Freie Platzwahl: An die Sitze, fertig, los!

Von: Stefan Herrmann
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Großes Stühlerücken in der Soers: Noch bis Freitag läuft die Verschenk-Aktion im CHIO-Stadion. Da mutiert die Tribüne kurzerhand zum gigantischen Wühltisch. Dort findet jeder seinen ganz persönlichen Lieblingssitz – und das auch noch für lau. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Zu welcher Gattung sie gehören? Ganz klar: Sie sind Jäger und Sammler. Sie schwelgen in Nostalgie, wenn sie an die sportlichen Sternstunden in der Soers denken. Wenn es ein Souvenir mit Unikat-Status zu ergattern gilt, nehmen sie die Witterung auf und schnappen zu, um die Trophäe daheim dann stolz Freunden und Nachbarn zu präsentieren.

Einige lieben einfach Sitze, andere besiegelten eben dort – auf den Sitzen sitzend – ihre große Liebe. Aber dazu später mehr.

Ob nun Pferde-Fan, jahrzehntelanger CHIO-Besucher oder Pragmatiker auf der Suche nach einer neuen Sitzgarnitur – sie alle strömten am Donnerstag aufs CHIO-Gelände in der Soers, um ihren Lieblingsplatz abzugreifen. Dabei bewies der Öcher Jäger und Sammler vor allem einen ausgewiesenen – wie sollte es anders sein – Jagdinstinkt.

Die Beute hatte er früh anvisiert und schlug dann erbarmungslos zu. Denn schon vor offizieller Ladenöffnung um 13 Uhr war der Wühltisch AachenMünchener-Tribüne mächtig abgegrast. Nichtsdestostrotz: Die AZ hat sich in den sehr speziellen Sommerschlussverkauf in der Soers gestürzt – und gewann schnell die Erkenntnis: Es sind genug Sitze für alle da!

Denn rund 12.000 Plastikschalen bieten Turnierdirektor Frank Kemperman und sein Team bis Freitagabend feil. Das Angebot ist unschlagbar: 100 Prozent Preisnachlass auf alle Sitze aus allen Reihen von gleich zwei Tribünen. Will heißen: die Erinnerungsstücke vom Reitturnier gibt‘s gratis. Und das lockt Massen an.

Bereits am späten Donnerstagmittag erinnerte größtenteils nur noch ein Meer aus herausstehenden Schrauben auf der Betonwüste AachenMünchener-Tribüne daran, wo noch vor knapp zwei Wochen tausende Zuschauer, viele davon auf ihrem Stammsessel sitzend, weiße Taschentücher zum Abschied der internationalen Reiterschar schwenkten.

Alles soll erneuert werden, auch auf der direkt nebenan liegenden Reitertribüne „Was weg ist, ist weg“, freute sich Kemperman über den Ansturm auf die ausgeblichenen blauen und gelben Plastiksessel. Der Aachen-Laurensberger Rennverein möchte den Komfort weiter erhöhen. „Standard bei einem Turnier wie dem unseren sind Sitze mit mindestens 50 Zentimeter Breite“, erklärte Kemperman.

Dies soll zur Reit-EM 2015 und einige Wochen zuvor bereits zum Großen Preis von Aachen (31. Mai) überall im weiten Rund der Fall sein. Negativer Nebeneffekt: „Einige hundert Sitze werden wegfallen“, sagte Kemperman. Aber die (Sitz-)Qualität werde zugleich steigen, versicherte er. „Das lohnt sich.“

Lohnen war für die vielen Sitzjäger das Stichwort. „Wir haben heute Morgen davon im Radio gehört“, berichtet Michaela Höhn aus Stolberg. Ihre wenige Monate alte Tochter trägt sie. Mann Michael wuchtet unterdessen eine an diesem Tag besonders beliebte Sitzvariante aus dem Stadion: das Vierermodell. Inklusive Rahmen und Befestigung werden die Bänke vom CHIO-Gelände geschleppt.

„Wir besitzen daheim eine kleine Pferdewiese, dort stellen wir die Sitze hier aus dem Stadion auf.“ Die Höhns werden dann in Zukunft auf der exklusiven Bank Platz nehmen und ihre Tochter beim Ponyreiten beobachten. So lebt ein Nostalgie-Stück CHIO bald in Stolberg weiter.

Die Schwestern Svenja und Antonia Cleven sind sogar extra aus Heinsberg gekommen, um die begehrten Reitfest-Sessel abzustauben. „Unsere Tante, die in Aachen wohnt, hat uns den Tipp gegeben“, verrät Svenja, bevor sie wieder im „Sitz-Wühltisch“ eintaucht. Welche Viererkombo macht den besten Eindruck? Passt das gelbe Modell gut in den Garten, oder doch eher das blaue? Fragen über Fragen, die an diesem Tag unzählige Male diskutiert werden.

Vereine wie der Tennisclub Blau-Weiß Stolberg möchten mit den Reitturnier-erprobten Schalen die heimische Anlage bestücken. „Für unsere Zuschauer sind die Sitze einfach toll“, freut sich Christel Sonnen. Ein Sprinter fährt ins Stadion, ein Trupp junger Männer stapelt so viel wie möglich auf die Ladefläche. Kemperman steht mittendrin und beobachtet das Treiben auf der Tribüne.

„Das ist eine gute Sache. Es zeigt, mit wie viel Herz die Menschen aus Aachen und der Region am CHIO hängen. Was sie mit ihm verbinden.“ Und dann packt der Turnierdirektor eine Geschichte aus, die auch aus der Feder eines Hollywood-Drehbuchschreibers stammen könnte: Ein Ehepaar sei gekommen und habe nach zwei ganz speziellen Sitznummern gefragt. „Dort“, verriet der Mann, „habe ich meiner Frau während des Turniers einen Heiratsantrag gemacht.“

Ein Hauch von Happy End weht durch die Soers. Und alle, die da in der Mittagssonne schwere Sitzreihen von A nach B wuchten, beweisen: Für den Aachener ist der CHIO vielmehr als „nur“ ein Reitturnier. Hätten die 12.000 Sitze Münder, sie hätten so einige Anekdötchen zu erzählen nach all den Jahren.

Alemannia schlägt ebenfalls zu

Da man in der Soers auf gute Nachbarschaft setzt, rückte der ALRV übrigens schon am Mittwoch mehrere hundert Plastikschalen an die Alemannia raus. „Nicht für den Tivoli“, wie der Pressesprecher der Fußballer, Lars Kröger, am Donnerstag mit einem Schmunzeln sagte. Man habe vorsorglich beim großen Stühlerücken im Reitstadion zugeschlagen, um vielleicht in Zukunft einmal den Platz für Jugendmannschaften mit einer Mini-Tribüne auszustatten – genügend gelbe Sitze gab es zumindest.

Und was passiert in Sachen Sitze demnächst beim CHIO? Dass der niederländische Turnierdirektor auf orange Sessel pocht, ist wohl nur ein Gerücht. Offiziell heißt es: Die Schalen werden – wie im Rest des Stadions – durchgehend blau.

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