Früher Sterbebegleitung, heute Lebensberatung

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Hat die Aids-Hilfe Aachen von ihren 30 Jahren 28 Jahre lang begleitet: Geschäftsführer Walter Brüsseler. Foto: MIchael Jaspers

Aachen. Die Themen Aids und HIV sind in jüngerer Zeit weitestgehend aus dem Blickfeld geraten. Ab und an sticht noch eines der „Gib Aids keine Chance“-Plakate ins Auge, und zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember rückt das Thema alljährlich kurz ins Bewusstsein, um am nächsten Tag wieder vergessen zu sein.

Und wer kann schon behaupten, dass er einen HIV-Erkrankten in seiner Familie, in seinem Bekanntenkreis hat? Für Walter Brüsseler, Geschäftsführer bei der Aids-Hilfe Aachen e. V., steht das Thema hingegen auf der Tagesordnung. Seit 30 Jahren kümmert sich die Initiative um Erkrankte sowie deren Angehörige und leistet wichtige Präventionsarbeit. Brüsseler ist seit 28 Jahren dabei. Zeit, zum Jubiläum ein Resümee zu ziehen.

Die 80er Jahre: Plötzlich tauchte das Phänomen Aids auf, das zeitweise eine wahre Hysterie auslöste. In der Zeit ist die Aids-Hilfe Aachen entstanden.

Brüsseler: Ja, 1986 ist sie unter dem Dach der Deutschen Aids-Hilfe gegründet worden. Der Zusammenschluss aus engagierten Sozialarbeitern, insbesondere aus dem Bereich der Suchthilfe, und von Menschen, die mit HIV leben, war quasi eine Mischung aus Bürgerbewegung und Selbsthilfeinitiative. Alle waren sich einig darüber, dass etwas passieren musste. Die Situation war jedoch folgende: Es gab kaum Informationen zu HIV und Aids, auch finanzielle Unterstützung fehlte. Viel ist damals auf ehrenamtlicher Basis umgesetzt worden.

Und heute?

Brüsseler: Unsere Arbeit konnten wir im Laufe der Zeit immer mehr professionalisieren und unser Angebot ausbauen, auch mit der Unterstützung durch öffentliche Mittel und Spenden. Dennoch: Neben den vier festen Mitarbeitern, die übrigens alle schon sehr lange dabei sind, ist es insbesondere den Projektstellen, Bürgerarbeitsstellen, Stammstellen und den vielen Ehrenamtlichen zu verdanken, dass wir überhaupt ein so umfangreiches Angebot auf die Beine stellen können.

Was genau?

Brüsseler: Unsere Arbeit umfasst die Schwerpunkte Beratung, Begleitung, Prävention und Selbsthilfe. Neben der persönlichen und der Telefonberatung bieten wir heute auch die Online-Beratung an, um noch mehr Menschen mit HIV zu erreichen. Natürlich alles anonym, unsere Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht. Das Ziel besteht darin, immer mehr Angebote im Bereich Selbsthilfe und Selbsthilfeförderung zu etablieren. Unverzichtbar ist auch die Arbeit der sogenannten Youth Worker für die schulische und außerschulische Jugendaufklärung.

Wissen Jugendliche denn heutzutage nicht schon alles aus dem Internet?

Brüsseler: Ja und nein. Das Internet kann zwar einige Fragen beantworten, aber nicht alle, und manche werden schlichtweg falsch beantwortet. Deswegen ist das persönliche Gespräch sehr wichtig, und dabei vor allem die richtige Ansprache. Im Jugendbereich besteht mit jedem neuen Jahrgang die Notwendigkeit, über HIV und Aids aufzuklären. Wir möchten die Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren in die Lage versetzen, eigene und verantwortungsbewusste Entscheidungen zu fällen.

Wie ist die Gesellschaft denn damals mit dem Thema umgegangen, wie heute?

Brüsseler: Das größte Problem, das wir heute haben, ist, dass die meisten Menschen noch das alte Bild von Aids im Kopf tragen. Denn eigentlich ist das Leben mit HIV dank des medizinischen Fortschritts relativ „normal“ für Betroffene geworden und nicht mit einem Todesurteil gleichzusetzen. Zum Vergleich: Anfang der 80er Jahre gab es noch nicht einmal einen Test für den Erreger. Mitte der 90er Jahre sind die ersten Kombinationstherapien auf den Markt gekommen. Aus der tödlichen Krankheit wurde eine chronische Erkrankung.

Heutzutage besteht zwar keine große Aids-Hysterie mehr, die Diskriminierung oder Stigmatisierung von Betroffenen in vielen Lebensbereichen ist hingegen weitestgehend geblieben. So schön der Fortschritt im medizinischen Bereich ist, umso bedauernswerter ist die nach wie vor bestehende Diskriminierung und teilweise Kriminalisierung von HIV- oder Aids-Erkrankten. Davon sind insbesondere Zielgruppen betroffen, die öfter an HIV erkranken, wie Schwule, Drogengebrauchende, Migranten aus Ländern mit hoher HIV-Prävalenz, Menschen in Haft und Sexarbeiter, insbesondere im Bereich Zwangs- und Beschaffungsprostitution.

Sind Neuinfektionen aufgrund der guten Aufklärungsarbeit nicht rückläufig?

Brüsseler: Die Zahl der Neuinfizierten bleibt seit einigen Jahren unverändert. Daran zeigt sich, wie wichtig die konsequente Aufklärungsarbeit ist! Darüber hinaus stehen wir voll und ganz hinter der Kampagne der deutschen Aids-Hilfe „DAH reloaded“, die postuliert, Aids in Deutschland bis 2020 auszumerzen. Denn rein theoretisch müsste niemand mehr in Deutschland an Aids sterben, da das vollständige medizinische Instrumentarium zur Verfügung steht, um den Ausbruch der Krankheit zu verhindern.

Und praktisch?

Brüsseler: Voraussetzung ist natürlich, dass die Krankheit rechtzeitig erkannt wird. Nur ein frühzeitiger Test lässt eine Erfolg versprechende Therapie zu. Wir gehen jedoch davon aus, dass bundesweit von 83 000 HIV-Infizierten rund 14 000 nichts von ihrer Infektion wissen. Das ist fatal, denn Menschen, die ihre Therapien konsequent durchführen, haben eine fast normale Lebenserwartung. Außerdem können die Medikamente die Viruslast unter die Nachweisgrenze bringen. Das heißt: Diese Menschen sind nicht mehr infektiös. In erster Linie ist die Angst vor Diskriminierung dafür verantwortlich, dass manch einer lieber mit der Ungewissheit lebt als mit dem definitiven Testergebnis.

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr selbstbewusste Betroffene, die offen mit ihrer Krankheit umgehen.

Brüsseler: Ja, wir bieten Schulen zum Beispiel das Modul „Positiv Leben“ an. Dabei erzählt ein HIV-Positiver in einer Klasse aus seinem Leben, auch von den Diskriminierungserlebnissen etwa im Krankenhaus oder am Arbeitsplatz. Insgesamt geht es dabei darum, ein realistisches Bild vom Leben mit HIV zu vermitteln. Es gibt zunehmend Menschen, die offen positiv leben. Die Mehrheit hat jedoch weiterhin Angst, sich zu „outen“. Da ist die Angst vor Partnerschafts- oder Jobverlust, davor, dass die Freunde, die gestern noch Freunde waren, plötzlich keine mehr sind, und dass hinter dem Rücken geredet und getuschelt wird.

Wie versuchen Sie, die besonders gefährdeten Gruppen anzusprechen?

Brüsseler: Am besten vor Ort. Präventions- und Testangebote müssen niedrigschwellig und nah an der Lebenswirklichkeit von Menschen sein. Man muss dort hingehen, wo diese Menschen leben, arbeiten oder sich aufhalten. So haben wir etwa im Rahmen unseres Spritzenautomaten-Projektes in Aachen 7364 Einwegspritzen und Injektionsnadeln getauscht. Außerdem haben im vergangenen Jahr zwei unserer Mitarbeiterinnen professionelle Sexarbeiterinnen in der Antoniusstraße einmal monatlich aufgesucht und Broschüren zu HIV, anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen und Schutz vor Infektion in verschiedenen Sprachen verteilt und Fragen zu diesen Themen beantwortet.

Sind auch gezielte Aktionen zum Jubiläum geplant?

Brüsseler: Neben verschiedenen Veranstaltungen wie einer Theateraufführung oder einer Experten-Talkrunde unter dem Motto „Aids besiegen – Illusion oder Chance?“ wird es am 8. Oktober unsere öffentliche Benefizveranstaltung im Saalbau Kappertz geben. Dazu ist jeder herzlich willkommen!

Wie sind Sie selbst eigentlich seinerzeit zur AIDS-Hilfe Aachen gekommen?

Brüsseler: Ursprünglich komme ich aus der Suchtarbeit. Bei der Aids-Hilfe Aachen bin ich zunächst 1987 ehrenamtliches Mitglied geworden. Dann war ich jahrelang als Youth-Worker tätig. Geschäftsführer bin ich erst im Jahre 2008 geworden.

Ihr Resümee nach vielen Jahren…

Brüsseler: Ohne bürgerschaftliches Engagement, ehrenamtliche Mitarbeiter und auch zunehmend selbstbewusste und aktive Betroffene wären wir nicht so weit mit unserer Arbeit gekommen. Diese tolle Mischung ist das eigentliche Erfolgsrezept. Darin geht auch das Konzept auf, für das sich die Bundesrepublik einst entschieden hat: Nicht mit Repression das Thema angehen, sondern mit Offenheit, Freiwilligkeit und Unterstützung, aber auch der Zusammenarbeit zwischen Non-government-Organisationen wie der Deutschen Aids-Hilfe und der regierungsnahen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das Ergebnis: In Deutschland haben wir eine der niedrigsten Infektionsraten weltweit.

Welches Erlebnis hat Sie im Rahmen Ihrer Arbeit nachhaltig beeindruckt?

Brüsseler: Nicht nur eines. Da muss man natürlich auch zwischen den unterschiedlichen Zeiten unterscheiden. In den Anfängen von HIV und Aids war Betreuung für uns Sterbebegleitung. Da fand ich es beeindruckend, wie manche Betroffene Tag für Tag gekämpft haben. Heute finde ich es bewundernswert, wenn Menschen den Mut aufbringen, sich öffentlich zu ihrer HIV-Erkrankung zu bekennen, auch mit dem Risiko, das damit verbunden ist, diskriminiert zu werden. Davor muss und kann man einfach nur den Hut ziehen!

Welches Ziel steht für die Aids-Hilfe Aachen als nächstes an?

Brüsseler: Für die Beseitigung von Aids sind beispielsweise niedrigschwellige Schnelltests nötig, die es in Aachen bislang noch nicht gibt. Momentan werden normale HIV-Antikörpertests beim Arzt oder beim Gesundheitsamt der Städteregion durchgeführt. Der Junkie vom Kaiserplatz wird so ein Angebot aber wohl eher nicht in Anspruch nehmen. Daher möchten wir in Zukunft verstärkt Tests vor Ort, im Umfeld der entsprechenden Zielgruppen initiieren und bei Bedarf durchführen.

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