Für Marathon-Mann Michael Koch ist Stillstand ein Graus

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Kann nach einem halben Jahr als Vorstand der Stiftung Marienhospital eine erste Bilanz ziehen. Benjamin Michael Koch. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Benjamin Michael Koch ist gern in Bewegung: Marathonlaufen, Rennradfahren, Fußball, Tennis sind seine Sportarten. Seit einem halben Jahr ist der 35-Jährige allerdings eher im Büro des Geschäftsführenden Vorstands der Stiftung Marienhospital zu finden.

Den Schreibtisch hat er aber auch dort in der Regel auf Stehposition hochgefahren. Stillstand ist ein Graus für den jungen Familienvater. Koch hat Rolf-Leonhard Haugrund nach dessen Pensionierung am 1. September 2016 an der Spitze des Marienhospitals abgelöst. Im Interview mit Rauke Xenia Bornefeld spricht er darüber, was er in der Stiftung Marienhospital in Bewegung bringen will.

Wie haben Sie sich denn in Aachen, in Burtscheid eingelebt? Haben Sie noch Zeit für den täglichen Ausgleichssport?

Koch: Ehrlicherweise weniger im vergangenen halben Jahr. Das muss zum Frühjahr wieder zunehmen. Ich schaffe es schon noch, hin und wieder laufen zu gehen, aber deutlich weniger als früher. Aber das ist normal, wenn man eine solch neue Position übernimmt. Es braucht einfach Zeit, um die Leute und die Strukturen kennenzulernen. Dann gibt es lange Tage und auch die Wochenenden gehen schon mal für die Arbeit drauf. Aber das macht ja auch viel Spaß und wird sich auch wieder entspannen. Beim Firmenlauf im September bin ich definitiv topfit (lacht).

Wo wohnen Sie?

Koch: Ich wohne mit meiner Familie weiterhin in Köln, habe in Aachen aber ein kleines Appartement. Zwei bis drei Nächte in der Woche bleibe ich hier. Ich habe mich sehr gut eingelebt! Ich will ja nicht über die Wuppertaler schimpfen, aber dort habe ich mich in den sechseinhalb Jahren nicht so angekommen gefühlt wie in den sechs Monaten hier.

Oh…

Koch: Ja, (lacht), die Mentalität der Menschen ist anders. Die Menschen hier haben eine hohe Verbundenheit mit ihrer Stadt und mit ihrem Stadtteil Burtscheid, wie ich es in Wuppertal nicht erlebt habe. Ich bin schon zu so vielen Veranstaltungen eingeladen worden, zuletzt zur Prinzenproklamation. Ich habe so viele nette Menschen kennen gelernt und hatte schon reichlich Gelegenheit zu netzwerken. Zum Beispiel wurde ich jetzt auch in den Vorstand der Burtscheider Interessen Gemeinschaft (BIG) gewählt. Das hilft beim Ankommen.

Was hat sich mit Ihrem Wechsel nach Aachen beruflich verändert?

Koch: In Wuppertal war ich in einem größeren Konzern mit einer anderen Struktur und vielen Krankenhaus-Standorten tätig. Es gab Zentralbereiche wie Personal, Finanzen und IT. Nun verantworte ich in der Stiftung quasi alles unter einem Dach. Und es sind neue, spannende Themenbereiche dazu gekommen wie Seniorenzentren, die Rehaklinik „An der Rosenquelle“ und ambulante Dienste wie das Servicezentrum Häusliche Pflege - SHP.

Ist es das, was Sie gereizt hat, ans Marienhospital zu kommen?

Koch: Ja, auch. Ich hatte nach achteinhalb Jahren im vorherigen Unternehmen Lust auf eine neue berufliche Herausforderung. Diese ganz unterschiedlichen Sparten sind nicht anspruchslos. Ein Seniorenzentrum ist ganz anders als ein Krankenhaus und Krankenhaus ist ganz anders als Reha. Der Hauptgrund ist aber, dass ich überzeugt bin, dass man mit der vorhandenen Struktur der Stiftung Marienhospital als konfessioneller Träger ohne Gewinnmaximierungsgedanken eine sehr gute Gesundheitsdienstleistung anbieten und diese zukünftig noch weiter ausbauen kann.

Was gab die letzte Entscheidung?

Koch: Bei Besuchen in der Bewerbungsphase ist bei mir ein Gefühl entstanden, dass man hier einiges entwickeln kann. Die Stiftung hat noch eine Menge Potenzial, hier kann ich unternehmerisch noch kräftig tätig werden.

Ich welche Richtung steuert denn die Stiftung Marienhospital unter Ihrer Führung?

Koch: Wir möchten unser medizinisches Spektrum weiterentwickeln. Ich bin davon überzeugt, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Wir müssen schauen, wo die neuen medizinischen Entwicklungen hingehen, wie man das medizinische Spektrum des Hauses breiter aufstellen, neue Themen angehen kann. Da bin ich im regen Austausch mit den Chefärzten. Das macht viel Spaß, weil mir hier alle den Eindruck vermitteln, dass sie Interesse an einer Weiterentwicklung haben und mitziehen wollen. Nach einem halben Jahr haben wir die ersten Ideen formuliert und auch schon die ersten Entscheidungen getroffen. In den nächsten ein bis zwei Jahren kommen wir dann in die konkrete Umsetzung.

Da wollen Sie aber noch nicht genauer werden?

Koch: Doch, ein großes Thema ist die Neuausrichtung der Orthopädie/Unfallchirurgie. Da konnten wir zum 1. April mit Dr. Thomas Quandel einen hervorragenden Mediziner aus einem der größten deutschen Zentren in Bonn gewinnen. Diesen gesamten Bereich – auch mit der Wirbelsäulenchirurgie und Neurochirurgie – werden wir noch deutlich weiterentwickeln. Ein anderes Thema ist die Altersmedizin. Da gehören wir schon zum gerade gegründeten Versorgungsverbund. Aber das ist ein Thema mit großem Entwicklungspotenzial, um der älter werdenden Gesellschaft eine gute Versorgung zukommen zu lassen. Die Kooperation mit anderen Kliniken funktioniert hier schon sehr gut. Und ein weiteres Thema ist die Kardiologie, die wir hier als eigenständige Klinik etablieren werden.

Auf welche Resonanz stößt das bei den Mitbewerbern?

Koch: Wie in vielen anderen Städten haben wir hier in Aachen eine Struktur, die auf Zusammenarbeit beruht – zum einen zwischen den beiden großen Krankenhäusern Luisen- und Marienhospital, die sehr gut funktioniert, aber auch mit dem Uniklinikum. Wir sind Akademisches Lehrkrankenhaus, viele PJler (Anmerkung der Redaktion: Medizinstudierende im Praktischen Jahr) kommen zu uns. Das Uniklinikum ist der große, übergeordnete Maximalversorger für den Großraum Aachen. Da muss man nicht von Konkurrenz sprechen. Ich gucke auch weniger auf die anderen, sondern auf die eigene Klinik. Welche medizinische Entwicklung ist notwendig, um ein Krankenhaus zukunftssicher aufzustellen und eine moderne Versorgung zu sichern? Diese Frage muss ich beantworten.

Ist das die Wachstumsstrategie, die Sie bei Ihrer Vorstellung im vergangenen März ankündigten? Oder geht die tiefer beziehungsweise greift sie breiter?

Koch: Im Prinzip ist sie das. Ich verstehe meine Aufgabe so: Als kaufmännisch Verantwortlicher muss ich dem medizinischen und pflegerischen Personal die Rahmenbedingungen bieten, in denen sie ihre Leistungen optimal erbringen können. Gemeinsam mit den vor allem medizinischen Leistungserbringern lote ich die Nischen und die Bedarfe aus. Wo können wir durch die Kombination von Fächern medizinisch herausragende Versorgung anbieten? Wenn wir es schaffen, Experten zu gewinnen, kommen optimalerweise mehr Patienten ans Haus, weil sie sich eine exzellente Behandlung versprechen. So steigt der Ressourcenbedarf. Es geht also um Baumaßnahmen: Ausbau und Renovierung von Patientenzimmern, mehr Behandlungs- und Untersuchungsräume, größere Kapazitäten auf der Intensivstation und so weiter. Gelingt uns also die inhaltliche Stärkung des Hauses, muss ich nur noch die Ressourcen zur Verfügung stellen. Das macht Spaß!

Ist der größte Bremsklotz für Wachstum dann der Fachkräftemangel in der Pflege?

Koch: Nein, ich erlebe hier eigentlich keinen Fachkräftemangel. Sicherlich ist das ein Zukunftsthema, dem sich alle Krankenhäuser stellen müssen. In der Region Aachen sind wir da noch gut aufgestellt, sowohl was die Pflege als auch was das ärztliche Personal betrifft. Trotzdem müssen wir uns anstrengen. Durch unser Bildungsinstitut für Berufe im Gesundheitswesen haben wir eine gute Möglichkeit an Nachwuchskräfte heranzukommen. Aber auch da gibt es Überlegungen, sich weiterzuentwickeln, die Ausbildungsmöglichkeiten weiter zu verbessern, die Absolventen länger ans Unternehmen zu binden. Aber aktuell ist das kein Thema, das uns an der Entwicklung hindert.

Ist Wachstum – im Sinne von mehr von allem – denn das richtige Mittel, um den Herausforderungen im Krankenhauswesen entgegenzutreten?

Koch: Das muss man differenzieren. Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus mehr zu machen. Sondern da mehr zu machen, wo wir qualitativ besondere Schwerpunkte anbieten können. Es werden sich nur die Häuser durchsetzen, die leitliniengerecht und auf einem extrem hohen Niveau ihre Leistungen anbieten. Alles andere spricht sich rum. Mit einem „mehr von allem“ kann man allenfalls kurzfristig erfolgreich sein. Wachstum ist also nicht das einzige Kriterium für Erfolg. Wir müssen auch gucken, wo wir wirtschaftlicher sein können, wo wir bessere Preise aushandeln können, wo wir die Prozesse optimieren können. Aber auch das muss man oft durch Baumaßnahmen flankieren, um zum Beispiel neueste Medizintechnik einzubringen. Am Krankenhaus muss eigentlich immer ein Kran stehen. Es ist ein Zeichen für Entwicklung.

Sie wollten auch Leuchttürme erstrahlen lassen. Welche Namen tragen die?

Koch: Natürlich die bereits genannte Orthopädie/Unfallchirurgie, auch die Kardiologie soll ein Leuchtturm werden. Echte Leuchttürme sind außerdem das Gefäßmedizinische Zentrum. Die Gefäßchirurgie zusammen mit der interventionellen Radiologie bietet bereits ein Spektrum an, das es so in der gesamten Region kein zweites Mal gibt. Sie wird durch die Kardiologie weiter ergänzt und wird so ein absoluter Leuchtturm mit großer Strahlkraft. Auch das BrustCentrum ist bereits ein Leuchtturm. Dort erfahren wir immer mehr Zulauf, den wir dauerhaft nur durch einen Ausbau der Strukturen auf gewohnt hohem Niveau bewältigen können. Die Viszeralchirurgie/Gastroenterologie – also alles, was mit dem Magen-Darm-Trakt zu tun hat – ist ein großer Schwerpunkt des Hauses. Darüber hinaus bildet die zertifizierte minimal-invasive Chirurgie und die Tumorchirurgie ein Herzstück des Marienhospitals Aachen.

Bislang haben wir nur übers Krankenhaus Marienhospital gesprochen. Wo sehen Sie den Handlungsbedarf in den anderen Bereichen der Stiftung?

Koch: In Stolberg-Büsbach bauen wir gerade das Marienheim zu einem großen und modernen Seniorenzentrum um. Die Nachfrage ist einfach sehr groß. Zukünftig werden wir wohl weniger, dafür größere Anbieter mit mehreren Häusern auf diesem Markt in der Region sehen. Das ist schon eine besondere Säule der Stiftung, wo wir auch einen hervorragenden Ruf haben. Auch im Reha-Bereich tut sich in Aachen einiges. Da sind wir im guten Austausch mit dem Schwertbad. Die Frage ist: Wo geht der Reha-Bereich in Aachen hin? Welche Konzepte bietet wer an? Im Laufe des Jahres wird es da noch Entscheidungen geben, aber das ist noch sehr vage. Durch unsere Säulen Krankenhaus, Reha, ambulante Dienste, Seniorenzentren begleiten wir die Menschen ja nahezu auf dem gesamten Lebensweg. Das ist eine gute Konstellation, die auch genauso weiter bestehen soll. Aber natürlich müssen wir beständig die Marktentwicklungen beobachten, um weiterhin ganz vorne mitspielen zu können.

Ihr Vorgänger Rolf-Leonhard Haugrund war gefühlt omnipräsent in Aachen und besonders in Burtscheid. Was machen Sie anders oder wo folgen Sie ihm nach?

Koch: Das ist schwer zu sagen weil ich ja nicht mit Herrn Haugrund zusammengearbeitet habe. Ich kann nur meinen Führungsstil beurteilen. Meine Philosophie ist die der offenen Tür, ich schaue selbst gern bei den Mitarbeitenden in den Büros vorbei. Mir ist wichtig, dass die Führungskräfte eine Menge Verantwortung übernehmen. Von ihren Ideen, von ihrem Einsatz lebt so ein Unternehmen. Und da sehe ich im Marienhospital viel Potenzial. Es gibt hier eine große Verbundenheit der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen – oft über den Ruhestand hinaus. Ich glaube, man muss sie an vielen Stellen einfach nur machen lassen. Ich will kein Bremser bei der innovativen Weiterentwicklung sein, weil alles über meinen Schreibtisch laufen muss. Ich will ihnen den Rahmen schaffen, auch frei agieren zu können.

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