverwaltung und die Grundschulen einstellen; sie erarbeiten stetig Konzepte, um der wichtigen Aufgabe gerecht zu werden. Zentral ist dabei, dass die Flüchtlingskinder zunächst vor allem die deutsche Sprache lernen.

Integration spielt aber auch an anderer Stelle eine wichtige Rolle. Stichwort Inklusion: In Aachen werden derzeit insgesamt 325 Kinder mit Inklusionsbedarf an 24 von 34 Grundschulen im Ganztag im „Gemeinsamen Lernen“ unterrichtet – Tendenz steigend.

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