Flüchtlinge in Aachen: Nachgefragt bei Politik und Basis

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Ungezählte Bürger engagieren sich weiterhin für Flüchtlinge, sie leisten viel, damit Asylsuchende nicht nur auf dem Papier anerkannt werden. Die skeptischen Stimmen aber mehren sich, wenn auch vergleichsweise moderat, auch in Aachen. Vertrauensbildende Maßnahmen auf allen Seiten sind gefragt. Archivfotos: Jaspers
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Ulla Thönnissen, CDU-Kreisvorsitzende, Ratsfrau, Städteregionstags- und Landtagsabgeordnete.
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Stefan Küpper, Leiter des Kinder- und Jugendzentrums Maria im Tann.
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Hilde Scheidt, Bürgermeisterin und Ratsfrau der Grünen.
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Rosa Höller-Radtke, SPD-Ratsfrau und Vorsitzende des Sozialausschusses.
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Johannes Vleugels, Teamleiter eines Wohnprojektes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Aachen. Knapp 2500 Flüchtlinge leben aktuell in Aachen, außerdem soll mit einer Leichtbauhalle auf dem Schenker-Gelände am Westbahnhof möglichst schnell eine Notunterkunft für 1000 weitere Menschen errichtet werden. Und der Zuzug wird wohl nicht so schnell enden: Die Behörden rechnen im Moment alleine für Aachen damit, dass zwischen 80 und 200 Flüchtlinge pro Woche zusätzlich untergebracht werden müssen.

Was bedeutet das für die bisher so beeindruckende Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft in dieser Stadt, zumal bundesweite Umfragen mittlerweile besagen, dass die Sorgen und Ängste in der Bevölkerung zunehmen? Die AZ-Lokalredaktion  hat nachgefragt – sowohl bei der Politik als auch bei Menschen, die in der Flüchtlingsarbeit an der Basis tätig sind.

A: Jüngste bundesweite Umfragen ergeben, dass verbunden mit dem weiterhin starken Zuzug von Flüchtlingen die Sorgen und Ängste in der Bevölkerung zunehmen. Machen Sie diese Erfahrung auch in Aachen?

B: Was muss konkret getan werden, um die bislang so positive Willkommenskultur langfristig zu sichern?

 

Ulla Thönnissen, CDU-Kreisvorsitzende, Ratsfrau, Städteregionstags- und Landtagsabgeordnete

A: Es ist erfreulicherweise für den ganz überwiegenden Teil der  Aachener Bevölkerung eine Selbstverständlichkeit, dass wir Menschen in Not, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, hier bei uns aufnehmen. Die Aachenerinnen und Aachener reden nicht nur von der viel beschworenen Willkommenskultur, sie packen auch tatkräftig mit an.

Und Fragen wie „Wie viele kommen denn im nächsten Jahr, und wie kriegen wir die Lage in den Griff, wie schafft Deutschland das auf Dauer? Was passiert im Winter mit den Flüchtlingen, wie lange werden Provisorien wie Turnhallen als Wohnraum dienen müssen?“ werden natürlich auch hier gestellt. Das ist auch völlig legitim, denn die Situation ist für alle neu, und natürlich sind auch irgendwann die Aufnahmekapazitäten erschöpft. Das gilt nicht nur für Aachen, sondern auch für ganz Deutschland.

B: Aus meiner Sicht ist es zur Wahrung des sozialen Friedens nötig, dass den Kommunen die Kosten, die sie für die Flüchtlingsunterbringung aufbringen müssen, zu 100 Prozent erstattet werden. Vereine und Schulen dürfen nicht über eine Übergangszeit hinaus auf Sporthallennutzungen und Ähnliches verzichten müssen.

Jedem ist klar, dass wir in Deutschland angesichts der demographischen Entwicklung Zuwanderung brauchen. Es darf aber auch jeder erwarten, dass Zuwanderung in geordneten Strukturen verläuft. Es müssen darüber hinaus Asylverfahren massiv beschleunigt werden, damit die Menschen, die keine Aussicht darauf haben, ein dauerhaftes Bleiberecht bei uns zu bekommen, gar nicht erst auf die Kommunen verteilt werden, sondern nach ihrer Registrierung unmittelbar wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Diejenigen, die aber hier bleiben, sollten wir weiterhin mit offenen Armen wirklich in unsere Gesellschaft integrieren – mit allem, was dazu gehört.  Und die Menschen selbst  sollten auch die unbedingte Bereitschaft zur Inte-gration mitbringen, unsere Sprache lernen und die Werte in unserem Land anerkennen.

 

Stefan Küpper, Leiter des Kinder- und Jugendzentrums Maria im Tann:

A: Der ungeprüfte Umgang mit häufig völlig unseriösen Zahlen über die zu erwartende Menge von Flüchtlingen ärgert mich zutiefst und macht sich zu einem Werkzeug von populistischer Stimmungsmache. In Aachen erlebe ich weiterhin eine riesige Bereitschaft zur Hilfe und Bewältigung der Probleme durch die großen Flüchtlingszahlen.

Es ist für mich sehr deutlich, dass sich hier die Menschen weiterhin tatkräftig um die konkrete Lösung der aktuellen Situation kümmern. Die dabei gemachten guten Erfahrungen und positiven Begegnungen führen offenbar dazu, dass viele Aachener die nächste Zeit eher mit Zuversicht und ungebrochener Hilfsbereitschaft auf sich zukommen lassen. Das finde ich sehr beeindruckend.

B: Wir dürfen uns vor allem – glaube ich – nicht beirren lassen: Dass die Flüchtlinge zum allergrößten Teil aus schrecklichen Herkunftssituationen und mit ungeheuer harten Flucht-Erfahrungen zu uns kommen, ist nicht unsere Entscheidung.

Entscheiden können wir nur die Frage und die Haltung, wie wir damit umgehen, wenn sie dann hier angekommen sind. Um die bislang wirklich tolle Willkommenskultur langfristig zu sichern, sollten wir unsere Netzwerke lebendig halten und ausbauen. Sicherlich müssen wir noch einige Hilfsstrukturen so verändern, dass sie noch effektiver eingesetzt und umgesetzt werden können.

Das betrifft das sagenhaft hohe ehrenamtliche Engagement genauso wie die grundlegend hochqualifizierten professionellen Hilfsstrukturen. 

 

Hilde Scheidt, Bürgermeisterin, Ratsfrau der Grünen:

A: Nein, mein Eindruck ist, die ruhige, unaufgeregte Art und Weise, wie die Stadt mit dem Zuzug von Flüchtlingen umgeht, trägt sehr zu einer positiven Grundstimmung bei. Die Flüchtlinge sind weitestgehend dezentral über die Stadt verteilt untergebracht.

Die Stadtverwaltung hat die Bürgerinnen und Bürger stets frühzeitig informiert und einbezogen. Das ehrenamtliche Engagement ist so stark, dass gar nicht alle Hilfsangebote aus der Bevölkerung angenommen werden können.

B: Es muss uns jetzt gelingen, die Menschen möglichst schnell zu integrieren. Dazu gehört das Lernen der deutschen Sprache, die Chance auf Ausbildung und Beschäftigung. Die Bundesregierung wäre gut beraten, jetzt neben Verbesserungen beim Asylrecht zügig ein Einwanderungsgesetz auf den Weg zu bringen.

Wir brauchen vor allem klare Regeln. Besonders wichtig ist natürlich auch, dass schnellstmöglich neuer Wohnraum bereitgestellt wird. Außerdem müssen wir genügend Möglichkeiten schaffen, um Migranten das Erlernen der deutschen Sprache zu erleichtern. In den Schulen werden in den nächsten Jahren noch mehr gute Lehrer gebraucht.

Und natürlich ist weiterhin gute Zusammenarbeit zwischen allen erforderlich, die bereits jetzt gemeinsam und sehr erfolgreich in unserer Stadt am Thema Integration arbeiten. 

 

Rosa Höller-Radtke, SPD-Ratsfrau, Vorsitzende des Sozialausschusses:

A: Ängste und Sorgen in der Bevölkerung muss man auf jeden Fall ernst nehmen. Sie können nur in intensiven Gesprächen gemildert bzw. abgewandt werden. Die Erfahrungen in Aachen sind in diesem Punkt offensichtlich und gottlob entgegen dem Bundestrend.

Hier in unserer Stadt zeigt sich bei allen Veranstaltungen, in den Unterkünften der Stadt und den Einrichtungen des Landes eine breite Unterstützungswelle und positive Einstellung gegenüber den Flüchtlingen. Die breit gestreuten ehrenamtlichen Aktivitäten, von gemeinsamem Kochen bis Sprachunterricht und Freizeitangeboten, finden großen Anklang.

Dennoch müssen wir wachsam sein, auf eventuelle Missstände hinweisen, diesen nachgehen und gemeinsame Lösungen mit Politik, Verwaltung, Verbänden und den Beteiligten zu finden.

B: Wesentlicher Bestandteil muss dabei der zügige Informationsfluss sein, damit die Bürger sich auf die sich verändernden Situationen einstellen können. Die Gesprächsangebote von Verwaltung und Politik, in die Stadtteile zu gehen, müssen auf jeden Fall weiter umgesetzt werden. In diesen Veranstaltungen zeigt sich immer wieder die hohe Bereitschaft der Aachener zu helfen – auch auf Nöte und Ängste wird intensiv eingegangen, Hilfestellungen werden angeboten und auch angenommen.

Mittelfristig brauchen wir zudem schnellstmögliche Integration in den Wohnungs- und Arbeitsmarkt und Sprachunterricht so schnell wie möglich. Was zurzeit bundesweit in vielen Medien dargeboten wird, stellt Willkommenskultur in den Hintergrund. Hier wird von Gefahr und Gefährdung lamentiert, von einer Krise gesprochen. Richtig ist: Wir stehen vor großen Herausforderungen, die wir gemeinsam meistern können.

Hier wünsche ich mir wieder eine Einigkeit, die auch darstellt, worum es geht: Wir sprechen von Menschen, die wegen unvorstellbaren Terrors und Leides gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und eine neuen Heimat für sich und ihre Familien finden müssen.

 

Johannes Vleugels, Teamleiter Wohnprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge:

A: Ja, auch in Aachen machen sich zunehmend Ängste breit, die durch den starken Zulauf an Flüchtlingen hervorgerufen werden. Unbekannte Kulturen und fremde Verhaltensweisen wirken sich auf die Bevölkerung beängstigend aus, weil die Situation nicht einschätzbar ist.

Aufklärung und Annäherung sind wichtig für ein friedvolles Miteinander. Unser Anliegen ist es, Ängste vor fremden Kulturen zu nehmen und einen gemeinsamen Lebensraum zu schaffen. Wir versuchen, einen Weg zu finden, die Angst vor „Neuem“ in eine gesunde Neugier und Offenheit für Veränderungen umzuwandeln.

Wenn wir auf die Bevölkerung offen zugehen, können wir vielleicht Ablehnung und Ängste im Keim ersticken und auf eine ebenso offene und freundliche Willkommenskultur treffen.

B: Wir als Einrichtung sind sehr darauf bedacht, die hier lebenden Flüchtlinge in unser bestehendes soziales System zu integrieren. Wir begleiten den Sozialisierungsprozess und fördern den Kontakt zur hier lebenden Bevölkerung.

Wir binden die Jugendlichen an Vereine an, unterstützen Besuchskontakte, stehen in permanentem Austausch mit den Schulen, arbeiten eng zusammen mit Behörden und bringen den Jugendlichen täglich unsere Kultur, Sprache, Lebensweise nahe. Das Respektieren anderer Menschen und Kulturen liegt uns sehr am Herzen, und genau dies versuchen wir an die jungen Flüchtlinge und die Bewohner von Aachen weiterzugeben.

Der Jugendliche steht im Fokus unseres Leitbildes, und unsere Aufgabe besteht in der Hilfe zur Selbsthilfe, das heißt, wir begleiten, unterstützen und ebnen Wege für eine langfristige Zukunft in und mit unserer Gesellschaft. Wir hoffen, durch permanenten Kontakt mit der Bevölkerung, die Beantwortung von Fragen und einer immer offenen Tür für Besuche von außerhalb die Angst vor dem Unbekannten bei der Aachener Bevölkerung zu minimieren.

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