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Eurotürk: „Nur 15 Prozent für Erdogan“

Von: Robert Esser und Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
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„Na, Nein, Hayir“: Cengiz Ulug (r.), Tülin Yener und Fazil Güclü – hier vor dem Türkischen Volkshaus in der Aachener Friedrichstraße – fordern die Annulierung des Türkei-Referendums. Foto: Andreas Herrmann
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Realativiert das Wahlergebnis der Deutsch-Türken: Reiner Bertrand von Eurotürk. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Zwei Tage nach dem umstrittenen Verfassungs-Referendum in der Türkei gehen in Aachen viele Amts- und Funktionsträger mit Beziehungen zum Land am Bosporus auf Tauchstation. Öffentlich will sich kaum jemand äußern. Nicht so Cengiz Ulug vom Türkischen Volkshaus in Aachen: „Das war keine gewöhnliche Wahl nach demokratischem Verständnis“, sagt er.

„Sogar während der Abstimmung wurden noch die Spielregeln geändert. Das geht gar nicht“, stellt er fest. So wurden Wahlumschläge ohne amtlichen Vermerk in unbekannter Zahl zur Auszählung zugelassen. Ähnliche Unregelmäßigkeiten habe es bereits vor vier Jahren bei Kommunalwahlen in Ost-Anatolien gegeben. „Damals hat dieselbe Wahlkommission, die das jetzt zugelassen hat, die gesamte Wahl annuliert. Damals wäre nämlich sonst Erdoans AKP unterlegen gewesen. Aber jetzt passt es den Verantwortlichen eben anderherum besser“, erklärt Ulug.

Zudem habe er Videos gesehen, die Menschen zeigen, die am vergangenen Sonntag gleich mehrfach für andere Personen in Wahllokalen abstimmten. Es gebe viele Unregelmäßigkeiten. „Deswegen akzeptieren wir das Wahlergebnis nicht. Wir fordern, dass die Abstimmung annuliert wird. Erdogan und seine Anhänger haben die Wahl von vorne bis hinten manipuliert“, beklagt er im Vereinslokal an der Aachener Friedrichstraße.

Reiner Bertrand, Vorsitzender des Aachener Vereins Eurotürk, und sein Vorstand hatten sich im Vorfeld des Türkei-Referendums bewusst mit öffentlichen Stellungnahmen zurückgehalten.

Er betont, man könne natürlich nicht die Meinung von nahezu 200 Mitgliedern im Einzelnen wiedergeben – aber: „Wir wissen natürlich, dass wir auch Mitglieder haben, die mit Evet, also mit Ja abgestimmt haben, und die, die mit Hayr, also Nein, abgestimmt haben. Beide Lager stehen sich in dieser Frage unversöhnlich gegenüber, finden aber aufgrund der Mitgliedschaft im Verein Mittel und Wege, sich mit Respekt zu begegnen. Diese Meinung haben wir auch immer innerhalb des Vereins vertreten“, erläutert Bertrand.

Er plädiert bei der Beurteilung der Abstimmung aber um Augenmaß: „Wir möchten dem Eindruck widersprechen, dass über 60 Prozent der Türken die Politik von Erdoan gutheißen. Bei uns in Deutschland leben rund drei Millionen türkischstämmige Mitbürger. Davon sind circa 1,5 Millionen in der Türkei wahlberechtigt.

Die Hälfte davon hat diese Wahlmöglichkeit in Anspruch genommen. Davon haben dann 60 Prozent Erdoan gewählt. Das sind dann circa 450.000 Bürger. Dies sind im Verhältnis der hier lebenden Türkischstämmigen mal gerade 15 Prozent. Ich meine, dass das deutlich die wahren Verhältnisse widerspiegelt“, rechnet der Eurotürk-Vorsitzende vor.

In Aachen waren zum Jahreswechsel 2016/2017 insgesamt exakt 6271 Menschen mit türkischem Pass registriert. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der Kaiserstadt (254.782) nimmt seit den Doppelpass-Bestimmungen und dem Zustrom von Flüchtlingen vor allem aus Syrien stetig ab. Gleichzeitig wächst allerdings der Anteil der Aachener mit Migrationshintergrund.

Sorgen bereiteten dem Verein momentan auch die deutschen Mitglieder. Hier fordere man bisweilen, die Erdoan-Befürworter doch deutlicher in die Schranken zu verweisen. Bertrand sieht das anders: „Abgesehen davon, dass dies rechtsstaatlich gar nicht durchführbar ist, empfehlen wir einen anderen Weg“, erklärt er. Und tritt für gegenseitiges Aufeinanderzugehen ein.

Wobei er gerade auch die deutschen Gastgeber in die Pflicht nimmt: „Wir als ,Bio-Deutsche‘ müssen uns, was Willkommenskultur anbetrifft, genauso auf den Weg machen wie unsere in Deutschland lebenden Türken, egal ob sie den deutschen, den türkischen oder sogar beide Pässe besitzen, sich in Richtung Deutschland zu bewegen.“

„Vorbehalte abschalten“

Bertrand nennt konkrete Beispiele: „Seien wir doch ehrlich: Wie oft haben wir bei Bewerbungen oder bei der Wohnungsvermietung unsere Vorbehalte gegenüber unseren türkischstämmigen Mitbürgern verspürt und dies dann auch den Bewerber anmerken lassen? Hier müssten wir ansetzen und nach Möglichkeiten suchen, wie wir nicht nur beim Fußball, sondern in allen Dingen des menschlichen Miteinanders unsere gegenseitigen Vorbehalte abschalten und anstelle dessen eine Willkommens-, Partizipations- und Begegnungsstruktur praktizieren.“

Der Eurotürk-Vorstand mit Marie-Jose Dassen, Ingrid Nuglisch, Gülcan Yildiz-Hensch und Eyüp Özgün formuliert es positiv: „Hier fordern wir vor allen Dingen auch die Parteien genauso wie all unsere Vereine auf, sich den türkischstämmigen Mitbürgern zu öffnen und eine aktive Mitgliederwerbung zu praktizieren. Lasst es uns doch einfach probieren“, teilen sie mit.

Keine Reaktion

Die türkisch-islamische Gemeinde in Aachen (Ditib) gab – wie vor der Wahl – auch am Dienstag keine inhaltliche Stellungnahme ab. Der 2. Vorsitzende Suleyman Zembilci sagte: „In unserer Gemeinde gibt es ganz unterschiedliche Meinungen zur Verfassungsreform. Deshalb nimmt die Gemeinde in der Diskussion nicht öffentlich Stellung.“

Unbeantwortet blieben Anfragen beim Alevitischen Kulturzentrum in Aachen und beim Verein der Atatürk-Freunde. Nicht erreichbar war auch der designierte türkische Honorarkonsul Uwe Merklein. Er wartet seit über einem Jahr auf seine offizielle Ernennung.

Ein Kioskbesitzer im Ostviertel, der anonym bleiben möchte, erklärte am Dienstag zumindest so viel: „So gerne ich auch öffentlich etwas gegen den Ausgang des Referendums sagen würde, ich traue mich nicht. Hier im Viertel gibt es viele Menschen, die für Hayir waren, aber aus Angst nicht offen darüber reden. Ich fliege zweimal im Jahr mit meiner Familie in die Türkei und möchte nicht an der Grenze direkt festgenommen werden.“

Befürchtungen dieser Art hegt der türkischstämmige Aachener Journalist und ehemalige Vorsitzende des Integrationsrates, Muhsin Ceylan, ein erklärter Gegner des Referendums, allerdings nicht. In seinem TV-Sender „Kanal Avrupa“ habe er mehrfach kontroverse Interviews mit Befürwortern der Politik Erdoans geführt, betont er. „Ich glaube, dass sich die aufgeheizte Stimmung bald beruhigt. Beide Seiten werden wieder aufeinander zugehen.“

Und: „Auch hier in Deutschland müssen wir jetzt aber verstärkt aktiv werden: indem wir alles daran setzen, dass die sozialen Gräben nicht noch tiefer werden.“

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