Aachen - Frühjahrsputz bei eisigen Temperaturen

Frühjahrsputz bei eisigen Temperaturen

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
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Frühjahrsputz bei eisigen Temperaturen: Wie hier im Ferberpark die Mitglieder des Inklusionsprojektes „Wir alle“ machten am Samstag tausende große und kleine Aachener bei der Aktion gegen den wilden Müll mit. Foto: Andreas Steindl
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Vor der Arbeit stärkten sich die Helfer in Brand bei einem gemeinsamen Frühstück. Foto: Kurt Bauer
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Oberbürgermeister Marcel Philipp bedankt sich bei den Freiwilligen in Haaren für ihr großes Engagement. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Ausbeute des Tages kann sich sehen lassen: Eine Matratze, ein Heizofen, alte Autoreifen, Papier, Glas, Kronkorken und Zigarettenkippen türmen sich auf dem Müllwagen des Aachener Stadtbetriebs in Haaren. Zufrieden steht Norbert Wotzko neben seinem Gefährt. Dass er heute, am Samstag, „für lau“ arbeitet, stört ihn nicht. Seit halb zehn ist er unterwegs, jetzt ist es fast zwei Uhr. „Mitmachen gehört für mich einfach dazu“, sagt Wotzko.

150 Säcke Müll hat der Stadtbetriebs-Mitarbeiter schon abtransportiert – allein in Haaren. Bei der Aktion „Aachen putzt sich“ sammeln Bürger bereits zum dritten Mal all das auf, was andere nicht in den Mülleimer geworfen haben.

Eine Million Euro gibt die Stadt jährlich für den sogenannten „wilden Müll“ aus. Aber nicht nur Zigarettenstummel und Hundehaufen sind an diesem Tag der erklärte Feind von Tobias Kogel und seiner Schwester Vanessa, sondern auch die Kälte. Feuerwehrschuhe mit Stahlkappen haben beide an. „Für den Rest hilft nur das Zwiebelprinzip“, sagt Tobias und überlegt: „Unterhemd, T-Shirt, Pulli, Uniformjacke und noch die normale Jacke. Fünf Schichten habe ich an.“ Knapp zwei Stunden haben Vanessa und er gegen den Müll an der Haarener Gracht angekämpft. „Dann wurde es einfach zu kalt.“ Nun wärmen sie sich in der extra eingerichteten Suppenküche im Bürgerzentrum auf. Gulasch- und Kartoffelsuppe tun an einem so kalten Tag den emsigen Müllsammlern gute Dienste.

4500 Aachener Bürger kämpfen bei der Aktion gegen die Schmutzflut. „Sauberkeit ist eine Sisyphos-Arbeit“, weiß auch Oberbürgermeister Marcel Philipp, der in Haaren auf einen Teller Suppe vorbeischaut. „Das Bewusstsein für eine saubere Stadt muss immer wieder neu gestärkt werden.“ Gemeinsam gegen den Dreck vorgehen, das habe auch eine besondere Qualität. Denn: „So gründlich, wie die Leute Grünflächen säubern, an denen sie wohnen, ist das mit dem Stadtbetrieb gar nicht zu machen.“

Eine von diesen Gründlichen ist auch Lehrerin Veronika Geerling. Sie ist neben den von der Stadt zur Verfügung gestellten Handschuhen und Müllsäcken mit Spezialgerät ausgestattet: Greifzange, Besen und Kehrbleche haben sie und ihre vier Mitstreiter dabei, um „ihren“ Sandkaulpark zu reinigen. Während sie McDonalds-Tüten und Taschentücher mit der Greifzange von der Wiese klaubt, merkt man, das ihr das kleine Stückchen Grün an der Sandkaulstraße am Herzen liegt. Geerling wohnt direkt gegenüber. „Die Buche dort drüben ist mein Patenkind, und da hinten wachsen Rosen, die habe ich gepflanzt“, erzählt sie. Der Park ist ihr „kostbar“. Sogar so kostbar, dass Geerling regelmäßig den Müll dort aufsammelt. „Ich wünschte, dass so eine Aktion mehr Nachwirkung hätte“, sagt sie. „Zwei Tage später ist hier alles wieder dreckig. Meine Mitmenschen müssen da dazulernen“, erklärt sie.

Inklusionsprojekt

Andernorts ist man dem Müll schon erfolgreich zu Leibe gerückt: Der Ferberpark in Burtscheid ist leer. Vor allem leer gefegt vom Müll. 15 tapfere Männer und Frauen wärmen die gefrorenen Ohren in einem Eiscafé in der Burtscheider Fußgängerzone. Eis gibt es trotzdem – allerdings auf warmen Waffeln. Monika Zimmermann, Koordinatorin des von der Aktion Mensch finanzierten Inklusionsprojekts „Wir alle“, ist zufrieden: Fünf blaue Säcke hat ihre Truppe gefüllt und gleichzeitig auch noch das Anliegen ihres Projekts umgesetzt.

Menschen mit und ohne Behinderung sollen in Burtscheid gemeinsames Engagement für ihren Stadtteil zeigen und vor allem Hand in Hand arbeiten. „Gemeinsam etwas tun ist besser, als auf irgendein Fest zu gehen, um Inklusion umzusetzen“, sagt auch Sonja Stief vom Burtscheider Turnerbund, die heute gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn dem Müll den Kampf angesagt hat. Das Ungewöhnlichste, was der kleine Max gefunden hat, sei eine Gabel gewesen, erzählt er. „Und massenweise Hundehaufen. Aber leider keinen Schatz.“

Den hat dafür Armin gefunden: Ein kleiner brauner Tonkrug, der plötzlich im Gebüsch auftauchte und den er sofort behalten wollte. Armin kommt eigentlich aus Alsdorf, nutzt aber den familienunterstützenden Dienst des Vinzenz-Heims und ist an den Wochenenden in Aachen. Für die Putzaktion war er sofort Feuer und Flamme und ist nun reich belohnt worden. Was er mit seinem Krug machen will, wisse er noch nicht. Entweder ihn als Vase oder Kerzenhalter benutzen. „Ich finde es wichtig, dass in Burtscheid Solidarität gelebt wird“, sagt Monika Zimmermann. „Noch steckt unser Projekt in den Kinderschuhen. Der Frühjahrsputz war da ein geeigneter Startpunkt. Es ist wichtig, dass man etwas zurück gibt und zeigen kann, dass sich Menschen mit Behinderung genauso wie alle anderen in die Gemeinschaft einfügen.“

Auch auf der matschigen Rasenfläche des Kennedyparks wird fleißig sauber gemacht. Hier müssen die Müllsammler auch noch dem pfeifenden Wind trotzen, der über die lichte Fläche bläst. Nail Ahmad und Haris Rafiq sehen das gelassen. Haris trägt sogar eine Sonnenbrille. Bereits seit halb zehn füllen sie ihre Müllsäcke. Sie sind Mitglieder des Vereins „Ahmadiyya Muslim Jamaat“ und haben 18 Männer mobilisiert, um den Dreck im Park verschwinden zu lassen.

Der Verein hat sich „aus Liebe zur Schöpfung“ verpflichtet, Menschen in Notlagen zu unterstützen. Dass sie hier putzen, finden sie ganz normal. „Man muss ja etwas zurückgeben, das gehört für uns zur Integration.“ Sie und ihre Mitsammler wohnen alle um den Park herum. Seinen Platz sauber verlassen, das hätten sie alle schon in ihrer Kindheit beigebracht bekommen.

In Haaren sind die Suppenkübel inzwischen zur Hälfte geleert – der Rest der Mahlzeit wartet auf weitere hungrige Müllsammler.

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