„Frauen helfen Frauen“: Gewalt ist auch heute noch das Top-Thema

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Kennt die Arbeit bei „Frauen helfen Frauen“ seit 14 Jahren: Natalie Djurkovic. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Vor 40 Jahren taten sich in Aachen wie in vielen anderen deutschen Städten Frauen zusammen, um ihren Geschlechtsgenossinnen Auswege aus gewalttätigen Beziehungen zu ermöglichen. Ein Thema, dass bis dahin ein absolutes Tabu war.

Der Verein „Frauen helfen Frauen“ wurde am 19. Juli 1977 in Aachen gegründet. Bis heute berät die Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt. Doch mit sämtlichen Problemlagen sind Frauen in den Beratungsräumen in der Theaterstraße 42 richtig, meint Natalie Djurkovic im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld. Natalie Djurkovic engagiert sich seit 14 Jahren ehrenamtlich und hauptamtlich für den Verein.

Vor 40 Jahren wurde mit der Gründung des Vereins „Frauen helfen Frauen“ in Aachen die nach Ihren Worten „erste autonome Beratungsstelle in NRW für Frauen und Mädchen in jeglichen Problemlagen“ gegründet. Warum hielten Sie das für notwendig?

Djurkovic: Die Studentenbewegung von 1968 hat auch die Frauenbewegung stark befeuert. Ehemänner konnten noch bis 1977 den Arbeitsvertrag ihrer Frau kündigen. Bei einer Scheidung galt die Schuldfrage. Frauen trafen sich in Gruppen und unterhielten sich dabei vor allem über ihre eigenen familiären Probleme. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt in der Ehe, Gewalt gegen Frauen begann. 1974 wurde das erste deutsche Frauenhaus in Berlin eröffnet.

1975/76 wollten auch Aachener Studentinnen ein Frauenhaus gründen. Die Resonanz im Stadtrat war allerdings: „Im katholischen Aachen gibt es keine Gewalt an Frauen.“ Ein Originalzitat einer Aachener Kommunalpolitikerin. So gründeten die Studentinnen schließlich am 19. Juli 1977 den Verein „Frauen helfen Frauen“, berieten Frauen ehrenamtlich, beherbergten auch von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder zu Hause. 1979 wurde die Beratungsstelle offiziell eröffnet.

Die Idee des Frauenhauses wurde aufgegeben?

Djurkovic: Es wurde weiter gekämpft. Es wurden über 500 Unterschriften in Aachen gesammelt. Aber erst 1983 wurde es schließlich vom SkF eröffnet.

Wie sind Sie selbst zu „Frauen helfen Frauen“ gekommen?

Djurkovic: Vor dem Afghanistankrieg habe ich mir keine Gedanken über Frauenrechte oder Gewalt an Frauen gemacht. Mein Elternhaus war ziemlich behütet. Dann sah ich im Fernsehen Frauen mit Burka. Wie furchtbar, dass es Frauen gibt, die sich so verschleiern müssen, nur weil sie Frauen sind, dachte ich. Wie viele Frauen in Deutschland in gewalttätigen Beziehungen leben, wusste ich damals nicht. Das erfuhr ich dann bei meinem Praktikum, das ich im Vorfeld meines Studiums der Sozialen Arbeit bei „Frauen helfen Frauen“ machte.

Täglich riefen deutsche und nichtdeutsche Frauen gleichermaßen an, die in einer sehr unterdrückten Beziehung lebten. Ich war entsetzt, dass das Thema Gewalt auch in Deutschland so groß ist. Im Studium habe ich mich gegen das Anraten von Professoren sehr auf das Thema „Gewalt an Frauen“ fokussiert, mich als Ehrenamtliche bei „Frauen helfen Frauen“ engagiert und hatte nach meinem Abschluss großes Glück, hier eine Stelle zu bekommen. Nun bin ich mit meiner ehrenamtlichen Zeit zusammengenommen seit 14 Jahren hier.

Ihre Beratungsstelle hilft ja in allen Problemlagen. Ist das Thema Gewalt weiterhin ein Top-Thema?

Djurkovic: Leider ja. Bis zum vergangenen Jahr stand Trennung/Scheidung ganz oben, gefolgt von häuslicher Gewalt. Das hat sich im vergangenen Jahr gedreht. Dazu kommen andere, auch neue Formen der Gewalt wie Stalking oder auch Gewalt über soziale Medien.

Wie viele Frauen kommen in Ihre Beratungsstelle?

Djurkovic: 2016 hatten wir 1300 Beratungen von ungefähr 650 Frauen. Die Tendenz ist aber eher steigend. Das Alter der Frauen ist sehr breit. Junge Frauen – wir beraten Mädchen ab 14 Jahren – sind eher von Mobbing über soziale Medien betroffen, aber wir haben auch schon über 80-Jährige beraten. Auch Fragen von Schicht, Nationalität oder Religion spielen keine Rolle. Der einzige Unterschied ist, dass Ehefrauen von Rechtsanwälten, Ärzten oder Professoren mit mehr Scham über häusliche Gewalt sprechen.

Welche Meilensteine in der Entwicklung der Beratungsstelle machen Sie in der Rückschau aus?

Djurkovic: Ganz sicher denWechsel von der ehrenamtlichen Beratung hin zur hauptamtlichen. Das ist schon ein wesentlicher Qualitätsunterschied, so engagiert die Pionierinnen auch waren. 1986 finanzierte das Land NRW erstmals die Arbeit von „Frauen helfen Frauen“ mit, Stadt und Kreis Aachen sind erst 1989 eingestiegen. Sicher ist auch ein Meilenstein, dass das Thema „Gewalt an Frauen“ öffentlich diskutiert wird. Das Bewusstsein hat sich erfreulicherweise verändert. Sehr viel hat sich für die Frauen auch durch die Verabschiedung des Gewaltschutzgesetzes 2002 positiv verändert. Seitdem kann in NRW ein Angreifer für zehn Tage von der Polizei der Wohnung verwiesen werden.

Werden Frauenhäuser dadurch überflüssig?

Djurkovic: Nein, es gibt immer noch viele Frauen, die hier nach einem Platz im Frauenhaus fragen, weil sie so viel Angst haben, dass ihr Partner sie bedroht, wenn sie sich von ihm trennen. Leider sind die Kapazitäten in den Frauenhäusern schnell erschöpft aufgrund der schlechten Wohnsituation insbesondere für alleinerziehende Frauen.

Ihre Beratungsstelle wurde 2006 Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Djurkovic: Durch den pro-aktiven Ansatz haben wir gewaltbetroffene Frauen erreicht, die bisher den Weg zur Beratung nicht gefunden haben. Allerdings hat sich leider in der Außenwahrnehmung noch mehr verfestigt, dass wir hauptsächlich bei Gewalt gegen Frauen beraten. Die vielen anderen Themen und Angebote gehen dadurch ein bisschen unter. Wir geben viele Sozialberatungen, Gesundheit ist ein Top-Thema – viele Frauen sind sehr erschöpft durch ihre Lebenssituation.

Ausländerrechtliche Fragen werden häufig gestellt. Gerade haben wir ein aufsuchendes Projekt mit geflüchteten Frauen, um ihnen ihre Rechte hier zu verdeutlichen und Beratung anzubieten. Jedenfalls ist es gut, dass wir Interventionsstelle sind und dies auch bekannt ist. 2006 hatten wir in diesem Zusammenhang noch 38 Fälle, jetzt sind es an die 200.

Wenden sich die betroffenen Frauen an Sie?

Djurkovic: Die Hälfte der Frauen kommt als Selbstmelderin von häuslicher Gewalt zu uns. Die andere wird im Rahmen eines Polizeieinsatzes an uns verwiesen. Die Polizeibeamten sorgen nicht nur dafür, dass der Täter die Wohnung verlässt, und stellen Strafanzeige, sondern fragen das Opfer auch, ob seine Kontaktdaten an uns weitergegeben werden sollen. Willigt das Opfer ein, melden wir uns in kürzester Zeit und bieten eine Beratung an. Denn in zehn Tagen muss das Opfer viele Entscheidungen treffen und viele Wege gehen, um nicht wieder in den Teufelskreis aus Gewalt und Unterdrückung zu geraten.

Was sagen Sie den Frauen, gerade wenn sie skeptisch sind, ob sie sich von ihrem Partner trennen sollen?

Djurkovic: Unser Leitsatz ist: Jede Frau muss ihren Weg für ein gewaltfreies Leben selbst bestimmen. Wenn eine Frau sich noch nicht für eine Trennung entschieden hat, überlegen wir gemeinsam, welche anderen Möglichkeiten es gibt, und verweisen, wenn nötig, an andere Stellen. Falls die Beziehung allerdings seit Jahren von Gewalt betroffen ist und der Mann sich auch jeglicher Hilfe verweigert, versuchen wir mit der Frau mittels eines Fragebogens, die mögliche Gefahr für sie zu ermitteln.

Viele Frauen trennen sich allerdings nicht, weil sie finanziell abhängig von ihrem Partner sind oder den Kindern den Vater nicht nehmen wollen. In beiden Fällen klären wir allgemeinrechtlich auf, arbeiten mit Behörden, anderen Beratungsstellen, Juristen und Ärzten zusammen. Oftmals benötigen die Frauen zwei oder drei Gespräche, bis sie ihre existenziellen Ängste verlieren und anfangen, wieder an sich selbst zu glauben. Viele haben ihr Selbstbewusstsein verloren und schaffen es nicht, ihre Meinung vor dem Partner zu äußern. Auch da ist der erste Schritt, die Frau zu stabilisieren und zu stärken.

Ist das Gewaltschutzgesetz gut, so wie es ist?

Djurkovic: Es wird in diesem Jahr 15 Jahre alt. Das nimmt der Fachausschuss Gewalt, in dem wir Mitglied sind, zum Anlass, am 29. November im Amtsgericht Fachleute darüber diskutieren zu lassen. Immer noch wird jeden Tag eine Frau in Deutschland von nahen Angehörigen getötet. Es gibt also noch Probleme! Wo versagt die Unterstützungskette?

Wie beurteilen Sie den Stand der Gleichberechtigung?

Djurkovic: Es ist in den letzten Jahrzenten schon viel Gutes passiert. Und gerade habe ich den Eindruck, dass sich Frauen wieder vermehrt solidarisieren, zum Beispiel denk ich da an den neuen Aktionstag gegen Gewalt an Frauen, „One billion rising“, der jedes Jahr Mitte Februar stattfindet. Ich glaube, dass Frauen klar ist, dass Emanzipation ein kollektiver Prozess ist und individuell nur Einzellösungen zu finden sind. Daran arbeiten wir mit und sind gesellschaftspolitisch aktiv.

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