Aachen - Flüchtlinge eingestellt: „Mischung macht unser Unternehmen stark“

Flüchtlinge eingestellt: „Mischung macht unser Unternehmen stark“

Von: Naima Wolfsperger
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Die handwerkliche Arbeit macht ihm Spaß: Senay Luul achtet genau darauf, was Helmut Hermanns ihm erklärt. Der 18-Jährige will nach der Schule bei dem Baumaschinenunternehmen in die Lehre gehen. Foto: Michael Jaspers
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Die bunte Mischung ist das Erfolgsgeheimnis der Firma: Ömer Akkoca aus der Türkei (von hinten links), Enes Ademovic aus Serbien, Philipp Rompen aus Belgien, Juniorchef Rolf Deubner (untere Reihe von links), Viacheslaw Pazushkin aus Russland, Kamil Latka aus Polen, Haruna Rufai aus Togo, Yassin Semlaly aus Algerien, Senay Luul aus Eritrea, Rafal Strzelecki aus Polen, Thi Kim Taylor-Vo aus Vietnam, Elma Kusic aus Bosnien-Herzegowina, Rabia Akkoca aus der Türkei, Olga Sichwardt aus Kasachstan, Bozo Cvitic aus Kroatien und Chef Axel Deubner.

Aachen. Mit großen aufmerksamen Augen blickt Senay Luul Helmut Hermanns über die Schulter. Hermanns spricht langsam, zeigt auf die einzelnen Elemente des Getriebes und beobachtet Luul, um zu sehen, ob er dem folgen kann, was ihm erklärt wird.

„Was heißt das genau?“ Luul weiß, wie wichtig es ist, dass er nachfragt, wenn es ihm zu schnell geht.

Hermanns ist langjähriger Mitarbeiter bei der Berndt Deubner GmbH & Co. aus Aachen. Luul ist erst seit knapp eineinhalb Jahren in Deutschland. Er ist alleine, ohne seine Familie, aus Eritrea geflohen. Seine Nachmittage verbringt der 18-Jährige auf dem Betriebshof der Baumaschinenfirma. „Mir gefällt das sehr gut“, sagt Luul mit etwas schüchterner, leiser Stimme. „Das ist für mich so, als wäre ich den ganzen Tag in der Schule. Morgens kann ich lernen und nachmittags auch. Das macht mir Freude.“ Wenn er mit der Schule fertig ist, wird er dort eine Ausbildung beginnen.

„Mit Händen und Füßen“

Hermanns arbeitet gern mit dem jungen Eritreer zusammen. Auch mit Yassin Semlaly, ebenfalls unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, der vor einem Jahr und vier Monaten aus Algerien nach Deutschland gekommen ist. Semlaly hat wie Luul in dem Deubnerschen Unternehmen Fuß gefasst. „Die beiden sind extrem aufmerksam und haben eine ausgezeichnete Auffassungsgabe“, sagt Hermanns. „Manchmal müssen wir uns mit Händen und Füßen verständigen. Und selbst wenn wir uns nicht immer direkt verstehen, wir wissen immer, was wir meinen.“

Nach dem Getriebe-Check greift Luul zielsicher zum richtigen Schlüssel, der neben vielen anderen an der Wand hängt, steigt in den Bagger und startet den Motor. Von Schüchternheit ist dann nichts mehr zu spüren, ein breites Lächeln zieht sich über sein ganzes Gesicht. „Das Baggerfahren mag ich am liebsten. Ich möchte am liebsten Elektroniker oder Mechatroniker werden“, sagt er. Auch Semlaly wünscht sich, eine Ausbildung als Mechatroniker beginnen zu können. Beide haben die Zusage, in dem Deubnerschen Familienbetrieb ihre Lehre machen zu können. Dass das klappt, „war im Vorfeld gar nicht so einfach zu organisieren“, sagt Rolf Deubner (35), der mit seinem Vater Axel (70) das Unternehmen leitet. Die Deubners haben sich lange mit dem Arbeitsamt auseinandersetzen müssen.

„Langen Atem beweisen“

Die Stellen wurden zunächst ausgeschrieben, als sich aber niemand darauf meldete, konnten sie den beiden jungen Flüchtlingen die Ausbildungsstellen anbieten. „Mehrere Monate haben wir regelmäßig mit dem Arbeitsamt telefoniert“, erinnert sich Rolf Deubner. Die scheinbaren Hürden zu nehmen, langen Atem beweisen, um Flüchtlinge einzustellen, „das lohnt sich ungemein“, sagt Axel Deubner. „Ich habe ihnen die freudige Nachricht überbracht“, sagt Axel Deubner. Gleichzeitig musste er ihnen jedoch mitteilen, dass er sie aus arbeitsrechtlichen Gründen bis dahin nicht über den Praktikumsstatus hinaus anstellen könne. Daher hat er ihnen angeboten, einfach wiederzukommen, wenn es soweit sei. Die beiden 18-Jährigen schauen dennoch täglich bei dem Familienunternehmen vorbei.

Fremdsprachen sind bei der Baumaschinenfirma keine Ausnahme, sondern eher Alltag. Von 50 Angestellten hat etwa ein Drittel einen Migrationshintergrund. „Wir haben elf Nationen bei uns im Haus und diese Mischung macht unser Unternehmen stark“, sagt Axel Deubner und verrät: „Das ist unser Erfolgsgeheimnis! Unsere Mitarbeiter sind ganz besonders motiviert.“

Dieses Engagement und die besondere Wertschätzung der handwerklichen Arbeit hält der Seniorchef in Deutschland nicht mehr für eine Selbstverständlichkeit. Deubner glaubt, dass Menschen, die so viel Leid erfahren haben und aus ihrer Heimat vor Krieg, Hunger und Terror flüchten mussten, mehr Engagement bei der Arbeit zeigen. „Weil sie etwas aus ihrem Leben machen, weil sie sich eine Existenz aufbauen wollen.“ Rolf Deubner betont zugleich, dass Flucht und Migration kein Einstellungskriterium bei ihnen sei: „Wir entscheiden wie jedes Unternehmen auf dem freien Markt natürlich vor allem nach kaufmännischen Kriterien.“ Trotzdem ist die Flüchtlingskrise auch im Unternehmen der Deubners ein Thema. „Vor allem aber, weil uns unverständlich ist, wie diese Situation nicht als Gewinn und Chance für alle Beteiligten verstanden wird“, sagt Axel Deubner. „Es ist die Heiterkeit, die Freude, mit der die jungen Männer – alle unsere Arbeiter – ihr Tagwerk verrichten.“

Verständigungsschwierigkeiten

Verständigungsschwierigkeiten gibt es in dem Familienbetrieb auf der Hüls keine. Rafal Strzelecki aus Polen ist eigentlich für Luul verantwortlich und arbeitet fast täglich mit ihm zusammen. Der 37-jährige Strzelecki arbeitet seit dreieinhalb Jahren für den Aachener Betrieb. „Manchmal sage ich auf Deutsch zwar komische Sachen, aber Rafal versteht mich trotzdem immer“, erzählt Luul. Strzelecki grinst und nickt.

Yassin Semlaly schnappt sich den Hochdruckreiniger, Luul einen Pinsel, um einen Bagger neu zu lackieren. Beide lächeln. Ihr Motto: Anpacken und Spaß bei der Arbeit. Und das ist auch die Devise der Familie Deubner. Probleme sind kein Grund aufzugeben. Semlaly und Luul sind auch nicht die ersten Flüchtlinge, die bei der Baumaschinenfirma einen Platz gefunden haben. Überhaupt: Flucht, nicht aufgeben, auch wenn es schwierig wird, das stecke den Deubners in gewisser Weise in den Genen, findet Juniorchef Rolf Deubner.

Berufliche Perspektive

Unternehmensgründer und Axel Deubners Vater Berndt wurde 1914 in Lettlands Hauptstadt Riga geboren und floh mit seinen Eltern während des Ersten Weltkriegs vor den Kommunisten nach Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch gab es dort keine berufliche Perspektive mehr für ihn. Daher beantragte Berndt Deubner die Gründung eines Trümmerverwertungsunternehmens. Und zwar in Aachen, wo seine Frau Verwandte hatte. Nach einigen Umwegen konnte er dieses im Jahr 1948 schließlich auch ins Leben rufen.

Schon damals setzte sich auch der Vater von Axel Deubner bei den Behörden vehement für seine Mitarbeiter ein. Als sein damaliger baltischer Betriebsleiter beinahe Aachen verlassen hätte, da er sich kein Land kaufen durfte, ohne verheiratet zu sein, schritt Berndt Deubner ein und verhandelte mit der Verwaltung. Unter der Voraussetzung, dass der Betriebsleiter bald heiraten würde, konnte dieser schließlich das Land kaufen – und blieb somit in Aachen und half entscheidend mit, das Unternehmen aufzubauen. Rund 65 Jahre später ist für Rolf Deubner klar: Es lohnt sich, in motivierte Arbeitskräfte zu investieren und sich für sie einzusetzen – egal welche Nationalität sie besitzen. Daher lautet sein Appell: „Unternehmer sollen sich darauf einlassen, Flüchtlingen eine Chance zu geben – es einfach ausprobieren. Wenn Motivation und Arbeitsweise vorbildlich sind, dann lohnt es sich auch, sich für diese Menschen einzusetzen.“

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