Flüchtlinge: Aachen, Bergheim, Aachen – und dann?

Von: Stephan Mohne
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Abschied mit Tanz: Ehrenamtler organisierten in Forst spontan ein Fest für jene Flüchtlinge, die heute Aachen verlassen müssen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Am Donnerstagabend gab es auch ein paar Tränen. Es hieß Abschied zu nehmen. Deswegen hatten rund 200 ehrenamtliche Helfer spontan ein Fest auf dem Gelände bei Kommer in Forst organisiert. Das liegt gegenüber der Körner-Kaserne. In der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes waren seit Anfang September rund 200 Flüchtlinge untergebracht.

Die Kaserne war eine der ersten bundesweit, in der Flüchtlinge ein Zuhause auf Zeit fanden. Diese Zeit ist nun abgelaufen. Doch was nun geschieht, empfinden auch manche der Ehrenamtler als menschenunwürdige Farce – gerade vor dem Hintergrund, was diese Menschen bereits hinter sich haben.

Am Mittwoch war es an Sozialamtsleiter Heinrich Emonts, den Menschen mitzuteilen, dass sie bitte bis Freitagmorgen ihre Sachen zu packen haben. Die Stadt ist dafür nicht verantwortlich. Sie hat die undankbare Aufgabe, die seitens des Landes erlassene Verfügung den Flüchtlingen zu übermitteln. Diese müssen am Freitag um 7.30 Uhr mit ihren Koffern parat stehen. Denn sie werden mit Bussen abgeholt und zur neuen zentralen NRW-Registrierungsstelle nach Bergheim-Niederaußem gefahren. Dort sollen sie registriert werden, was die Bezirksregierung zwei Monate lang nicht geschafft hatte. Insofern hat die Sache für die Menschen etwas Positives, denn erst nach der Registrierung können sie Asylanträge stellen.

Doch es geht dann weiter. Oder teilweise wieder retour. Weil NRW derzeit 11.000 Menschen mehr aufgenommen hat, als das eigentlich laut „Königsteiner Verteilungsschlüssel“ sein müsste, werden viele NRW in Richtung eines anderen Bundeslandes verlassen. Jene, die in NRW bleiben, sollen wieder zurück nach Aachen fahren. Ziel: die Körner-Kaserne. Wie viele das sein werden, ist völlig offen. Gerade dort erneut eingezogen, werden sie wieder die Koffer packen müssen. Denn schon bald sollen sie Städten zugewiesen werden, in denen sie längerfristig bleiben. Aachen wird das in den allermeisten Fällen nicht sein.

Weil aber weniger aus Bergheim zurückkommen, als hingefahren sind, bekommt Aachen neue Erstaufnahmeflüchtlinge. Die sollen dann in der Turnhalle an der Brander Gesamtschule untergebracht werden. So werden die Gebäude in der Körner-Kaserne bald leer sein. Laut Evelin Wölk vom Presseamt könnten sie dann dazu dienen, der Stadt vom Land zugewiesene Flüchtlinge – also keine Erstaufnahmen, sondern jene, die die beschriebene Prozedur schon hinter sich haben – mit Wohnraum zu versorgen. Und von diesen zugewiesenen Flüchtlingen, von denen es bis Donnerstag rund 1300 in Aachen gab, erwartet die Stadt bis kommenden Mittwoch erneut etliche. Laut Wölk ging die Verwaltung am Donnerstag von 270 aus. Aber die Zahl ändere sich stündlich.

Haarener Turnhalle wird belegt

Die Herausforderungen würden immer größer. Die ersten 126 zugewiesenen Flüchtlinge werden in der Turnhalle Königstraße, dem Ex-Telekomhaus an der Roermonder Straße und in Wohnungen untergebracht. Für weitere rund 100, darunter laut Wölk „viele alleinstehende Männer“, muss neuer Raum her. Deswegen wird jetzt auch die Turnhalle der Grundschule Haaren an der Haarbachtalstraße hergerichtet – die achte Turnhalle insgesamt. Zudem die ehemalige Kita Süsterfeldstraße. Bis Mitte nächster Woche werden – Stand Donnerstag – 1520 von der Stadt betreute zugewiesene Flüchtlinge, 1070 in Landesaufnahmestellen und 635 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge versorgt. Insgesamt also 3225.

Beim großen Fest der Ehrenamtler zum Abschied ihrer „Schützlinge“ in Forst war nicht klar, von wem man sich tatsächlich verabschiedet. Für einige könnte man gleich wieder ein Willkommensfest veranstalten, bevor man sich dann nach der Verteilungsfestlegung in ein paar Tagen wieder verabschiedet. Richard Schmitt fehlen da fast die Worte. Er koordiniert die ehrenamtliche Arbeit in Forst. In den zwei Monaten hätten sich unter den Flüchtlingen, aber auch mit den Ehrenamtlern enge Bindungen ergeben. Es gebe über 20 Patenschaften, etliche Wohnungen könnten über Privatkontakte vermittelt werden. Stattdessen würden die Menschen nun erneut aus ihrem Lebensumfeld gerissen.

Und dass von ihnen einige wieder zurückkommen, da ist Richard Schmitt skeptisch. Es sei in der riesigen Registrierungsstelle in Bergheim dem Vernehmen nach logistisch unmöglich, die Flüchtlinge wieder auf ihre bisherigen Standorte zu verteilen. Und weiter: „Wenn in der Körner-Kaserne ohnehin zugewiesene Flüchtlinge untergebracht werden sollen, dann könnte man ja auch die zuweisen, die gerade hier sind.“ Aber das wird nicht geschehen. Der engagierte Ehrenamtler hat dazu eine klare Meinung: „Auf diese Art verpassen wir den Menschen gleich das nächste Trauma.“

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