Flüchtlingswohnheim: Eine Zuflucht statt Elend, Flucht und Tod

Von: Stephan Mohne
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Platz für rund 20 junge Flüchtlinge: An der Karl-Marx-Allee in Burtscheid entsteht auf einer Brache unter der Regie des Zentrums für soziale Arbeit eine „modulare Wohnanlage“, die zunächst zweieinhalb Jahre stehen bleiben soll. Foto: Michael Jaspers
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„Wir müssen etwas tun“: Udo Wilschewski, Leiter des Zentrums für soziale Arbeit. Foto: Steindl

Burtscheid. Der Junge aus Ruanda war drei Jahre alt, als seine Mutter vor seinen Augen verbrannt wurde. Als er zwölf war, wurde sein Vater erschossen. Er zog ziellos mit anderen Kindern durchs Land. Sie wurden erschossen, er überlebte. Als er 14 war, griff ihn ein deutscher Fotograf auf und brachte ihn nach Deutschland.

Am Aachener Hauptbahnhof ließ er ihn mit den Worten aus dem Zug aussteigen, er werde ihn hier wieder abholen. Der Junge ging noch sehr lange immer wieder zum Bahnhof. Doch der Mann wurde nie mehr gesehen. Das ist Jahre her. Der Junge ist jetzt erwachsen. Am 10. Dezember entscheidet ein Gericht, ob er eine Aufenthaltserlaubnis bekommt. „Schickt man ihn nach Ruanda zurück, könnte man ihn gleich hier erschießen“, sagt Udo Wilschewski ungeschminkt.

400 unfassbare Schicksale

Dieses Schicksal, das der Leiter des Zentrums für soziale Arbeit am Branderhofer Weg skizziert, ist nur eines von mehr als 400, die man erzählen könnte. Jedes anders, jedes für einen Außenstehenden unfassbar. Mehr als 400 „unbegleitete minderjährige Jugendliche“ sind in jüngster Zeit nach teils jahrelanger Flucht in Aachen gestrandet. Und es werden immer mehr. Die Stadt muss sie schon von Gesetzes wegen aufnehmen und betreuen. In Aachen sind die Grenzen des Machbaren eigentlich längst überschritten. Rund 100 der Flüchtlinge sind in Hotels untergebracht. Die Stadt hat längst SOS an alle Träger der Jugendhilfe gefunkt. Das Zentrum für soziale Arbeit in Burtscheid, das vom Evangelischen Frauenverein getragen wird, ist eine der Einrichtungen, die helfen. Und das jetzt auch mit einer außergewöhnlichen Maßnahme: Auf einem brachliegenden Grundstück an der Karl-Marx-Allee wird derzeit eine „modulare Wohnanlage“ gebaut. Insgesamt rund 20 junge Flüchtlinge werden dort zumindest vorübergehend ein Zuhause finden. Jeweils neun von ihnen werden von fünf Mitarbeitern rund um die Uhr betreut. Es gibt einen Sozialraum, eine Küche, sanitäre Anlagen. Rund 100.000 Euro kostet die Infrastruktur. Die Module werden gemietet, das Grundstück gepachtet. Ausgelegt ist diese Hilfe zunächst auf zweieinhalb Jahre. Unterstützung findet man etwa beim Aachener Unternehmen Babor, das seit 20 Jahren jedes Jahr 10.000 Euro für das Zentrum spendet. So auch diesmal. „Wir wissen, dass Projekte, die hier ins Leben gerufen werden, in den allerbesten Händen sind“, sagt Geschäftsführer Horst Robertz.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass man in dem Zentrum kaum Ahnung von Flüchtlingsarbeit hatte, wie Udo Wilschewski erzählt. In den vergangenen Jahren kamen vereinzelt Flüchtlinge. Vor drei Jahren gründete man eine erste Gruppe für sieben junge Flüchtlinge, dann noch eine und eine Außengruppe an der Salierallee. Zuletzt ist die Zahl der jungen Flüchtlinge in Aachen explodiert. Es muss noch mehr getan werden, so Wilschewski, der die Einrichtung gemeinsam mit seiner Frau Cornelia leitet. Dabei ist der Ablauf fast jeden Tag derselbe: Die Bundespolizei ruft an, wenn sie einen jungen Flüchtling aufgegriffen hat. Im hauseigenen „Café Welcome“ gibt es eine Erstversorgung. Es wird gegessen, getrunken, es gibt Kleidung – und die Möglichkeit, endlich angstfrei zu schlafen. In Sachen Betreuung gibt es auch für die Experten immer Neues zu lernen. „Wir müssen erst einmal verstehen, welche Traumata es da gibt. Die soziale Arbeit muss hier teils neu definiert werden, etwa in der psychologischen Betreuung“, so Wilschewski.

Eigentlich sollen die Jugendlichen nach einigen Wochen „weiterverteilt“ werden. Doch das ist derzeit unmöglich: „Es gibt einfach keine Kapazitäten“, so der Leiter des Zentrums. Und auch das Fachpersonal wird knapp. Zumindest sind jetzt die bisher streng angewendeten Standards – zum Beispiel, dass ein Jugendlicher nur alleine auf mindestens 14 Quadratmetern untergebracht sein muss – aufgeweicht worden. Im neuen Modulhaus, dessen erste Zimmer am 15. November bezogen werden sollen, können auch zwei Jugendliche auf 16 Quadratmetern leben.

Wenn über die „UMF“ – so die unsägliche Abkürzung des Verwaltungsbegriffes – in der Öffentlichkeit geredet wird, geht es aktuell nicht selten um die Raubüberfallserie in Aachen. Anfangs waren drei junge Flüchtlinge als Täter dingfest gemacht worden, danach aber ebenso Deutsche. „Ich will das nicht beschönigen“, sagt Wilschewski. Sicher habe sich mancher Flüchtling auf seinem langen Weg notgedrungen auch mit Diebstählen am Leben gehalten. Und sicher sei der eine oder andere auch hier straffällig geworden. Aber das sei bei deutschen Jugendlichen nicht anders – in weitaus höherer Zahl. Umso wichtiger sei die intensive Betreuung und Begleitung. Denn 99 Prozent dieser jungen Menschen seien äußerst lernwillig, wollten hier etwas aus ihrem Leben machen. So wie jener Junge aus Kamerun, der nach einem Jahr Deutsch sprach, seinen Schulabschluss machte und eine Lehrstelle antrat. Eines müsse man sich immer vor Augen halten: „Diese Kinder verlassen ihre Heimat und ihre Familien nicht, weil es ihnen Spaß macht, sondern wegen des Elends, wegen Krieg und Hunger.“

Doch wenn sie 18 werden, dann schwebt auch hier ein Damoklesschwert über ihnen – das der Abschiebung. Da wundert es nicht, dass am Eingang des Zentrums ein großes Banner hängt: „Heimat geben ohne Wenn und Aber – Ja zum unbefristeten Bleiberecht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“. Zum Beispiel für jenen Jungen aus Ruanda.

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