Gang durch die Wirtschaftsgeschichte wird zum Krimi

Von: Andreas Cichowski
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Aachen. Eine bewegte Geschichte erzählen die Aachener Großindustrien, vieles hat sich seit der Ansiedlung im 19. Jahrhundert verändert. Die Wirtschaft entwickelte sich. Besonders gut sichtbar wird der Wandel der Industrieunternehmen beispielsweise an der Jülicher Straße. Bombardier, Krantz und Zentis sind nur einige Beispiele hierfür.

Der Verein „Stadtbekannt & Co Aachen“ hat eine neue Route in seine Stadtführungen aufgenommen – einen Rundgang entlang der Industrieunternehmen zwischen Ludwig Forum und dem alten Schlachthof an der Jülicher Straße. Verbunden damit sind Informationen aus der Zeit der Hochindustrialisierung im 19. Jahrhundert im Kontrast zur heutigen Vermarktung der Flächen.

Am Restaurant „Gare du Nord“ beginnt die Führung. Ein Ort mit Symbolgehalt für den Beginn der industriellen Ansiedlung, denn der Gütertransport wurde durch den ehemaligen Nordbahnhof erst möglich und war ein wesentlicher Faktor bei der Standortwahl. Dahinter befindet sich das Gelände der 1884 gegründeten Kaiserbrunnen AG, wo bis 2009 Aachener Thermalwasser in Flaschen abgefüllt oder zu Limonade weiterverarbeitet wurde. Bisher wird das Gelände nicht weiter genutzt. Bisher.

Denn ein 1893 gegründetes Unternehmen braucht dringend neuen Platz. Seit den Anfängen hat sich die zunächst kleine Fabrik am Adalbertsteinweg rasch entwickelt, zog 1917 an die Jülicher Straße und wurde dort mit 1100 Beschäftigten zu einem der größten Unternehmen. Der Erfolg kam durch die Erkenntnis Aprikosen und Zucker zu Konfitüre zu verarbeiten. Die Rede ist natürlich vom internationalen Unternehmen Zentis, welches noch heute den Stammsitz in Aachen an der Jülicher Straße hat. Einem Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg folgte eine weltweite Expansion mit zahlreichen Tochterunternehmen zum Beispiel in Polen, Portugal, Russland und den USA. Trotz Just-in-Time-Produktion und einem zweiten Standort in Eilendorf fehlt es an Platz für weitere Vergrößerungen. „Der Standort Aachen ist stabil“, äußert sich Ludger Bentlage, Gewerkschaftssekretär Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Er ist als Experte bei der Premiere mit unterwegs. „Zentis ist ein Aachener Unternehmen und hat eine gewisse Weitsicht sowie eine Leitfunktion für die Stadt.“

In einer entspannten Gruppe von 20 Interessenten erzählt Monika Nelißen während der zweistündigen Führung von den einzelnen Stationen, wie zum Beispiel der ehemaligen Schirmfabrik Brauer, in deren Hallen sich nun das Ludwig Forum befindet, oder von der Spedition „Charlier&Scheibler“, nun Teil der Speditions- und Lagerhaus AG (Spelag), die bereits seit 1932 Tochterunternehmen von Schenker ist. Die aktuelle Campusentwicklung am ehemaligen Westbahnhof hat auch hier zu einer völligen Überplanung geführt. „Wirtschaftsentwicklung liest sich wie ein Krimi“, meint Bentlage.

Im Gegensatz zur konstanten Entwicklung von Zentis erging es anderen Unternehmen wesentlich schlechter, Umsätze sanken, Arbeiter wurden entlassen. Von 2300 Mitarbeitern der Firma Krantz sank die Anzahl auf gerade einmal ca. 1500 im Jahr 1992. Ein Umdenken musste stattfinden. Trotz Verkauf der Rechte bei der Textilproduktion und der Maschinenbereiche existiert das Unternehmen heute weiter. Die gute Lage im Zentrum wird genutzt, die begehrten Werkstätten mit Tageslicht werden renoviert und erfolgreich vermietet. So entstand das Krantz Industrie- und Servicecenter. Das Angebot wird besonders von Künstlern und Steinmetzen genutzt und ist zurzeit voll ausgelastet.

Umdenken musste auch Talbot bzw. Bombardier. „Talbot hatte Mut zum Umschwung“, so Gewerkschafter Bentlage. Hier ist Vielseitigkeit die Devise. 1860 wurden an der Jülicher Straße Eisenbahnwaggons gebaut. Um auf Schwankungen zu reagieren, wurde die Produktion flexibel gehalten und ging von Lastwagen, Autos bis hin zu Omnibussen. Ab 1920 florierte das Unternehmen aufgrund der Produktion für die deutsche Reichsbahn. Vor zwei Jahren dann das Aus. Gerade in Verbindung und Kooperation mit der RWTH eröffnete sich mit der Streetscooter im Bereich der E-Mobilität eine neue Erfolgsgeschichte.

Einige Gebäude sind trotz des Alters erhaltenswert, wie beispielsweise am Alten Schlachthof. Viele Hallen wurden aufgekauft, Unternehmen wie die P3 Group lassen sich nieder und veranlassen eine komplette Sanierung der alten Bestände, so dass ein Teil der alten Geschichte erhalten bleibt.

„Es ist beeindruckend, wie vielfältig und besonders die Stadt ist, was die Menschen erlebt haben und wie sie durch die Industrie geprägt wurden“ äußert Bentlage. „Und die Jülicher Straße ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt von alldem.“

 

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