Aachen - Fahrradfreundlich ist Aachen längst nicht

Fahrradfreundlich ist Aachen längst nicht

Von: Katrin Fuhrmann
Letzte Aktualisierung:
9927631.jpg
Mit dem Fahrrad zur Arbeit: Helga Weyers lässt ihr Auto so oft es geht stehen. Stattdessen schwingt sie sich auf den Sattel. Und das ganz schön oft: Rund 13 000 Kilometer fährt sie im Jahr. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. 13.000 Kilometer radelt Helga Weyers jährlich mit dem Fahrrad quer durch die Region. Für sie ist das Radfahren Entspannung und Spaß zugleich. Seit 2005 ist sie beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC), Kreisverband Aachen, tätig.

Dass sie dort landete war eher Zufall, denn das Vereinswesen ist im Grunde überhaupt nicht ihr Ding. Doch die Leidenschaft zum Fahrradfahren und der unbegrenzte Wille, sich aktiv für eine fahrradfreundlichere Stadt einzusetzen, waren Gründe genug, seid 2007 auch im Vorstand des ADFC mitzuwirken.

Im AZ-Samstagsinterview erzählt Helga Weyers, warum die Umweltzone zumindest ein Schritt in die richtige Richtung wäre und was von Seiten der Stadt dringend getan werden muss, damit die Aachener in Zukunft ihr Auto häufiger Mal stehen lassen und mit dem Fahrrad fahren.

Frau Weyers, Sie sind viel mit dem Fahrrad auf Aachens Straßen unterwegs. Ist Aachen denn eigentlich fahrradfreundlich?

Weyers: Prinzipiell ist Aachen eine fahrradfreundliche Stadt. Doch es ist noch viel Luft nach oben. Dadurch, dass Aachen Mitglied in der AGFS (Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte und Gemeinden) ist, müssen bestimmte Standards erfüllt werden, damit sich die Stadt auch fahrradfreundlich nennen darf. An diese Standards hält sich die Stadt auch. Zumindest auf dem Papier.

Das klingt so, als hätten Sie Zweifel daran, dass diese Standards auch wirklich gewährleistet werden?

Weyers: Die Stadt tut viel dafür, aber eben längst nicht genug. Das Problem ist, dass die Stadt in dem Dilemma steckt, viel zu ‚eng‘ zu sein. Es ist nicht genügend Platz für jeden Verkehrsteilnehmer, wenn jeder mit dem Auto fahren will. Bisher hat man zwar immer versucht, dem Radverkehr sein ‚Plätzchen‘ zu geben. Aber die Stadt ist einfach nicht dazu bereit, den Autoverkehr etwas einzuschränken. Das wird nicht mehr lange funktionieren.

Warum nicht?

Weyers: Der Modal-Split-Anteil (dieser gibt an, wie hoch der Anteil eines Verkehrsträgers in Prozent an der gesamten Verkehrsnachfrage ist; Anm. d. Red.) im Bezug auf den Radverkehr liegt bei elf Prozent. Die Stadt möchte diesen Anteil im Rahmen des Luftreinhalteplans bis 2020 auf 20 Prozent erhöhen. Das wird nicht klappen, wenn man die Infrastruktur und somit auch das Radwegenetz nicht ernsthaft verbessert.

Das heißt, das Radwegenetz ist ausbaufähig?

Weyers: Ja. Beispielsweise müssen die Radfahr- und Schutzstreifen weiter verbessert werden. Das ist an vielen Stellen aber einfach nicht möglich. Denn oberste Priorität ist bisher, die Leistungsfähigkeit der Straße zu erhalten. Dazu sind oft zwei Fahrspuren nötig. Die Stadt ist aber auch hier zum Beispiel nicht bereit, Parkplätze für dieses Vorhaben zu opfern, wie aktuell bei der Alt-Haarener Straße.

Haben sich die Schutzstreifen, die zum Beispiel auf dem Grabenring und auf dem Alleenring schon verwirklicht worden sind, bewährt?

Weyers: Im Grunde ist es eine gute Sache, denn sie sollen zwei Zwecke erfüllen. Zum einen sollen sie deutlich machen, dass Fahrverkehr auch Fahrradverkehr ist. Dieser gehört nicht auf den Bürgersteig, sondern auf die Straße. Zum anderen sind die Fahrradfahrer so besser von anderen Verkehrsteilnehmern zu sehen. Dem Autofahrer wird durch die Schutzstreifen signalisiert, dass das Fahrrad genau da hingehört. Häufig sind diese Streifen jedoch so eng, dass es zu Konflikten zwischen Auto- und Fahrradfahrern kommt.

Und die hohe Anzahl an Verkehrsunfällen mit Fahrradfahrern ist vermutlich eine Folge dessen?

Weyers: Genau. Es gibt viele Stellen in der Stadt, die einfach zu unsicher sind und an denen Fahrradfahrer leicht übersehen werden können. Allein im vergangenen Jahr verunglückten 345 Radfahrer in Aachen, in der Mehrzahl verursacht durch Pkw-Fahrer.

Ist das auch ein Grund, warum Aachen im ADFC-Fahrradklimatest 2014 nur die Note „ausreichend“ erhalten hat?

Weyers: Ja. Viele Radfahrer haben in diesem Test angegeben, dass sie sich nicht sicher fühlen, was in großen Teilen an der Menge des Autoverkehrs liegt. Außerdem wurde die Kontrolle der Radwege bemängelt.

Inwiefern?

Weyers: Viele Radwege und auch Fußwege werden von Autos fast vollständig zugeparkt. Die Stadt führt aber leider nur in unregelmäßigen Abständen Kontrollen durch. Sanktionen sind ebenfalls Fehlanzeige.

Und was klappt schon ganz gut?

Weyers: Einbahnstraßen wurden dort, wo es nach Straßenverkehrsordnung möglich war, für Radfahrer geöffnet. Zudem wurden in Folge der Schutzstreifen Aufstellflächen an den Ampeln errichtet. Die Fahrradfahrer haben nun die Möglichkeit, an den Autos, sofern der Platz es zulässt und die Pkw nicht die Schutzstreifen blockieren, vorbeizufahren und sich vor den Autos an der Ampel zu platzieren. Dadurch haben Autofahrer die Radler eher im Blick. Doch auch hier besteht Verbesserungsbedarf. Es ist einfach so, dass die Stadt unter keinen Umständen die Autofahrer gegen sich aufbringen will.

Ein Grund, warum die Stadt auch der Umweltzone entgegenwirken möchte?

Weyers: Ja, zum einen. Ihre größte Sorge ist aber auch, dass die niederländischen und belgischen Gäste dann fernbleiben würden. Der Gesundheitsaspekt wird gar nicht berücksichtigt und damit wird die ‚Gefahr‘, die von den Autoabgasen ausgeht, auch nicht ernst genommen. Es ist also fast nicht möglich, den Luftreinhalteplan zu erfüllen.

Für die Radfahrer wäre die Umweltzone aber sicher ein Geschenk?

Weyers: Als Radfahrer befürworten wir die Umweltzone natürlich. Denn die Umweltzone ist dazu da, die Schadstoffe zu minimieren. Vielen ist nicht bewusst, dass die Luftschadstoffe zu Todesfällen führen. Und die Anzahl der frühzeitigen Todesfälle ist dabei höher als die der Verkehrstoten. Deswegen ist es auch ganz wichtig aufzuzeigen, dass die Senkung der Schadstoffe weder eine Spinnerei der EU ist, noch ein akademisches Problem. Es ist ein Problem, das uns alle etwas angeht. Aber momentan zweifel ich an der Ernsthaftigkeit der Stadt bei der Umsetzung des Luftreinhalteplans. Denn hätte man wirklich den ernsthaften Willen gehabt, hätte man zum Beispiel nicht die Kaiserplatzgalerie mit weiteren 650 Parkplätzen direkt im Stadtkern gebaut. Dann hätte man versucht, den motorisierten Verkehr durch Park & Ride-Stationen aus der Stadt fernzuhalten.

Die Umweltzone kommt also auf alle Fälle?

Weyers: Ich denke schon. Den Luftreinhalteplan gibt es seit 2009. Es hätte also durchaus noch die Möglichkeit gegeben, die Umweltzone abzuwenden. Doch in der Kürze der verbleibenden Zeit können die Maßnahmenziele nun nicht mehr erreicht werden. Dennoch wäre die Umweltzone ein Schritt in die richtige Richtung. Die Alt-Haarener Straße und die Eilendorferstraße wären zum Beispiel nicht in die Umweltzone inbegriffen. Problemzonen, denen man sich in Zukunft auch stellen müsste.

Was sind denn weitere Ziele des ADFC in diesem Jahr?

Weyers: Wir freuen uns, dass der Radschnellweg zwischen Aachen und Jülich voraussichtlich fertiggestellt wird. Radschnellwege brauchen wir als Angebot für Pendler. Zudem wollen wir für mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder sorgen. Gerade für Pedelecs würden wir es begrüßen, wenn Fahrradhäuschen gebaut werden. Und wir möchten natürlich weiterhin daran arbeiten, dass Fahrradfahren für die Aachener Bevölkerung attraktiver wird. Doch dazu benötigen wir politische Entscheidungen. Manchmal reicht in dem Fall auch nicht nur ein Wille. Es müssen Taten folgen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert