Flüchtlinge im Café Zuflucht: Das eigene Schicksal motiviert zur Hilfe

Von: Marie Eckert
Letzte Aktualisierung:
13428955.jpg
Manchmal gibt es das Mittagessen erst am frühen Abend: Ali Ismailovski arbeitet beruflich und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Seit rund 15 Jahren leistet Ali Ismailovski Flüchtlingsarbeit, beruflich, ehrenamtlich und privat. Er berät die Geflüchteten und die potenziellen Arbeitgeber, gibt Schulungen und Workshops, ist Mitbetreiber der Internet-Plattform „UnserAC“ und nimmt an Podiumsdiskussionen teil. Im Interview erzählt er, was ihn antreibt, wie er die Flüchtlingssituation in unserer Region einschätzt, was sich dringend ändern muss.

Das Wartezimmer hier ist voll – wie viele Menschen werden jeden Tag im Café Zuflucht betreut?

Ismailovski: In der Regel zwischen 25 und 40 Leute täglich. Wir beraten wochentäglich in einer dreistündigen offenen Sprechstunde. Alle, die innerhalb der drei Stunden kommen, werden auch danach noch beraten. Es ist nicht selten, dass wir bis 17 Uhr durchgehend Gespräche haben und dann erst Mittag essen gehen.

Wahrscheinlich auch wegen der aktuellen Flüchtlingssituation?

Ismailovski: Der Bedarf für die Beratung war immer da, aber der Andrang ist seit ungefähr zwei Jahren größer, ja. Wir betreuen insgesamt mehr Leute, Themen sind zum Beispiel die Asylverfahrensberatung, Aufenthalts- und Sozialrecht oder der Zugang zum Arbeitsmarkt. Bei Bedarf begleiten wir die Menschen auch bei Behördengängen.

Seit wann arbeiten Sie im Café Zuflucht?

Ismailovski: Ich bin seit fast 15 Jahren dabei, seit 2007 auch hauptamtlich. Vorher als Ehrenamtler war ich teilweise schon an fünf Tagen in der Woche hier und habe geholfen.

Was ist Ihr Antrieb?

Ismailovski: Das hat viel mit meiner persönlichen Situation zu tun. Ich komme aus dem ehemaligen Jugoslawien, bin selbst nur geduldet gewesen in Deutschland, habe selbst eine Abschiebung erlebt und Unterstützung im Café Zuflucht bekommen. Ich habe dann schon früh angefangen, selbst auch ehrenamtlich mitzuwirken, am Anfang in der Beratung, im handwerklichen Bereich oder bei alltäglicher Hilfe.

Und was machen Sie heute im Café Zuflucht?

Ismailovski: Zwei Tage pro Woche berate ich in der offenen Sprechstunde im Café Zuflucht zu allen möglichen Themen, von Verfahrensberatung bis zum Aufenthaltsrecht. Wir sagen auch, wann ein Fachmann aufgesucht werden sollte, zum Beispiel ein Anwalt oder Schuldnerberater. Wir vermitteln auch an Kollegen, wir sind inzwischen gut vernetzt. Das Projekt „UMF“ in unserem Haus ist speziell für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Beim Aufbau und bei der Strukturierung der Verfahrensberatung, die dort geleistet wird, habe ich mitgewirkt und dann auch die Menschen dort beraten. Außerdem mache ich beim Projekt „Vorteil Aachen – Düren“ mit. Es bereitet junge Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vor, egal, welchen Status der Geflüchtete hat. Ziel ist die Vermittlung in eine Ausbildung oder in eine Arbeitsstelle. Das Café Zuflucht ist dabei Teilprojektpartner. Wir sind unter anderem dafür zuständig, den Menschen im Bereich der aufenthaltsrechtlichen Situation zur Seite zu stehen oder generell, wenn ein Problem auftaucht.

Außerdem schulen wir die Mitarbeiter des Jobcenters und auch Ehrenamtler zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen und zur Arbeitsmarktintegration und beraten die zukünftigen Arbeitgeber, zum Beispiel zu den jeweiligen gesetzlichen Grundlagen der verschiedenen Aufenthalts- und Zugangsstatus.

Sie engagieren sich zusätzlich auch immer noch ehrenamtlich.

Ismailovski: Ja, ich bin Vorstandsmitglied des Flüchtlingsrats NRW und bin in diesem Zusammenhang vor allem im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig, aber ich leiste auch Aufklärungsarbeit an Schulen. Wir klären Fragen wie: Was bedeutet es, als Geflüchteter hier zu leben? Was ist Duldung? Oder: Nehmen die Geflüchteten das Geld weg?

Außerdem werde ich auch in meinem privaten Umfeld angesprochen und helfe, wenn irgendwer Probleme hat. Und dann wäre da noch „Beng e.V.“, ein Verein für bürgerschaftliches Engagement, bei dem ich im Vorstand bin. Der Verein ist der Träger der Internetplattform „UnserAC“, die einen Überblick über die Flüchtlingshilfe in unserer Region gibt, über Vereine, Initiativen, Veranstaltungen und über die Politik.

Wie schaffen Sie das alles nur?

Ismailovski: Meine Frau würde jetzt sagen: „Du bist mit deinem Job verheiratet“. (lacht) Aber im Ernst: Ich mache das, was ich tue, sehr gerne, und es passt zeitlich alles irgendwie. Ich teile gern meine eigenen Erfahrungen und versuche, Menschen zu unterstützen.

Hatten Sie in Ihrer Arbeit Erlebnisse, die Sie bis heute prägen?

Ismailovski: Es gibt immer wieder die Fälle, wo alles ausgeschöpft ist, wo ich nichts mehr tun kann. Ein Fall einer Frau mit drei Kindern beschäftigt mich bis heute. Sie sollten abgeschoben werden und wir haben versucht, sie zu unterstützen und dann die Vereinbarung getroffen, dass sie bis zum Schuljahresende bleiben können und dann freiwillig abreisen. Trotz der Abmachung wurden die Vier einen Monat später abgeschoben.

Sind Sie selbst schon mit Fremdenhass oder Diskriminierung in Berührung gekommen?

Ismailovski: Ja, ich selbst und auch meine Familie. In meiner Arbeit passiert das eher selten, zumindest offensichtliche Diskriminierung. In den Schulen merke ich schon manchmal, dass es Vorurteile gibt. Da kann man nur mit Aufklärungsarbeit gegenwirken.

Woher kommen die Vorurteile?

Ismailovski: Es gibt verschiedene Gründe, aber einer ist Angst, unter anderem auch durch Medien oder durch Pegida und AfD. Dazu kommt die wenige Aufklärungsarbeit früher und manchmal auch Unwissenheit. Ein Beispiel dafür ist die Kluft zwischen Hartz IV- Empfängern und Geflüchteten.

Inwiefern?

Ismailovski: Viele denken, dass Flüchtlinge besser behandelt werden als Hartz-IV-Empfänger. Das stimmt nicht! Solche Falschinfos schüren allerdings Angst und Verbitterung und da kommt die Aufklärungsarbeit ins Spiel. Wir dürfen Flüchtlinge und Sozialhilfeempfänger nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen bei allem Engagement immer daran denken, dass nicht nur Geflüchtete auf Probleme stoßen, sondern auch sozial Benachteiligte.

Als die Flüchtlingssituation aktuell wurde, gab es viel ehrenamtliches Engagement aus der Bevölkerung. Wie sieht es heute damit aus?

Ismailovski: So ein Andrang wie am Anfang ist nicht mehr da, aber natürlich gibt es die Ehrenamtler noch. Der Bedarf ist auch nach wie vor da, aber man kann auch nicht alles durchs Ehrenamt lösen. Das Ehrenamt muss vom Hauptamt begleitet werden. Dazu muss vor allem finanziell die Möglichkeit gegeben werden, mehr Personal einzustellen.

Wie bewerten Sie die Flüchtlingsarbeit in Aachen generell?

Ismailovski: Viele Bereiche laufen gut, andere weniger. Das ehrenamtliche Engagement im Bereich der Flüchtlingsarbeit ist wirklich sehr gut, man merkt dort richtig, wie die Willkommenskultur gepflegt wird. Außerdem haben die Ehrenamtler schnell reagiert, es war schnell Hilfe da. Negativ ist, dass politisch beziehungsweise auf Landesebene versäumt wurde, schnell genug Kapazitäten für die Unterbringung der Flüchtlinge zu schaffen.

Das Problem ist stattdessen in die Kommunen verlegt worden, dadurch sind dann nicht immer optimale Notunterkünfte entstanden. Bei der Netzwerkarbeit in Aachen und in der Städteregion muss noch mehr miteinander gesprochen und sich ausgetauscht werden, um Doppelarbeit zu vermeiden und konkrete Bedarfe zu ermitteln. Auch im Bereich der Ausländerbehörde ist manches verbesserungswürdig. Im Allgemeinen arbeiten wir zwar gut zusammen, aber in Einzelfällen gab es schon öfter Probleme, beispielsweise mit dem Arbeitsmarktzugang von Flüchtlingen aus sicheren Herkunftsländern.

Was muss ich ändern, was stört Sie?

Ismailovski: In der politischen Debatte stört mich am meisten die Einteilung in guter und schlechter Flüchtling, also sicheres und nicht sicheres Herkunftsland. Menschen dürfen aber nicht eingeteilt werden, egal, ob sie aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea kommen. Es spielt keine Rolle, woher die Menschen kommen, in jedem Flüchtling steckt Potenzial. Außerdem wurden schon in den 90er Jahren die Integrationsgesetze verschärft, danach mühsam wieder entschärft, nun doch wieder verschärft. Im Moment sind die Integrationsgesetze eher Verhinderungsgesetze.

Auch das Abschieben von straffällig gewordenen Flüchtlingen gehört nicht ins Asylgesetz. Straftaten müssen bestraft werden, aber das gehört ins Strafgesetzbuch und hat nichts mit Asyl zu tun. Allgemein müssten die gesetzlichen Rahmenbedingungen wieder zurückgeschraubt werden. Und: Es muss mehr Aufklärungsarbeit durch die Bundesregierung erfolgen. Nur so kann man Rassismus konkret entgegenwirken.

Was bedeutet Integration für Sie?

Ismailovski: Vieles zum Thema Integration ist vom Gesetzgeber vorgesehen, durch Kurse und so weiter. Aber Integration beginnt eigentlich erst dann, wenn ich in der Gesellschaft angekommen und auch akzeptiert bin, wenn ich mich wohlfühle.

Am kommenden Freitag werden Sie ausgezeichnet – und zwar mit dem Maria-Grönefeld-Preis für besonderes soziales, gesellschaftspolitisches Engagement.

Ismailovski: Ich bin damit überrascht worden! Meine Kollegen haben mich vorgeschlagen und ich wusste davon nichts, bis ein Ehrenamtler in mein Büro kam und mir gratulierte. „Wofür?“ hab ich gefragt. (lacht) Er hat mir dann erzählt, dass ich für den Preis vorgeschlagen bin. Nun bekomme ich ihn und das ist ein großer Motivationsschub für mich. Es zeigt mir, dass ich etwas richtig gemacht habe und bestärkt mich darin, dass ich auf jeden Fall weitermachen möchte. Eine tolle Wertschätzung!

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert