Aachen - Flüchtlinge: Die Unterbringung wird zur Wundertüte

Flüchtlinge: Die Unterbringung wird zur Wundertüte

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Hat ausgedient: Das Land will die Flüchtlingsunterkunft am Westbahnhof (1000 Plätze) schnellstmöglich aufgeben. Das kann allerdings Folgen für die Stadt haben. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Platz für 1000 Flüchtlinge – eine große Kapazität, die das Land am Westbahnhof mit einer Zeltstadt geschaffen hat. Das war vor gerade einmal neun Monaten. Jetzt soll das Ganze wieder weg.

Die Stadt geht davon aus, dass das Land die Einrichtung zum 31. Januar aufgibt. Bei der Bezirksregierung hieß es am Montag, es solle möglichst sogar noch früher sein. Vor der Eröffnung war die Stadt angehalten, den Menschen im Auftrag des Landes ein Dach über dem Kopf zu bieten. Was unter anderem dazu führte, dass etliche Turnhallen als Übergangsheime hergerichtet wurden.

Nach der Eröffnung der Anlage am Westbahnhof konnte man diesbezüglich das Rad wieder zurückdrehen. Mittlerweile waren auch etliche andere Maßnahmen ergriffen worden: Herrichtung des Neuen Kurhauses für bis zu 300 Flüchtlinge, Spaceboxen auf dem früheren Sportplatz an der Adenauerallee sowie in der Leo-Löwenstein-Kaserne, Ankauf eines Bürohauses an der Hüls, Anmietung von ehemaligen Gewerbeflächen an der Roermonder Straße und des „Schweizer Hofes“ in Lichtenbusch und, und, und. Was passiert also, wenn nun der Westbahnhof wieder wegfällt und es erneut zu einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen kommen sollte?

Die Antwort auf diese Frage stellt sich für die Stadt als kompliziert dar. Fakt ist: Bislang ging man davon aus, dass 2017 75 Flüchtlinge pro Monat neu untergebracht werden müssen. Durch die Aufgabe des Zeltdorfes allerdings würde sich die „Auslastungsquote“ für die Stadt wieder deutlich erhöhen, da die 1000 Plätze zuletzt angerechnet wurden. Die Stadt geht dann davon aus, dass mit 275 Neuaufnahmen pro Monat zu rechnen sei – also viel mehr als bisher geplant. Andererseits liege die „Quotenerfüllung“ der Stadt derzeit bei über 122 Prozent. Will sagen: Die Stadt hat deutlich mehr Flüchtlinge zugewiesen bekommen, als es eigentlich hätte der Fall sein sollen. Die konkrete Zahl liegt bei einem Plus von 580. Zum Stichtag 31. August waren 2354 Flüchtlingen in Aachen untergebracht. Deswegen geht man davon aus, bis Dezember keine neuen Flüchtlinge zugewiesen zu bekommen.

Seit Februar sind die Zahlen kontinuierlich zurückgegangen. Seither sind Flüchtlinge nur noch im Rahmen von Familienzusammenführungen nach Aachen gekommen. Deswegen sind derzeit rund 400 Plätze in den Aufnahmeeinrichtungen frei. Das hört sich zunächst einmal deutlich entspannter an als noch vor einem Jahr. Von einer Entwarnung hinsichtlich der zu treffenden Maßnahmen kann aber nicht die Rede sein – weil sich das auch schnell wieder ändern kann. Und wenn die Zeltstadt schon bald nicht mehr zur Verfügung steht, „werden voraussichtlich ab dem Frühjahr 2017 erneut Plätze fehlen“, heißt es in einer Vorlage der Fachverwaltung für den Sozialausschuss. Zunächst gibt es noch genügend Notfallpuffer – unter anderem durch die bislang nicht benötigten Kapazitäten im Neuen Kurhaus. Wenn alle Stricke reißen, könnten auch vier Turnhallen schnell wieder für Flüchtlinge hergerichtet werden.

Wegen der Unsicherheiten erscheint es den Fachleuten allerdings derzeit „schwer vertretbar, finanzielle Mittel zur Schaffung weiterer Kapazitäten zu binden“. Das Schulgebäude Kronenberg soll deswegen erst einmal nicht für die Flüchtlingsunterbringung umgebaut werden. Das hätte rund 700.000 Euro für 150 Plätze gekostet. Dasselbe gilt für das bisherige Schulgebäude an der Barbarastraße in Rothe Erde, das man zwischenzeitlich offenbar auch ins Auge gefasst hatte. Hier wären rund 100.000 Euro Umbaukosten für 50 Plätze nötig gewesen.

Beide Gebäude sollen jedoch für ein Jahr freigehalten werden, falls sie doch noch benötigt werden. Hinsichtlich eines vom BLB angemieteten Gebäude an der Nizzaallee (50 Plätze) will man vom Mietvertrag wieder zurückgetreten. Weitere Gewerbeflächen sollen nicht mehr gekauft oder gemietet werden. Zeitmietverträge für Wohngebäude (rund 160 Plätze) sollen nicht verlängert werden. Zudem will die Stadt prüfen, ob sie die Landeseinrichtung am Westbahnhof im Bedarfsfall zumindest übergangsweise ganz oder teils übernimmt. Ob das dann alles so passt, ist jedoch auch für die Stadt derzeit eine Wundertüte.

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