G8 oder G9: Schüler wollen lieber länger Schulbank drücken

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Geteilte Meinungen zu G8 oder G9: Auf Einladung des Schulpflegschaftsteams diskutierten Schulpolitiker im Einhard-Gymnasium mit der Schülerschaft. Charlotte von Nessen argumentierte für G9. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein bisschen erschreckt schaute sich Ralf Gablik am Donnerstagabend in der Aula des Einhard-Gymnasiums um. „Ich hatte mit mehr Resonanz gerechnet“, sagte der Schulleiter. Immerhin ging es um ein Thema, das Eltern, Schüler und Lehrer seit zehn Jahren umtreibt: „G8 oder G9 – was wird werden?“ hatte die organisierende Schulpflegschaft den Diskussionsabend mit Kommunalpolitikern, Schülern und Schulleiter Gablik überschrieben.

Dem Engagement auf dem Podium tat das keinen Abbruch, wobei sich schnell herauskristallisierte, dass nur die Schülerinnen und Schüler vehement für eine Rückkehr zum G9 – also Abitur in neun Jahren – plädierten. In erster Linie führten sie dafür mehr Entwicklungschancen und Orientierungsmöglichkeiten an.

„G9 würde uns mehr Zeit zur Ausbildung unserer Identität verschaffen“, meinte Charlotte von Nessen, wobei sie als Schülervertreterin mehr für ihre Schulkollegen sprach; als Q1-Schülerin wäre sie nicht mehr betroffen. „Es gibt so viele lange Tage, an denen man nichts außer Schule machen kann.“ Früher fertig zu sein, stelle keinen Mehrwert dar, „denn wir leben länger und arbeiten länger“.

Schulleiter Gablik meint indes, dass auch ein Abitur nach neun Jahren nicht automatisch weniger Stress bedeute. „Es würde sich kaum etwas ändern, besonders nicht in der Oberstufe. Auch jetzt können wir durch den flexiblen Ganztag viele Wünsche nach Freizeitbeschäftigung außerhalb des Unterrichts erfüllen.“ Als Schulleiter wünsche er sich nach zehn Jahren Umsetzungsarbeit von G8 endlich Ruhe: „Ich möchte nicht mehr systemisch, sondern endlich wieder pädagogisch arbeiten.“

Schaut man in die Landtagswahlprogramme der Parteien, ist damit eher nicht zu rechnen. Auch 80 Prozent der Eltern – ein vergleichbares Bild herrschte in der Einhard-Aula – sind mit G8 nicht zufrieden, weshalb sich alle Parteien ihre Gedanken machen. Ganz zurück zu G9 wollen nur die Wenigsten: Piraten sofort, mittelfristig die Linke, ohne genannten Umsetzungskorridor die AfD.

SPD und Grüne haben zwei flexible Modelle ausgearbeitet, die sowohl G8 als auch G9 an ein und derselben Schule ermöglichen soll. FDP und CDU wollen überwiegend den Schulen die Entscheidung überlassen, ob sie Abi in acht oder neun Jahren anbieten wollen. Die Debatte wird also weitergehen.

Allerdings – darin waren sich alle Vertreter von SPD, CDU, Grünen, Linken und FDP einig – nicht in ähnlich überstürzter Manier wie bei der Einführung von G8 durch die Landesregierung unter Jürgen Rüttgers (CDU). „Wir müssen es behutsam angehen“, sagte Grünen-Ratsfrau Ulla Griepentrog. „Und wir müssen feststellen, ob G8 tatsächlich schlechter ist als G9. Ich glaube, der Stress kommt nicht allein durchs verkürzte Lernen.“ Holger Brantin, für die CDU im Schulausschuss, erklärte: „Sollten sich Schulen für G9 entscheiden, braucht es klare Strukturen.“

Matthias Fischer, für die Linken als Sachkundiger Bürger ohne Parteibuch im Schulausschuss aktiv, plädierte allgemein für längeres gemeinsames Lernen, aber auch für eine Entscheidungsfreiheit bei den Schulen. „In jeder Stadt sollte es dann aber auch Gymnasien geben, die G9 anbieten.“

Im Moment gibt es in Aachen kein Gymnasium mit G9 als Modellprojekt. Bernd Krott, schulpolitischer Sprecher der SPD, sieht vor allem im Bereich der Sekundarstufe I Veränderungsbedarf: „Zurzeit gibt es am Gymnasium keinen Abschluss nach Klasse 10. Deshalb müssen wir die Sekundarstufe I verlängern und – im Falle von G8 – die Oberstufe kürzen.“ FDP-Ratsherr Peter Blum thematisierte den stark gestiegenen Leistungsdruck: „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Aber Abitur ist nicht alles. Das Leben verläuft heute nicht mehr so gradlinig.“

So richtig überzeugen konnten die Kommunalpolitiker mit ihrem „Ruhe einkehren lassen“ allerdings weder Eltern noch Schüler. Julia Jacobi aus der EF sagte: „Gerade bei den steigenden gesellschaftlichen Anforderungen, die auf uns zukommen, sollte man Schule entschleunigen.“ Und Charlotte von Nessen fragte: „Warum wollen Sie sich nicht ein Jahr länger mit uns befassen?“

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