Freiwillige Hände tragen die Weltmeisterschaft

Von: Thorsten Karbach
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Rücken das Pferd ins Bilckfel
Rücken das Pferd ins Bilckfeld: Katharina Hosser (links) und Melanie Stitterich - hier mit Deichhofs Romeo - arbeiten im Pressezentrum.

Aachen. Auf Händen wird Charlotte Rehborn nicht durch das Stadion getragen. Dafür ist natürlich ein Pferd verantwortlich. Aber auf den Einsatz und die Begeisterung von mehr als freiwilligen Helfern kann sich die 23-jährige Maschinenbaustudentin von der Ruhr-Universität Bochum in Aachen verlassen.

Seit Mittwoch läuft hier die Studierenden-Weltmeisterschaft der Reiter (WUEC). Zwei Jahre wurde von einem Komitee organisiert, doch ohne die freiwilligen Hände, die sogenannten Volunteers, würde eine solche Veranstaltung nicht in die Gänge kommen. Denn es sind Menschen wie Sabina Begic aus Sarajevo, die in Wien Veterinärmedizin studiert, wie die Dänin Laura Kaalund, die in Kopenhagen Bauingenieurwesen studiert, wie die beiden Studentinnen der Sportpublizistik der Uni Tübingen Melanie Stitterich und Katharina Hosser und wie Franz Toll aus Wuppertal, die sichtbare wie unsichtbare Arbeit leisten und damit der Reit-WM ihr Gesicht geben. Und angesichts des bislang überschaubaren Zuschauerzuspruchs prägen sie auch das Bild auf den Tribünen, jubeln, wenn die Neuseeländerin Chloe Akers auf Cashman ihre Dressur beendet und - noch ein wenig lauter - wenn die Deutsche Charlotte Rehborn Decibel reitet. Fünf Menschen, fünf Geschichten - eine WM:

Laura Kaalund, Kopenhagen

Während Akers Cashman zum Traben bringt, hat sich für Laura Kaalund der Weg nach Aachen längst ausgezahlt. Eigentlich hatte die junge Dänin kein Geld für eine Urlaubsreise, dann entdeckte sie im Internet die WUEC. Volunteers wurden gesucht. Kaalund ist selbst Reiterin, sah ein paar sonnige Tage mit Pferden in einer schönen Stadt vor Augen und meldete sich. Und nun erlebt sie ein paar sonnige Tage mit Pferden in einer schönen Stadt. Ihre Aufgabe ist die Materialausgabe für die anderen Freiwilligen. Hier liegen rote T-Shirts und blaue Sweat-Shirts. Untergebracht ist alles in Stall 4, der Duft von Pferden liegt in der Luft, die Stimmung ist gut und irgendwie riecht all das nach Urlaub für die junge Frau. „Es ist alles so riesig hier. Wenn du dich für Pferde interessierst, dann kennst du Aachen. Aber nun bin ich tatsächlich hier, an dem Ort, an dem Pferdegeschichte geschrieben wird. Es macht wirklich Spaß”, sagt sie. Und es gibt wohl nur einen Platz auf dem Gelände, der Kaalund in diesem Moment noch besser gefallen würde: der im Sattel von Cashman oder einem der anderen hundert Pferde, die extra für die 78 Studentenreiter aus 26 Nationen ausgeliehen wurden.

Sabina Begic, Wien

Es gibt so viele Aufgaben bei einer Reit-WM der Studierenden, die gemeistert werden wollen. Die Richter müssen während der Prüfungen mit Snacks versorgt, die Pferdeäpfel aus dem Parcours entfernt werden. Und jenseits des Spektakels, in der benachbarten Hockeyhalle, muss Sabina Begic am Eingang sitzen und den Zutritt kontrollieren. In der Halle schlafen sie, die mehr als 150 Freiwilligen aus vielen Ländern Europas. Am Eingang sitzt Begic. Sie kommt aus Sarajewo, studiert Veterinärmedizin in Wien, war in Madrid, spricht fließend deutsch, spanisch und englisch - und fühlt sich unterfordert.

„Es ist der blödeste Job von allen”, sagt sie enttäuscht. Dafür habe sie als Veterinärmedizinerin sich nicht bei der Reit-WM als Volunteer gemeldet. „Ich genieße die Stadt, Aachen ist super. Aber meine Aufgabe gefällt mir gar nicht. Ich habe schon bei anderen Sportveranstaltungen gearbeitet. Überall war es besser”, sagt sie. Doch immerhin: Heute wird ihr eine neue Arbeit zugeteilt. „Ich will helfen und nicht rumsitzen”, sagt Begic.

Franz Toll, Wuppertal

Immerhin gibt es Franz Toll. Er ist einer dieser Menschen, die gute Laune mit der Gießkanne verbreiten. Auch wenn er einen Staubsauger in der Hand hält. Toll ist einer der Senioren unter den meist studentischen Volunteers. „Lustig und nett”, nennt er die anderen. „Lustig und nett”, nennen die anderen ihn. Toll ist schwerbehindert - zu 70 Prozent. Doch wenn er sich ehrenamtlich engagieren könne, dann tue er dies auch - und zwar immer hundertprozentig. So war es bei der Ruhr 2010, beim Landesturnfest in Osnabrück und bei Fußball-Länderspielen. So ist es nun in Aachen, und so wird es am 19. September auch wieder beim Fußballspiel der Frauen-Nationalmannschaften in Duisburg sein.

In Aachen ist er der Hallenwart, kümmert sich also ums große Ganze in der Hockeyhalle. Der Boden wurde mit falsch gedruckten Saftverpackungen ausgelegt, darauf stehen rote Stahlrohrhochbetten und graue Stahlschränke. Bauzäune teilen die Halle in kleinere Räume. Toll sieht hier eine große Gemeinschaft. „Es macht Spaß mit den vielen jungen Menschen”, findet er. Und schlimme Schnarcher sind ihm in den ersten Nächten auch nicht zu Ohren gekommen.

Melanie Stitterich, Tübingen
Katharina Hosser, Tübingen


Von den Stallungen aus fällt der Blick zwangsläufig auf das gelbe Dach des Tivolis. Und ganz ehrlich, Melanie Stitterich aus Stuttgart und Katharina Hosser aus Idar-Oberstein hätten noch vor ein paar Tagen gesagt, dass sie lieber über Fußball berichten würden. Doch nun sind sie mittendrin in der Reit-WM, und ihre Worte zu Galopp und Parcours sind mehr denn je gefragt. An der Uni Tübingen studieren sie Sportpublizistik. Und die Uni Tübingen ist es, die das Pressezentrum der Studierenden-Weltmeisterschaft der Reiter verstärkt. Die Tübinger haben sich ein Semester lang in einer sogenannten Lehrredaktion auf die Arbeit in Aachen vorbereitet - gemeldet haben auch sie sich für diese Aufgabe freiwillig. Stitterich mehr noch als Hosser, denn sie hat ihren Bachelor bereits in der Tasche, während hinter Hosser gerade das zweite Semester liegt. „Hier kann ich einmal anwenden, was wir sonst in den vier Wänden eines Uni-Saales lernen”, sagt sie.

Und was können sie nicht alles anwenden! Täglich gibt es eine achtseitige Turnierzeitung, die Internetseite http://www.wuec2012.de wird gepflegt, über Facebook, Twitter und in Youtube-Videos werden Neuigkeiten verbreitet und dann sind da eben auch die Journalisten, die mit ihren Anfragen und Interviewwünschen vorstellig werden. „Das sind so viele Aufgaben. Anfangs dachte ich: Das schaffen wir nicht. Und man wird auch immer wieder mal ins kalte Wasser geworfen, erfährt so aber auch ganz viele Erfolgserlebnisse”, sagt Stitterich.

Erfrischend treten die jungen Leute auf, beantworten Fragen und führen hinter die Kulissen, während der Jubel für Charlotte Rehborn langsam verhallt. Auch heute werden ihre helfenden Hände wieder die WM stützen, auch wenn sie meist bis Mitternacht die letzten Texte fertigen. Bereits um 8.30 Uhr beginnt die erste Runde des Springens (Karten an der Tageskasse). Dann werden auch fünf Schulklassen aus der Region erwartet, die in einem kleinen Wettbewerb für Stimmung sorgen sollen. Die Sieger werden dann bis Sonntag 17 Uhr gekürt sein.

Als Gewinn verbucht so mancher Freiwilliger die Reise nach Aachen aber jetzt schon. Laura Kaalund sagt: „Ich möchte unbedingt wiederkommen - gerne als Volunteer zum CHIO.”
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