Fliegerbombe legt ein ganzes Viertel lahm

Von: Stephan Mohne
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Abgeriegelt: Unter anderem die Turmstraße wurde durch den Bombenfund in der Claßenstraße lahmgelegt. 3000 Anwohner mussten evakuiert werden, es kam rundherum zum Verkehrschaos. Erst in der Nacht konnte der Zehn-Zentner-Sprengkörper entschärft werden. Foto: Ralf Roeger
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Notunterkunft: In der ehemaligen PH an der Ahornstraße wurden rund 500 evakuierte Anwohner versorgt.

Aachen. Für Jürgen Robens hat dieser Einsatz etwas von einem Déjà-vu. Es ist der letzte Arbeitstag des Ersten Polizeihauptkommissars auf seiner bisherigen Stelle bei der Aachener Polizei. Am Montag tritt er eine neue an. Und dieser letzte Arbeitstag dreht sich bis in die Nacht um eine Bombe.

Das kommt ihm bekannt vor, denn just an seinem ersten Arbeitstag war das nicht anders, als es eine Bombendrohung an einer Aachener Schule gab. „Mit einer Bombe fing es an, mit einer Bombe hört es auf“, sagt der Polizist lächelnd und wendet sich wieder seinen Kollegen zu. Von denen stehen einige am Republikplatz nahe dem Westbahnhof. Und mit ihnen etliche Feuerwehrleute, Mitarbeiter des Ordnungsamts, der RWTH, der Deutschen Bahn und, und, und. Insgesamt sind 250 Helfer auf den Beinen. Sie scharen sich um Skizzen und Karten, Handys klingeln unaufhörlich, aus Funkgeräten tönt es ebenso permanent.

Anlass ist jene Bombe. Bauarbeiter haben das betagte Stück – eine britische Zehn-Zentner-Bombe mit Aufschlagzünder – um 13.30 Uhr in fünf Metern Tiefe gefunden. An der Ecke Süsterfeldstraße/Claßenstraße wird unter anderem ein neuer Kanal verlegt. Doch das muss an diesem Tag erstmal warten. Die Bagger ruhen, die Einsatzkräfte rotieren. Eilends wird erst einmal rund um den Fundort gesperrt, was die Flatterbänder hergeben. Sicherheit geht vor. Was längst nicht alle Zeitgenossen an den Absperrungen einsehen wollen – manche geben dort bisweilen rüde Flüche von sich.

Aber das nützt nichts, sie müssen wohl oder übel abdrehen. Mit deutlich kühlerem Kopf geht die Planung des weiteren Nachmittags vonstatten, nachdem der Kampfmittelräumdienst das gefährliche Weltkriegsrelikt unter die Lupe genommen hat. 400 Meter Evakuierungszone – so lautet die Festlegung. Was bedeutet, dass rundherum potenziell 3000 Anwohner ihre Wohnungen verlassen müssen. Doch bis es soweit ist, dauert es noch Stunden. Erst gegen 19.30 Uhr läuft die Aktion so richtig an. Feuerwehrautos fahren durch die Straßen zwischen Ponttor und Bendplatz, Roermonder Straße und Mies-van-der-Rohe Straße.

„Achtung, Achtung, hier spricht die Feuerwehr! Wegen einer Bombenentschärfung bitten wir Sie umgehend, Ihre Wohnungen und Büros zu verlassen!“, tönt es aus den Lautsprechern. Auch via Radio und über die Online-Portale unserer Zeitung wird die Aufforderung verbreitet. Eine kleine Panne sorgt derweil für Unruhe ganz woanders. Denn unter anderem in Haaren gehen die Sirenen los und geben einen lang anhaltenden Alarmton von sich. Besorgte Bürger, die längst von dem Bombenfund am Rand der Innenstadt gehört haben, fragen sich, ob sie nun auch betroffen sind. Dem ist jedoch nicht so. Offenbar hat nur jemand auf den falschen Knopf gedrückt: „Eine Fehlschaltung“, heißt es amtlich entschuldigend.

In der Zwischenzeit gibt es auch noch hunderte traurige Kinderaugen. Denn an diesem Nachmittag soll die überaus beliebte Kinderuni, organisiert von der RWTH und unserer Zeitung, im Audimax über die Bühne gehen. Da kommen regelmäßig 700 begeisterte junge Zuschauer hin. Doch schon früh ist klar: Im Audimax kann an diesem Tag nichts mehr stattfinden, die Veranstaltung muss abgesagt werden.

Der Katastrophenschutz richtet am Nachmittag in der alten PH an der Ahornstraße eine Versorgungsstation für die Evakuierten ein. Am Bendplatz stehen Busse für den Transport bereit. Etliche von der Evakuierung Betroffene finden sich im Laufe des Abends dort ein.

Einen eher unschönen Zeitvertreib haben tausende Autofahrer. Durch die Sperrungen an der Turmstraße und der Roermonder Straße kommt es zu immensen Blechschlangen. Die winden sich die Ludwigsallee entlang – und jenseits der Bastei geht auch auf der Krefelder Straße bis hinunter zum Tivoli nichts mehr. Als wären die Aachener in diesen Tagen durch die Sperrung des Europaplatzes nicht schon genug staugeplagt.

Bahnreisende wären eigentlich auch betroffen, weil kurz nach 16 Uhr die Bahnlinie Aachen-Mönchengladbach gesperrt wird. Da fährt aber im Moment wegen des Brückenneubaus an der Roermonder Straße ohnehin kein Zug. Vielmehr gibt es „Schienenersatzverkehr“ mit Bussen. Die müssen sich allerdings auch andere Wege suchen. Etwas Vergleichbares gab es nur am 31. März 2010, als mitten in Burtscheid eine Bombe gefunden wurde und 4000 Menschen evakuiert werden mussten.

Aachen im Ausnahmezustand – und der endet erst um 0.35 Uhr. Da haben Feuerwerker Holger Jacobi und sein Team die Bombe unschädlich gemacht. Polizist Jürgen Robens wird diesen Einsatz in Erinnerung behalten – als wahrlich „bombigen“ Arbeitstag.

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