Für den Arztbesuch ist kein Geld übrig

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Das friedliche Bild trügt: Die Familie Kadric weiß nicht, ob sie in Aachen bleiben kann. In Serbien drohen Klaudija, Zaklina und Nesa Armut und Diskriminierung. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Manche nennen sie Heizungsflüchtlinge. Weil sie „nur“ kommen, damit ihnen wärmer ist als zu Hause. Familie Kadric hat in Serbien tatsächlich in einer armseligen Hütte gewohnt. Aber das allein hat sie nicht veranlasst, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.

Die Kadrics – Vater Nesa, Mutter Zaklina, die Töchter Klaudija (18) und Katharina (15), die Söhne Radomir (12) und Rada (11) – gehörten in Serbien zur Minderheit der Roma. Seit Sommer 2012 sind sie in Deutschland und haben hier einen Asylantrag gestellt. „In Deutschland ist alles besser“, sagt Nesa. „Aber wir dachten, es wäre leichter zu bleiben.“

Als „Zigeuner“ beschimpft

In Serbien sah es für Familie Kadric so aus: Da waren die Beschimpfungen. „Zigeuner“ war da noch das freundlichste. Die Eltern haben zwar einen Schulabschluss, konnten aber keinen Beruf erlernen. Dementsprechend haben sie von geringen Sozialleistungen gelebt. Nesa hat als Tagelöhner in der Landwirtschaft und Zaklina als Putzkraft hin und wieder die Familienkasse aufgebessert. Die Kinder sind in die Schule gegangen – allerdings oft genug ohne Schulbücher oder Hefte. Da die Familien in Serbien dafür selbst aufkommen müssen, mussten die Kinder der Familie Kadric in der Regel ohne gehen. Von mal mehr mal weniger als 100 Euro im Monat ist das Überleben auch in Serbien schwer.

Aber Armut und Diskriminierungen hätten die Familie vielleicht dennoch nicht aus ihrer Heimat getrieben. Klaudijas Gesundheitszustand aber sehr wohl: Die 18-Jährige leidet seit ihrer Geburt an Hydrozephalus – auch Wasserkopf genannt. Hinzu kommt eine Sehbehinderung. Gerade die vermehrte Ansammlung von Wasser im Gehirn muss regelmäßig kontrolliert werden.

Das geht auch in Serbien – allerdings braucht man dafür Geld: 300 Euro pro Quartal für eine Röntgenuntersuchung und die Fahrt nach Belgrad. Zu viel für die Tagelöhner-Familie. Neun Jahre war Klaudija nicht mehr bei einem entsprechenden Arzt.

„In Deutschland ist alles besser“, waren die Kadrics auch 2012 überzeugt, verkauften ihr Grundstück, auf der ihre Ein-Zimmer-Hütte stand, um die Reisekosten mit dem Kombi bezahlen zu können und machten sich auf den Weg. „In Deutschland sind alle gleich, egal welcher Nationalität oder Kultur sie angehören“, ist Nesa auch heute noch überzeugt, dass es der richtige Weg war.

Tatsächlich gehen hier alle seine Kinder zur Schule – mit Schulbüchern und Heften. Tatsächlich haben sie eine Drei-Zimmer-Wohnung bekommen. Tatsächlich wurde Klaudija an den Augen operiert und werden die Wasseransammlungen im Gehirn regelmäßig kontrolliert. Aber der größte Teil der Familie ist bislang nur geduldet – aktuell bis Mitte Januar 2014. Arbeiten darf deshalb weder Zaklina noch Nesa. Dabei würden sie gerne auf die Sozialleistungen des deutschen Staates verzichten.

Klaudijas Asylantrag ist als offensichtlich unbegründet abgelehnt worden: „Hier hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge meines Erachtens nicht genau hingeschaut, sondern standardisierte Textbausteine im Bescheid verwendet.“ Erst im Eilverfahren nach Klage hingegen gab es eine positive Entscheidung. Das Hauptverfahren beim Verwaltungsgericht Aachen ist noch anhängig.

„Aber allein kann ich hier nicht bleiben. Immer kann in meinem Kopf etwas passieren. Dann habe ich Todesangst, werde ohnmächtig und kann nicht allein Hilfe holen“, sagt die junge Frau.

Angst vor der Rückkehr

Angst macht ihr und dem Rest der Familie auch das, was sie im Falle einer Rückkehr nach Serbien erwartet. „Schon früher war die Luft voller Aggression. Rückkehrer werden noch schlechter behandelt, weil sie das Ansehen des Staates Serbien beschmutzt haben.“ Auch ein Dach überm Kopf würde ihnen fehlen.

Und wenn sie bleiben könnten? „Dann würde ich fliegen“, sagt Nesa und strahlt. Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben.

Der serbische Staat diskriminiert Minderheiten und verweigert weitgehend den Zugang zu Sozialleistungen, dem Gesundheitssystem und zum Arbeitsmarkt. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist kaum möglich. Dies belegen Länderberichte und -recherchen. Die meisten Roma leben in Slums außerhalb der Städte in völliger Isolierung. Seitens der Bundesregierung werden diese Tatsachen aber überwiegend ausgeblendet. In derzeitigen Koalitionsverhandlungen wird trotz der desolaten Lage darüber debattiert, ob Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer definiert werden sollten.

Serbien hat sogar ein Gesetz erlassen, welches eine Asylantragstellung als Straftat wertet. Abgelehnte Asylbewerber haben somit bei Rückkehr mit Strafen zu rechnen. Rückkehrern wird dann mehr als zuvor der Zugang zu Sozialleistungen und Bildung verwehrt.

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