Friedensimpuls 70 Jahre nach Aachens Befreiung

Von: Hans-Peter Leisten
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Machten die Gedenkveranstaltung zu einer Denkveranstaltung: Schülerinnen, Schüler, Vertreter aus Politik, Diplomatie und Organisationen im Schulterschluss mit Organisator Hans-Joachim Geupel (5. von links). Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Keine klassische Musik, keine schwarzen Anzüge, keine staatstragenden Reden, keine schuldbeladenen Rückblicke. Stattdessen viel mehr Besinnung auf die Gegenwart und die daraus resultierende Verantwortung für die Zukunft.

Genau so war die Veranstaltung „70 Jahre Frieden und Freiheit“ im Ballsaal des Alten Kurhauses angelegt – quasi als Spiegel eines umfassenden Projektes der Bürgerstiftung Lebensraum zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Aachen. Am Dienstag exakt vor 70 Jahren, um 12.06 Uhr, verstummte in unserer Stadt das Heulen der Sirenen und Donnern der Detonationen. Die weiße Flagge war gehisst, die Kapitulation unterzeichnet. Wie geht man mit solch einem Gedenktag um? Die Bürgerstiftung hatte die passende Antwort und dementsprechend gemeinsam als offizieller Partner der Stadt Aachen zur Festveranstaltung geladen.

Dass im Ballsaal das Läuten der Glocken aller Aachener Kirchen so gut wie nicht zu hören war, darf als Randnotiz einer Veranstaltung abgeheftet werden, die dem Ereignis trotz seiner enormen historischen Bedeutung einen bemerkenswert lockeren Rahmen verpasste. Musikalisch begleitet von „Heribert Leuchter und Friends“ und moderiert von Redakteur Achim Kaiser, beleuchteten die Teilnehmer in vier Gesprächsrunden das Ereignis und seine Folgen. Der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Hans-Joachim Geupel, hatte den Gästen im fast schon überfüllten Ballsaal den roten Faden vorgegeben: „Was bedeuten Frieden und Freiheit für uns persönlich und was für Aachen – eine Stadt, von der Frieden und Freiheit in die Welt hinausgingen?“

Die beiden Aachener Historiker Dr. René Rohrkamp und Dr. Peter M. Quadflieg schlugen dabei den Bogen von der Betrachtung geschichtlicher Fakten – wie sah Aachen am 21. Oktober 1944 aus und warum war gerade Aachen die erste befreite Stadt? – zur Veränderung der Geschichtsschreibung in den folgenden Jahrzehnten. Das Ende der Kämpfe war demnach durchaus mit enormer Erleichterung verbunden. Aber Zeit für eine Bewusstseinsbildung sei in den ersten Jahren nicht gegeben gewesen: Schlafen, essen und trinken waren damals einfach wichtiger. Als dritter Teilnehmer dieser Runde schlug Heinz Jussen, der in diesem Sommer unter anderem den Friedenslauf von Sarajevo nach Aachen organisiert hatte, den Bogen zur Aktualität: „Wir sind bewusst auf di2e Jugendlichen in Europa zugegangen, die ein friedliches Europa formen wollen.“

Es ging am Dienstag natürlich um ein historisches Ereignis, noch viel mehr aber um die Beleuchtung einer an Grundwerten und Grundrechten orientierten Gesellschafts- und Staatsordnung. Dazu gehören aber auch die Krisen unserer Zeit und die Flüchtlingsproblematik. Oberbürgermeister Marcel Philipp und die Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages, Ulla Schmidt, waren beide der Meinung, dass diese Themen nicht parteipolitisch betrachtet werden dürfen: Frieden bekomme man nicht geschenkt, Konflikte könnten militärisch gestoppt, aber nicht gelöst werden. Und US-Generalkonsul Stephen A. Hubler wird als weiterer Teilnehmer der Gesprächsrunde gerne das Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis gehört haben, das sich nach seiner Überzeugung in einer Genesungsphase befindet.

Maria Bruders, Hermann Offergeld und Dr. Heinz-Josef Oellers haben miterlebt, wovon bis dahin nur gesprochen wurde. In bemerkenswerter geistiger Frische machten sie fürs Auditorium – soweit dies überhaupt möglich ist – die Angst, die Nöte und das Chaos der letzten Kriegstage nachvollziehbar. Sie sprachen von der drangvollen Enge in den Bunkern, von Verdrängungsprozessen, die bis heute andauern, und von der verzweifelten Suche nach dem erfolgversprechenden Fluchtweg – raus aus den Kriegshandlungen und rein in die vermeintliche Sicherheit, von der niemand wusste, ob sie auch wirklich Frieden bedeutete.

Aber sie zeigten auch die menschliche Seite jener dramatischen Momente, als eine Violine zum Lebensretter wurde und Oellers eine Blindgänger-Granate mit bloßen Händen aus dem Dach seines Elternhauses zupfte und im Garten „christlich begrub“.

Passend zum Grundgedanken der Veranstaltung war die Schlussrunde den vier 17- bis 19-jährigen Schülern Leonie Ziller und Miriam Wollner von der Viktoriaschule, Alexandra Van Eyck vom Berufskolleg Stolberg und Patrick Achtelik von der Mies van der Rohe-Schule vorbehalten.

Historisches Denken gelernt

Sie haben, falls nicht längst vorhanden, spätestens im Rahmen des Projektes ihr historisches Bewusstsein entdeckt. Und fast schon programmatisch sagten diese jungen Menschen: Freiheit und Wohlstand seien toll, aber noch viel mehr eine Verpflichtung zu helfen. Und sie alle rückten dabei glaubwürdig die aktuelle Flüchtlingsproblematik in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns. Das Projekt der Bürgerstiftung ist einerseits beendet, findet andererseits in einer Buchveröffentlichung („70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen“, herausgegeben von der Bürgerstiftung Lebensraum) seinen Fortgang.

Vor 70 Jahren ging offensichtlich ein großer Impuls für Frieden und Freiheit von Aachen aus – am Dienstag ging ein kleiner mit derselben Zielrichtung vom Alten Kurhaus aus.

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