Whatsapp Freisteller

„Future Lab“: Visionen vom Silicon Valley im Talkessel

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
13470643.jpg
Gut vernetzt und bestens im Bilde, was die größten Herausforderungen der Digitalisierung angeht: Mit Gastgeber Thomas Mathes (Mitte) und Moderator Bernd Büttgens (links) diskutierten die Startup-Experten Tim Leberecht und Udo Schloemer sowie Campus-Geschäftsführer Professor Dr. Günther Schuh (von links) über die neuen Chancen für die Technologieregion Aachen. Foto: Roland Köhler

Aachen. Kein Zweifel: Der Weg in die wirtschaftliche und soziale Zukunft der Region führt vor allem über die Datenautobahnen. Aber kann Aachen seine große Chance nutzen, als traditionelle Zugmaschine der technischen Innovationen in den vielzitierten virtuellen Welten dauerhaft auf der Überholspur zu bleiben?

Profunde Antworten und Denkanstöße auf die Frage, welche die Kinder der „Generation 4.0“ umtreibt, lieferten am Dienstagabend zwei bestens etablierte Vor- und Querdenker im Rahmen der ambitionierten Veranstaltungsreihe „Future Lab“.

Im Einrichtungshaus Mathes gaben Tim Leberecht, erfolgreicher Unternehmensgründer im berühmten Silicon Valley und Autor des Bestsellers „Business-Romantiker“, sowie Udo Schloemer, Gründer der renommierten Startup-Plattform „Factory Berlin“, tiefe Einblicke in Strukturen und Spannungsfelder eines digitalen Aufbruchs, der die Lebens- und Arbeitswelten im guten alten Talkessel auf absehbare Zeit in ungeahntem Maße prägen könnte.

Mit oft elektrisierenden, meist locker-unterhaltsam präsentierten Schlaglichtern rund um die denkbar komplizierte Materie – deren Faszination ja vor allem daher rührt, dass ihre Produkte vielfach eben nicht in die klassischen Schaufenster gestellt werden können – umrissen die Referenten vor rund 100 Zuhörern ebenso verheißungsvolle wie provozierende Visionen für die Wissensstadt Aachen. Und lieferten sich zum guten Schluss der zweistündigen Veranstaltung am Büchel, moderiert von Stadtsprecher Bernd Büttgens, einen munteren Schlagabtausch mit einem maßgeblichen Protagonisten des Technologiestandorts: Professor Dr. Günther Schuh, Geschäftsführer der RWTH Campus GmbH, komplettierte das hochkarätige Trio, indem er auch manchen skeptischen Kontrapunkt setzte.

Als kritischer Beobachter und Insider des sagenumwobenen „Software-Biotops“ an der kalifornischen Küste schilderte zunächst freilich auch Leberecht die diffizilen Mechanismen und Mentalitäten an den Schaltstellen der digitalen Revolution – das Silicon Valley als gigantisch-geniales Gehirn des Fortschritts und ökonomisches Haifischbecken gleichermaßen. Seine These: „Wir müssen verhindern, dass Europa als reines Vertriebsland neuer Ideen und Konzepte endgültig abgehängt wird von der rasanten Entwicklung.“

So sei die enorme wirtschaftliche Effizienz der besten Startups in den Staaten vor allem darauf zurückzuführen, dass sie gelernt hätten, ihre Geschäftsmodelle ständig zu überdenken und sich praktisch in Sekundenschnelle auf neue Erwerbsfelder umzustellen. Durch extrem gute Vernetzung mit den ganz großen „global playern“ der Branche würden Investitionen zudem schnell und unkompliziert möglich.

„Mindestens 20.000 Ideen entstehen alljährlich allein im Silicon Valley, etwa zehn Prozent davon gehen in die Wachstumsphase – und von diesen wiederum wird ein Bruchteil immens erfolgreich.“ Die Kehrseite der „closed shop“-Kultur im Zeichen des „hippen“ Lebens- und Arbeitsstils zwischen künstlicher Intelligenz und gesundem Verstand: „Am wichtigsten ist, dass wir unsere Menschlichkeit bewahren.“

Auch dazu liefere die neue Generation der „digitalen Denker“ durchaus neue Ansätze, wie Udo Schloemer, einer der umtriebigsten Pioniere der deutschen Software-Szene überhaupt, in seinem Vortrag unterstrich. „Aber wir müssen dafür sorgen, dass die maßgeblichen Impulsgeber, die Freaks in den Startups, ein entsprechend ,cooles‘ kommunikatives Umfeld vorfinden.“ Zumal die ihr Prestige nicht mehr durch große Autos, Häuser, Boote zu dokumentieren suchten, sondern Glück und Wohlstand viel pragmatischer formulierten.

Kann aber Aachen, kann die Region von diesem Hype der neuen „Hipster-Kultur“ in besonderem Maße profitieren? Nun, ohne Zweifel biete die Region rund um den RWTH-Campus „das beste Ökosystem der Welt für neue Hardware-Entwicklungen“, betonte Schloemer. Und: „Wir haben hier die Chance, das nächste große Projekt im ,Apple‘-Format auf den Weg zu bringen, wenn wir begreifen, dass Innovation nicht mehr in erster Linie in Büros, sondern im ständigen, unkonventionellen Austausch zwischen vielen potenziell Beteiligten stattfindet.“

Dem widerpsrach auch Schuh nicht. Dennoch glaube er – ganz anders als Schloemer –, dass die „große Marketing-Blase“, die das Kerngeschäft vieler supererfolgreicher IT-Dienstleister kennzeichne, auf kurz oder lang ebenso spektakulär platze. Sein Credo: „90 Prozent der Technologien, die die Welt wirklich verändern, sind ohne kompetente Ingenieure auch in Zukunft nicht denkbar.“

Blieb die gemeinsame Überzeugung, dass diese Zukunft nur zu gestalten ist, indem man die beiden Enden der Wertschöpfungskette zusammenbringt – Risikobereitschaft und Kreativität bei der Entwicklung neuer Geschäftsfelder auf der einen, solides technologisches Know-how auf der anderen Seite. Schloemer jedenfalls ließ keinen Zweifel daran, dass auch seine längst bestehenden vielfältigen Kontakte ins Grenzland bald eine Fülle neuer Blüten treiben könnten – jenseits des „kreativen Gartens“ (Leberecht) namens Silicon Valley, im Herzen der Wissenschaftsstadt und womöglich im Zeichen der neuen Koalition aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die in diesem Jahr auch in Gestalt der jungen Initiative „Digital Hub“ mächtig Fahrt aufgenommen hat. Nicht nur auf den Datenautobahnen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert