Frust und Trauer, aber kein Zorn am Aachener Hauptbahnhof

Von: Matthias Hinrichs und Oliver Schmetz
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Wie geht’s weiter? Die Frage stand vielen Reisenden am Dienstag am Hauptbahnhof ins Gesicht geschrieben. Sämtliche Zugverbindungen von und nach Belgien waren gekappt. Am Mittag trafen die ersten Sonderbusse ein, um eine Weiterfahrt Richtung Lüttich und Brüssel zu ermöglichen. Foto: Andreas Herrmann
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Strenge Kontrollen, lange Staus: Wer auf der Autobahn von oder nach Belgien unterwegs war, musste viel Zeit mitbringen. Foto: Ralf Roeger
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Erhöhte Präsenz: Nicht nur am Hauptbahnhof will die Polizei jetzt verstärkt Einsatzbereitschaft zeigen. Foto: Andreas Herrmann
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Nichts fährt mehr: An Gleis 6, wo der Zug Richtung Brüssel abfahren sollte, herrschte gähnende Leere. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Während die belgischen und deutschen Fahnder fieberhaft versuchen, auch die letzten möglichen Schlupflöcher für Terrorverdächtige im grenzüberschreitenden Verkehr zu schließen, bleiben für die Reisenden am Aachener Hauptbahnhof am Dienstagvormittag erst einmal viele Fragen offen. Faktisch hat der Ausnahmezustand im Nachbarland auch den Betrieb an den Aachener Gleisen längst erreicht.

Kopfschütteln und Schulterzucken gehören bei den Bahnbediensteten am Infopoint im Foyer zeitweise notgedrungen zu den bevorzugten Kommunikationsformen – mehr noch als bei den Gestrandeten, die sich dort versammeln, um herauszufinden, wie sie denn nun an ihr Ziel kommen sollen. Denn für die Fernverbindungen zwischen Brüssel und Köln ist kurz nach den Anschlägen in der belgischen Hauptstadt spätestens im Dreiländereck Endstation.

Viele sichtlich gestresste Kunden, die eigentlich um 11.39 Uhr den ICE aus Brüssel Richtung Frankfurt erwischen wollten – so wie ein älteres Paar mit Endziel Karlsruhe –, müssen sich völlig neu orientieren und erst einmal auf den nächsten Regionalexpress Richtung Köln umsteigen. „Da haben wir allerdings nur ein paar Minuten, um den Anschluss zu kriegen“, sagen die Senioren stirnrunzelnd.

Kritische Stimmen sind trotzdem nicht zu hören – angesichts der schrecklichen Ereignisse am Brüsseler Flughafen und in einer Metrostation im Herzen der belgischen Hauptstadt zeigen die Menschen viel Verständnis. „Mein Flugzeug in Frankfurt geht eh‘ erst am Abend“, verrät eine junge Frau jovial. Natürlich könne sie nachvollziehen, dass jetzt eben auch Improvisationstalent angesagt sei: „Die Frage stellt sich ja wohl nicht!“

Die letzte Chance, per Schiene zumindest bis ins belgische Grenzland zu gelangen, zuckelt derweil in Gestalt des RE 29 von und nach Spa um 12.04 Uhr auf Gleis neun heran. Auf dem Bahnsteig ist dennoch kaum jemand zu entdecken – abgesehen von einer Handvoll Bundespolizisten, welche die wenigen Ankömmlinge kritisch unter die Lupe nehmen, etwa den Geschäftsmann mit Reiseziel Gent. „Komme gerade wieder zurück aus Welkenrath, weil ich versucht habe, von dort aus eine Verbindung zu kriegen“, sagt er entnervt – zu spät. Inzwischen ist das gesamte Schienennetz im Nachbarland lahmgelegt, erfährt er prompt per Durchsage.

Endstation Aachen also auch für den Express nach Brüssel, der mit knapp zehnminütiger Verspätung um 12.30 Uhr auf Gleis sechs einfährt. Immerhin können die DB-Helfer jenen, die weiter müssen, jetzt die ersten alternativen Wege aufzeigen. Gerade sind drei Gelenkbusse des belgischen Busunternehmens Sadar vor dem Hauptbahnhof eingetroffen, die die Gestrandeten zunächst bis Lüttich chauffieren. Für weitere Verbindungen per Bus, auch nach Brüssel oder zum Flughafen Charleroi, werde dort gesorgt, heißt es.

Felix Riethmüller aus Kassel hofft derweil, dass sich zumindest die kontrollbedingten Staus auf den Autobahnen in Grenzen halten – in beide Richtungen. „Ich möchte mit meiner Familie ein paar Tage Urlaub in Brügge machen“, erzählt der 18-Jährige. „Mein Vater ist zum Glück schon etwas länger dort. Er kommt jetzt extra mit dem Auto, um mich hier abzuholen.“

Während am Hauptbahnhof die Folgen des Terrors greif- und spürbar sind, findet die Tragödie der Nachbarn in der Aachener Innenstadt wenige Stunden nach den Anschlägen (noch) recht wenig Widerhall. Wie die Polizei am Nachmittag auf Anfrage erklärt, soll sich das jedoch augenfällig ändern.

Man sei „sensibilisiert“ und verstärke „bis auf weiteres Präsenz- und Aufklärungsmaßnahmen“, um die Bundespolizei zu unterstützen, kündigt Aachens Polizeisprecher Werner Schneider an. Außerdem stehe man „im direkten und ständigen Austausch mit anderen Sicherheitsbehörden in Belgien“. Allerdings lägen derzeit „keinerlei konkrete Hinweise auf ähnliche Gefährdungslagen in unserem Bereich vor“, so der Sprecher.

Gesten der Solidarität, des Mitgefühls und der Trauer, wie sie in den Tagen nach den Pariser Terroranschlägen an vielen Stellen Aachens sichtbar geworden sind, muss man so kurz nach dem neuerlichen Attentat noch suchen. An der Theaterstraße ist vor dem Aachen-Münchener-Gebäude neben der Europafahne die belgische Nationalflagge gehisst – versehen mit schwarzem Trauerflor. Und im Foyer des Rathauses hat die Stadtverwaltung ein Kondolenzbuch ausgelegt. Wieder einmal, wie schon nach dem Terror in Paris im Januar und November vorigen Jahres.

Die Brüsseler Anschläge seien „ein Angriff auf unsere Freiheit und die Werte Europas“, heißt es in dem Buch. Erster Unterzeichner ist Oberbürgermeister Marcel Philipp. Der denkt dabei auch an mögliche (Terror-)Gefahren für die maroden belgischen Atomkraftwerke, gegen deren Betrieb sich Aachen wehrt. „Ich hoffe, dass man so vernünftig ist, diese jetzt herunterzufahren“, sagt der OB.

Aber Philipp weiß auch, dass es in diesen Zeiten keine Sicherheit gibt: „Das kann in Europa in jeder Stadt zu jeder Zeit passieren.“ Mit dieser Verunsicherung müsse man wohl noch lange leben. Der Ausnahmezustand hat an diesem Tag also längst nicht nur den Betrieb auf dem Aachener Hauptbahnhof erreicht.

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