Fünf heiße und fünf überraschend kühle Orte in Aachen

Von: Robert Esser und Stefan Herrmann
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Den Dachdeckern Heiko Wentzler, Christian Kaunitz und Praktikant Thomas Klöcker rinnt der Schweiß bei der Sanierung des Luisenhospital-Dachs in Strömen von der Stirn. Foto: Michael Jaspers/Stefan Herrmann
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Von Hitzefrei kann Kai Schmitz nur träumen. Er pflastert schweißnass den Gehweg in der Großbaustelle. Foto: Michael Jaspers/Stefan Herrmann
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Abwärts in die Apag-Tiefgarage Mostardstraße: Tief unter der Oberfläche sinken die Temperaturen ebenfalls um 10 Grad. Foto: Michael Jaspers/Stefan Herrmann
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Im Musikbunker: Mittwoch haben wir im Proberaum einer Bluesband 12,1 Grad gemessen. Foto: Michael Jaspers/Stefan Herrmann

Aachen. Temperaturschwankungen über 40 Grad? Kein Problem. In der Ratskellerküche von Maurice de Boer braten Köche bei 54,7 Grad Celsius – Lufttemperatur! Im Musikbunker schmeißt gleichzeitig so mancher Gitarrist die Heizung an. Draußen bis zu 36 Grad unter freiem Himmel, drinnen 12,1 Grad Celsius. Schwitzen oder Gänsehaut: Wir haben genau nachgemessen.

1) High Noon über den Dächern der Stadt: Den Dachdeckern Heiko Wentzler, Christian Kaunitz und Praktikant Thomas Klöcker rinnt der Schweiß bei der Sanierung des Luisenhospital-Dachs in Strömen von der Stirn. Kein Wunder, klettert das Thermometer zur Mittagszeit doch auf rekordverdächtige 34,7 Grad. Abkühlung verspricht da auch der coole Ausblick über die City nicht. Statt den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, greift Wentzler zum Fön. Zum Fön? „Das ist ein Heißluftfön“, erklärt der Angestellte des Betriebs Schaaf&Dornhöfer. Mit 460 bis 650 Grad Celsius werden die Kunststoffbahnen so aufs Dach geschweißt. Was sind da 34,7 Grad!?

2) Lust und Laster im Ludwig Forum: Angesichts echter Gänsehaut auf nacktem Damenrücken und Po der Skulptur „Das Paar“ von John de Andrea kann man im Museum an der Jülicher Straße ganz cool bleiben. Bei 22,8 Grad Raumtemperatur droht in der aktuellen Ausstellung „Le Souffleur – Schürmann trifft Ludwig“ wirklich keine Überhitzung – obwohl die Klimaanlage derzeit nicht einmal laufe, wie Kuratorin Esther Boehle erzählt. Das kostenträchtige Kühlsystem wird nur angeworfen, wenn dies wegen empfindlicher Kunstleihgaben konservatorisch geboten ist. Wer viel Platz, kühles Klima und kühne Kunst sucht, kommt im LuFo von 12 bis 20 Uhr für 5 Euro voll auf seine Kosten – und dies 12 Grad unter dem Thermometerstand vor der Tür.

3) Klotzen am Krugenofen: Von Hitzefrei kann Kai Schmitz nur träumen. Er pflastert schweißnass den Gehweg in der Großbaustelle. Man könnte sagen: Menschen Steine in den Weg zu legen, ist sein Job. Um 12.30 Uhr zeigt das Thermometer im Schatten des Baggers 33,4 Grad an. Staub wirbelt durch die Luft, wenn Schmitz über den Boden robbt. Erfrischung verspricht der Abend: Dann springt er mit Kumpel und Kollege Christian Lersch in den Blausteinsee. Daran werden sie heute denken: Der 180 Grad heiße Asphalt wird am Kru-genofen verlegt. Dagegen muten die 54,7 Grad Celsius, die wir in der Küche von Spitzenkoch Maurice de Boer

4) im Ratskeller am Markt gemessen haben, fast harmlos an. Dabei ist das so heiß wie der Aufenthalt unter der prallen Mittagssonne! Ohne Schatten. De Boer empfiehlt zur Abkühlung Gurkensuppe. Die helfe sogar gegen Verbrennungen, heißt es.

5) Gänsehaut im Centre Charlemagne: Schon die „sprechenden Knochen“ der Skelette in der Sonderausstellung des Neuen Stadtmuseums Aachen am Katschhof lassen so manchen Betrachter frösteln. Hunderte Jahre alt, aus der Erde unter dem Hof ausgebuddelt – und voller Rätsel. Dabei sorgt die Klimaanlage im Centre für gleichbleibend perfekte Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur – Am Mittwoch 22,1 Grad Celsius. Die Exponate mögen‘s lieber kühl. Und dies kommt nun wiederum dem Publikum zugute, das gerade in diesen Tagen eiskalt diesem heißen Tipp folgen sollte: zwischen 10 und 18 Uhr für 5 Euro Eintritt im Centre Charlemagne der brütenden Sonne entfliehen. Cooler Nebeneffekt: Sie werden in Zukunft beim nächsten Smalltalk über Karl den Großen und die Kaiserstadt nie mehr baden gehen.

6) Hängepartie am Hangeweiher: Wer einen Besuch im Freibad plant, sollte vor allem eins mitbringen – Geduld! Schwitzen in der Warteschlange lautet das Motto, bevor erfrischende Freuden im kühlen Nass anstehen. Das ärgert viele Besucher, die bis zu einer Stunde vor dem Eingang anstehen. Einmal drin, begrüßt das Schwimmerbecken alle mit angenehmen 25,5 Grad Wassertemperatur – immerhin knapp sieben Grad kühler als die 32 Grad, die das Außenthermometer anzeigt. Für Benjamin Beek sind das beste Arbeitsbedingungen. Für den schichtführenden Fachangestellten für Bäderbetriebe – so heißt der Job nämlich, den viele salopp Bade- oder Schwimmmeister nennen – gilt es, in der Hitze des Schwimm- und Plantschgefechts cool zu bleiben. Eines darf er jedoch während der Dienstzeit nicht: zum Vergnügen selbst ins Becken steigen. Schade.

7) Molliges im Musikbunker: Gänsehautmomente ohne jedes Sonnenlicht sind hinter den meterdicken Mauern des mons-trösen Kriegsrelikts in vielerlei Hinsicht garantiert. Weil Musiker in ihren Proberäumen hier oft berührende Songs anstimmen. Und weil das Thermometer drinnen trotz Sommerhitze draußen nur sehr langsam steigt. So tief steckt dem Koloss die Winterkälte im Stahlbeton. Mittwoch haben wir im Proberaum einer Bluesband 12,1 Grad gemessen. „Draußen schwitzen, drinnen Heizung anschalten – das klingt absurd, kommt aber vor“, sagt Musiker Johannes Albrecht. Auch cool.

8) Abwärts in die Apag-Tiefgarage Mostardstraße: Tief unter der Oberfläche, im vierten Untergeschoss des Parkhauses am Markt sinken die Temperaturen ebenfalls spürbar. Dunkel, düster – Gänsehaut. 25,6 Grad haben wir Mittwoch registriert – 10 Grad kälter als oben auf der Straße. Wer also als Verkehrsteilnehmer erstens kühlen Kopf bewahren und zweitens einfach mal (Motor) abschalten will, ist bei der Apag perfekt aufgehoben – rund um die Uhr.

9) Einladung in den Dom: Das gewaltige Münster lässt kaum was durchgehen. Sobald man durchs Portal ins Oktogon schreitet, spürt man die angenehm kühle Atmosphäre – am Mittwoch 21,9 Grad. Wie wohltuend, Abstand vom hitzigen Alltagsstress zu genießen: In aller Stille besinnen, beten, zur Ruhe kommen – es sei denn, ein paar wachhabende Domschweizer weisen mal wieder einen pietätlosen Besucher zurecht, der im Gotteshaus zum Handy gegriffen hat. In solchen Fällen geht‘s hier heiß her. Gänsehautmomente...

10) Treibhaus Tivoli: Sven Schaffrath hat als Leiter der Alemannia Aachen Fußballakademie den kleinen Kickern bei 35,5 Grad viele Trinkpausen mit elektrolythaltigen Getränken verordnet. „Und gestern haben wir Sonnencreme besorgt – selbstverständlich schweißbeständige“, betont der Fußballlehrer. Pausen im Schatten kommen dazu. Abschwitzen, bitte.

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