Flüchtlingskrise: Schulen stehen vor enormer Aufgabe

Von: Stefan Herrmann
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Die Zahl steigt und steigt: Die Verwaltung muss immer mehr sogenannten Seiteneinsteigern einen Schulplatz anbieten. Mittlerweile gibt es an allen Schulformen entsprechende Förderklassen – in Kürze werden es 43 im gesamten Stadtgebiet sein. Grafik: Hans-Gerd Claßen, Quelle: Stadt Aachen

Aachen. Stellen Sie sich vor, dass innerhalb eines Jahres eine Schule für über 530 Kinder und Jugendliche aus dem Boden gestampft werden muss. Unvorstellbar? Mitnichten.

Denn genau so viele sogenannte Seiteneinsteiger – also junge Menschen, die aus dem Ausland, viele davon aus Krisenregionen, zugezogen sind – hat Aachen im abgelaufenen Schuljahr 2014/15 in den laufenden Betrieb der Grund- und weiterführenden Schulen integriert. So wie die Flüchtlingskrise unvermindert anhält, steigt auch im laufenden Schuljahr die Zahl der Seiteneinsteiger weiter an. Und nicht für alle findet die Verwaltung umgehend einen Platz. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Kommunalen Integrationszentrums hervor, der im nächsten Kinder- und Jugendausschuss am Donnerstag, 17. März (17 Uhr, Verwaltungsgebäude Mozartstraße) vorgestellt wird.

Wie hat sich die Zahl der Seiteneinsteiger an Aachens Schulen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Mehr Zuwanderer, mehr Flüchtlinge – das bedeutet automatisch, dass auch mehr schulpflichtige Kinder zwischen sechs und 18 Jahren nach Aachen kommen. Wurden im Schuljahr 2011/12 gerade einmal 120 sogenannte Seiteneinsteiger vom Kommunalen Integrationszentrum (KI) beraten und an Schulen vermittelt, hat sich die Zahl im abgelaufenen Schuljahr 2014/15 mehr als vervierfacht (532). Im laufenden Schuljahr 2015/16 verzeichnet das KI bisher erneut einen deutlichen Anstieg. Allein bis zum Stichtag 4. März sind bereits 580 Schülerinnen und Schüler mit Plätzen an Aachens Grund- und weiterführenden Schulen versorgt worden.

Bekommen alle Kinder und Jugendlichen sofort einen Schulplatz?

Nein. Mitte Februar hatten 165 Kinder, die aus dem Ausland zugezogen sind, noch keinen Platz an einer Schule. Doch handelt es sich dabei lediglich um eine Wasserstandsmeldung, denn die Zahl ändert sich zum Teil stündlich. So lag die Zahl der unversorgten Kinder zum Stichtag 31. Januar noch bei 106. Zum Stichtag 4. März waren es dann wieder 134. Generell gilt: Jedes Kind im Alter zwischen sechs und 18 Jahren ist in Deutschland schulpflichtig. Insofern sind die verantwortlichen Stellen der Stadt und der Städteregion stetig bemüht, schnell Plätze an den Schulen zu finden. Im Primarbereich gelingt die Vermittlung laut Kommunalem Integrationszentrum in der Regel innerhalb von anderthalb Wochen.

Woher kommen die Seiteneinsteiger im Schuljahr 2015/16?

Die Kinder und Jugendlichen kommen im aktuellen Schuljahr aus 60 unterschiedlichen Nationen. Den Hauptteil machen dabei Flüchtlingskinder aus dem Bürgerkriegsland Syrien aus (136), gefolgt von Afghanistan (87), Irak (48) und Mazedonien (16).

Wie groß ist die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Ausländer?

Sie sind in der Regel männlich, über 16 Jahre alt und verfügen über sehr unterschiedliche Bildungsbiografien: die unbegleiteten minderjährigen Ausländer (UMA), zuvor auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) genannt. Im laufenden Schuljahr haben 131 einen Platz an einer Aachener Schule erhalten, für 32 werden noch Plätze gesucht (Stand Ende Januar). Auch hier gilt: Die Zahlen ändern sich täglich. Wichtig für diese Gruppe ist, gerade mit Blick auf ihr Alter, dass sie neben der sprachlichen Förderung auch eine intensive Unterstützung mit Blick auf Ausbildung und Beruf erhalten, um sich so möglichst schnell ein Leben in Deutschland aufbauen zu können.

Wie gelingt die Integration der ausländischen Kinder und Jugendlichen in den Schulalltag?

An den Grundschulen werden die Kinder in den Regelunterricht aufgenommen. Da viele der Kinder aber über keine oder nur sehr spärliche Deutschkenntnisse verfügen, gibt es zusätzlich Intensivkurse. Übrigens: Alle Aachener Grundschulen sind mit im Boot. Denn auch für die Kinder, die aus dem Ausland hierher gekommen sind, gilt das Motto: kurze Beine, kurze Wege. Sie gehen also auf eine Schule, die in der Nähe ihres Wohnorts liegt. „Damit soll sichergestellt werden, dass die Kinder innerhalb ihres Sozialraumes Freundschaften schließen, Angebote wahrnehmen und selbstständig den Schulweg meistern können“, heißt es im Bericht des KI, der dem Kinder- und Jugendausschuss am 17. März vorgestellt wird.

Welche weiterführenden Schulen nehmen Flüchtlingskinder auf?

Mittlerweile sind alle Schulformen, also auch die Gymnasien, vertreten. Das sah vor gerade einmal zwei Jahren noch anders aus. Da gab es insgesamt 17 Förderklassen für Seiteneinsteiger, davon 14 an Hauptschulen. In Kürze zählt die Stadt insgesamt 43 Klassen – davon 31 sogenannte Vorbereitungsklassen (VK) und zwölf Internationale Förderklassen (IFK) an Berufskollegs. Bereits eingerechnet sind die neuen Klassen, die am Rhein-Maas- und Einhard-Gymnasium (ab April) sowie am Pius-Gymnasium (ab Mai) entstehen. Schluss dürfte damit noch lange nicht sein. „Weitere sind sowohl im Sek-I-Bereich als auch an Berufkollegs in Planung“, bestätigte Björn Gürtler vom Presseamt. Auf ein Problem jedoch wies zuletzt Schulrat Constantin Mertens im Schulausschuss hin. Denn auch wenn den Schulen die Lehrstellen für die neuen Klassen zeitnah zur Verfügung gestellt werden, hat die Städteregion als zuständige Schulaufsichtsbehörde mitunter Probleme, genug qualifizierte Lehrer auf dem Markt zu finden, um die Stellen zügig zu besetzen.

Wie gut ist die bisherige Schulbildung der Kinder und Jugendlichen, die Deutschland erreichen?

Sehr unterschiedlich. Es gibt durchaus Kinder, die im Ausland jahrelang gute Schulen besucht haben, sich gut auf Englisch, Französisch oder sogar bruchstückhaft auf Deutsch verständigen können. Es gibt aber natürlich auch viele, die Krieg, Armut, Diskriminierung erlebt und noch nie eine Schule von Innen gesehen haben. Zugenommen hat in diesem Zusammenhang in jedem Fall die Zahl der sogenannten Alphabetisierungsschüler. Sie können entweder überhaupt nicht lesen und schreiben oder kennen lediglich ein anderes Schriftsystem und nicht das lateinische Alphabet. 22 davon sind derzeit noch unversorgt.

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