Aachen - Frischer Schiefer fürs historische Dach des Marschiertors

Frischer Schiefer fürs historische Dach des Marschiertors

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Von hoch oben sieht das schon ganz anders aus. Der Blick ist aber den Dachdeckern vorbehalten. Foto: Andreas Steindl
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Einmalige Aussicht: Der Blick auf das alte Stadttor wird seit dem Frühjahr durch eine komplizierte Stahlkonstruktion getrübt. Foto: Andreas Steindl
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Vorarbeit: Bevor die Schieferplatten genagelt werden können, bringen die Dachdecker eine weitere Lage Schalung auf.
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Fundstück: Schmale Holzbalken mussten 1959 ausreichen.
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Dachdecker Theodor Goll ist im Archivbild in der Mitte mit Hut zu sehen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Gesicht hat ein paar mehr Falten bekommen, die Haare sind etwas grauer, doch der Hut sitzt noch immer – 58 Jahre, nachdem Theodor Goll in schwindelerregender Höhe auf dem Dach des Aachener Marschiertors balancierte.

Dass seine Tätigkeit als Dachdecker bei der letzten Sanierung des mächtigen Stadttors ein wahrer Balanceakt war, beweist das historische Foto aus dem Sommer 1959, das zurzeit großflächig an der aktuellen Marschiertor-Baustelle hängt. Es zeigt vier Dachdecker, die auf einem schmalen, leicht durchgebogenen Holzbalken stehen und Schieferplatten anbringen – in der Mitte der damals noch junge Theodor Goll, ganz lässig mit besagtem Hut. „Das war schon außergewöhnlich“, sagt der 83-jährige „Ur-Öcher“ nachdenklich. „Da kommen Erinnerungen hoch.“

Fast 60 Jahre, nachdem das im Zuge des zweiten Weltkriegs zerstörte Dach von Theodor Goll und seinen Kollegen mühsam wieder aufgebaut wurde, befindet sich die nächste Sanierung des mehr als 700 Jahre alten Bauwerks in vollem Gange. Diese ist auch dringend notwendig, wie Engelbert Chaumet, Projektleiter des städtischen Gebäudemanagements, am Donnerstag bei einer öffentlichen Begehung der Baustelle betonte. Denn die Schieferdeckung ist undicht. Wenn es in Aachen stürmt und regnet, wackeln die Dachpfannen und das Wasser dringt ein. Langfristig könnte das dazu führen, dass der hölzerne Dachstuhl verfault. Damit es nicht dazu kommt, wird nun die gesamte Dachdeckung erneuert. Umgesetzt wird das aufwendige Unterfangen vom Aachener Büro Frey Architekten. Albert Frey spricht von einem „einmaligen Projekt in der Größe und Wichtigkeit“.

Auf schmalen Holzbalken turnen die fünf Dachdecker, die diese Erneuerung vornehmen, beileibe nicht mehr. Die Sicherheitsvorkehrungen haben sich seit dem Ende der 50er Jahre verändert – und damit auch die Anforderungen an die Projektleiter. Ein 140 Tonnen schweres Gerüst umhüllt das Tor, damit die Arbeiten in bis zu 50 Metern Höhe sicher über die Bühne gehen können. Allein das Gerüst zu errichten sei eine Herausforderung gewesen, berichtet Chaumet. Da das Dach steiler als 60 Grad sei, habe man das Gerüst alle zwei Meter schräg an der Fassade besonders aufwendig befestigen müssen. Zudem sollen die Arbeiter auch bei schlechter Witterung Schalung verlegen und Schieferplatten nageln. Die Stadt will schließlich im Zeitplan bleiben. Bis Weihnachten soll das Marschiertor wieder in alter Pracht und mit neuem Dach vor der historischen Kulisse Aachens thronen.

„Das ist alles Handarbeit“

Bis dahin haben die Arbeiter noch einiges vor sich. Aktuell bringen sie eine weitere Lage Schalung auf. In etwa zwei Wochen dürften auf dieser dann die Schieferplatten genagelt werden, sagte Architekt Frey. Insgesamt werde eine Dachfläche von rund 890 Quadratmetern neu gedeckt. Bei knapp 50 Schieferplatten pro Quadratmeter werden also gut 45.000 davon benötigt. Die Dachdecker dürften also ordentlich ins Schwitzen kommen, denn wie Frey betont: „Das ist alles Handarbeit.“ Wie genau diese Handarbeit aussehen wird, das werde sich noch in Absprache mit der Denkmalbehörde klären. Denn: Bei einem historischen Bauwerk wie dem Marschiertor müsse genau geklärt werden, „nach welchen formalen und handwerklichen Regeln wir die Schieferplatten anbringen dürfe“, so Frey.

Nicht nur das marode Dach hat die Stadt im Blick. Auch das Mauerwerk des Marschiertors werde im Zuge der Arbeiten begutachtet. Erste Prüfungen hätten ergeben, dass die Schäden an einigen Stellen größer sind als gedacht, berichtet Projektleiter Chaumet. Die Verfugung sei mitunter schlecht. Zudem müssten einige Blausteingewände – die Einrahmung der Fenster – erneuert werden. Und auch der Schutz vor Tauben spiele bei der Sanierung eine Rolle. Die erforderlichen Mittel hierfür werden aus dem Budget des Gebäudemanagements bereitgestellt. Insgesamt greift die Stadt für die aufwendige Sanierung tief ins Portemonnaie. Die Gesamtkosten sind mit rund 860.000 Euro veranschlagt, davon übernimmt 200.000 Euro der Bund, weil es sich um ein historisch besonders wertvolles Gebäude handelt.

Dessen Geschichte geht weit zurück. 1320 wurde das Marschiertor erstmals urkundlich erwähnt. Neben dem Ponttor, Kölntor und Jakobstor gehörte es zu den vier Haupttoren der äußeren Aachener Stadtmauer, die bis zum 15. Jahrhundert errichtet wurde.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde übrigens in der Stadt diskutiert, ob das Marschiertor abgerissen werden sollte. Dass sich die Verantwortlichen letztlich dagegen entschieden, darüber dürften nicht nur Theodor Goll froh sein. Schließlich sei die Aussicht vom Dach des Marschiertors über Aachen einzigartig – ob nun von einem schmalen Holzbalken oder von einer aufwendigen Gerüstkonstruktion aus.

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