Aachen - Fußpflege und Kampfsport statt Bierchen

Fußpflege und Kampfsport statt Bierchen

Von: Robert Esser
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dinosaurusbild
Bistro, Anwaltskanzlei oder Arztpraxis? Bauingenieur Aris Dalos plant mit Alexander Georgiadis (rechts) die Sanierung des „Dinosaurus” an der Roermonder Straße - die neue Nutzung ist offen.

Aachen. Leerstände gibt´s satt. Aber der Appetit der Pächter auf Kneipen, Restaurants und Bistros sinkt in vielen Fällen. Wenn der Gastronom pleite geht, umzieht oder aus anderen Gründen endgültig den Bierhahn abdreht, planen Eigentümer in Aachen deshalb immer öfter eine Umnutzung ihrer Immobilie ein.

Zum Beispiel im Frankenberger Viertel: Viele Jahre bewirtete die „Cassolette” an der Ecke Bismarckstraße/Viktoriaallee ihre Gäste. Ende des Jahres zieht dort nach der Generalsanierung des Gebäudes die Geschäftsstelle der Aachener Bank ein, die derzeit noch gegenüber im Vegla-Haus bei St. Gobain beheimatet ist. Auf einen ähnlich solventen Nachmieter wartet Rudolf Gottfried.

In seinem Haus am Adalbertsteinweg hat Wirt Josef Falken nach 50 Jahren die Traditionsgaststätte „Fuchsbau” dicht gemacht. „Man findet einfach keine seriösen Wirte mehr. Ein Schreibbüro oder eine Versicherungsagentur wären mir als Nachmieter lieber”, sagt der Senior. Und seufzt: „Ganz schön bitter, wenn ich bedenke, dass ich das Haus nach dem Krieg selbst auf einem Trümmergrundstück hochgezogen habe.”

Fast in Trümmern

Noch nicht in Trümmern, aber völlig marode und mit verrammelten Türen präsentierte sich an der Roermonder Straße seit anderthalb Jahren auch das ockergelbe Haus mit Vorbau, in dem ab 1971 das „Dinosaurus” (Maastrichter Hof) griechische Speisen unters Studentenvolk gebracht hatte. Im Januar 2009 war Schluss. Seit einigen Tagen saniert der Sohn eines „Dinosaurus”-Mitbegründers, Alexander Georgiadis, das Eckhaus.

„Bis zum Wintereinbruch wollen wir die Fassade fertig haben, danach geht´s innen auf 500 Quadratmetern weiter”, erklärt Georgiadis. „Eigentlich wollten wir verkaufen, doch Interessenten haben das Objekt nur als Grundstück mit Baulast gesehen - so war es quasi unverkäuflich.” Künftig kann sich der Grieche am selben Standort ein Studentenbistro vorstellen - genauso aber eine Arzt- oder Anwaltspraxis. Dirk Deutz, der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), hatte das Jahr 2009 schon vor 18 Monaten nach Umsatzeinbrüchen von 20 bis 30 Prozent zum „Schicksalsjahr” für viele Gastronomen erklärt.

Auch das ehemalige „Meisenfrei” („PlanB”), rund 30 Jahre lang Institution am Boxgraben, steht leer. Gastronom Thomas Jonas ist in die Südstraße umgezogen und hat sogar angebaut. „Das ist allerdings dem Lärmschutz geschuldet”, sagt er. „Grundsätzlich ist einfach alles viel komplizierter geworden. Nach einem Jahr Leerstand erlischt in der Regel die Schankkonzession. Wer dann wieder eröffnen will, muss unter anderem die neuen Baustandards mit verschärftem Feuerschutz etc. einhalten. Die notwendigen Umbauarbeiten kann sich heutzutage kaum noch jemand leisten.”

Der Trend führt viele weg von der Gastronomie: Im früheren Degraa am Fischmarkt soll - nach Abschluss der laufenden Umbauarbeiten - hochwertiger Einzelhandel einziehen. Verzehr von Speisen und Getränken tabu. Ebenso im ältesten noch erhaltenen Ladenlokal der Stadt aus dem Jahr 1660, das in der Pontstraße 5 als „Lennet Kann” jahrzehntelang zahllose Nachtschwärmer anzog. Maria-Theresia Bürger verkauft stattdessen unter dem Geschäftsnamen „Sans Paroles” seit einigen Monaten Schmuck, Accessoires, Gourmet-Artikel und asiatische Kampfsportwaffen.

Weniger exotisch wechselt man in der Krämerstraße. Auf die Imbissbude, in der bis vor kurzem noch Gyros brutzelte, hat ein Optiker ein Auge geworfen. Eröffnung im September. Ein paar Meter weiter ist bereits ein Terrassen-Café einem französischen Weinhandel gewichen. In der Jakobstraße macht schon seit einiger Zeit eine kleine Kneipe nach der anderen dicht. An deren Stellen eröffneten ein Fußpflege-Institut, ein Blumenladen und zuletzt die Geschäftsstelle eines Schwulen- und Lesbenvereins.

Und nicht nur entlang der Peter- oder Jülicher Straße, sondern sogar in Toplagen warten die Eigentümer von Gastronomie-Immobilien Monate und Jahre auf neue Pächter: zum Beispiel fürs Restaurant Drimborner Wäldchen und das „Little Italy” am Aachener Markt. Sanierung zu aufwändig, Miete zu hoch, heißt es immer wieder. Und auch auf Drimborn, unmittelbar neben dem Tierpark, sucht die Stadt laut Presseamt nun keinen Gastronomen mehr. Zuletzt war hier eine Anwaltskanzlei im Gespräch. Der Heißhunger potenzieller Pächter in der Gastro-Branche ist verflogen.
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