Aachen - „Euregihotel“: Eine Nacht im Container

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„Euregihotel“: Eine Nacht im Container

Von: Ines Kubat
Letzte Aktualisierung:
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Übernachtung der besonderen Art: Im „Euregihotel“ gibt es nur ein einziges Zimmer. Und das bietet gerade mal Platz für eine Person. Für „Wir Hier Unterwegs“ habe ich den Selbstversuch gemacht. Foto: Tobi Königs/privat
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Zwei Jahre leben die Architekten Marlies Vermeulen und Remy Kroese in einem umgebauten Container und ziehen damit durch die Euregio.

Aachen. Während meine Kollegen für die Serie „Wir hier unterwegs“ bei Eskimorollen im Kanu die Luft anhielten, oder beim Rollstuhlhockey schwitzten, mache ich es mir leicht. Ich gehe schlafen. In einem Hotel. Ganz gewöhnlich ist diese Nacht trotzdem nicht. Denn das Hotel hat nur ein einziges Zimmer von wenigen Quadratmetern.

Das „Euregihotel“ ist ein umgebauter Container und ich bin der erste Gast, der dort übernachten darf. Es ist Teil des Projekts „Dear Euregio“ von Marlies Vermeulen und Remy Kroese. Sie wohnen seit einigen Wochen am Republikplatz am Aachener Westbahnhof – und zwar ebenfalls in einem Container.

Drei Monate bleiben sie mit ihren beiden temporären Behausungen in Aachen, danach ziehen sie weiter in andere Städte der Euregio wie Maastricht und Hasselt. Zwei Jahre wird das Paar unterwegs sein: Und das heißt auch zwei Jahre Leben auf ein paar Quadratmetern.

Marlies (28) und Remy (34) sind Architekten, er aus Maastricht, sie aus Lüttich. Sie interessieren sich für die Entwicklung im urbanen Raum, für die Interaktion von Mensch und Stadt. „Dear Hunter“ nennen sie sich, denn sie lieben die Metapher des Jagens. Nein, nicht wegen des Tötens, sondern weil sie ihre Umgebung mit all ihren Facetten aus der Nähe beobachten. Wie Jäger eben.

In jeder Stadt, in der die Architekten ihre Container aufstellen, erhalten sie einen Recherche-Auftrag. In diesem Fall von der Stadt Aachen, die sie auch dafür bezahlt. Ihre Mission: Das Verhältnis von Stadt und Uni zu erfassen. In welchem Verhältnis stehen die Studenten und die Stadt Aachen, und andersherum. Nutzen normale Bürger Einrichtungen der Uni wie die Sportstätten am Königshügel?

Ein Hintergrund des Rechercheauftrags der Stadt ist die Erweiterung des Campus West. Marlies und Remy beschränken sich aber bei ihren Nachforschungen nicht auf dieses Thema, sondern sprechen mit vielen Akteuren, die an der gesamten Stadtentwicklung beteiligt sind: Architekten, Studenten, Bürger, Politiker.

Ein paar Tage vor meiner Nacht im Container erreicht mich eine Nachricht von Marlies: „Wir dokumentieren Spaziergänge durch die Stadt. Kannst Du uns ‚Dein Aachen‘ zeigen?“. Denn obwohl die Hotelübernachtung kostenlos ist, sollen die Gäste etwas zu dem Projekt beitragen – zum Beispiel über solche Touren. Also führe ich sie durch mein Viertel.

Marlies zeichnet später die markantesten Orte des Rundgangs auf. Die Zeichnungen der einzelnen Spaziergänge werden dann zu einer großen Karte zusammen gefasst; mit den subjektiven Einflüssen der Führer. Nach den drei Monaten in Aachen werde es definitiv Erkenntnisse zu ihrer Recherchefrage geben. Wie sie die aber vermitteln, sei noch nicht ganz klar, so die Architekten. Nur eins stehe fest: „Wir werden keine konkreten Anweisungen zur Stadtplanung geben“, sagt Marlies.

Wie frisch von der Baustelle geklaut wirken die strahlend weißen Container, als ich am Republikplatz ankomme. Von innen sind sie schon heimeliger, stelle ich fest, als ich „einchecke“: Im größeren steht ein schmaler Schreibtisch. Es gibt eine Mini-Küchenzeile und im Bad Dusche, Waschbecken und Toilette. Fließend Wasser und Strom übrigens auch. Das Bett der beiden Architekten suche ich zunächst vergebens. Es ist tagsüber bis zur Decke hochgefahren.

Privatsphäre: Fehlanzeige

Während wir in ihrem Kubus am Schreibtisch sitzen, frage ich die beiden nach ihren ersten Erfahrungen. Wie lebt es sich auf so beengtem Raum? „Das fragen uns alle“, sagt Remy ein wenig belustigt. Bisher hätten sie keinerlei schlechten Erfahrungen gemacht. Die Passanten seien interessiert an den zwei außergewöhnlichen Platz-Besetzern, die man durch das Fenster beim Arbeiten beobachten kann.

Viele klopfen deshalb an und fragen nach, was es mit den „Dear Hunter“ auf sich hat. Die meisten tagsüber, einige nachts, berichten Marlies und Remy. Aber das wollten sie ja auch so: Ihre „hunting cabin“ (Jagdhütte) sollte nah an der Bevölkerung sein. Kein Wunder also, dass die Jäger selbst zu Gejagten werden. „You become a public thing!“ (Man wird zu einem öffentlichen Gegenstand!), sagt Marlies nachdenklich und schaut durch das Fenster auf den Republikplatz. Von draußen blicken Studenten in unsere Richtung.

Irgendwann beziehe ich meine kleine würfelförmige Behausung, das „Euregihotel“. Auf knapp 2,5 mal 2,5 Metern darf ich mich ausbreiten. Von der Eingangstür bis zur gegenüberliegenden Wand kann ich zwei große Schritte gehen. Rechts unter dem Fenster steht ein schmales Bett. Einmal nach links gedreht, schon befinde ich mich im Bad. Es ist klein, aber für eine Person ausreichend, denk ich mir. Zumindest für eine Nacht.

„Habt Ihr nachts manchmal Angst“, frage ich Remy und Marlies. „Nein, hier ist es sehr ruhig“, sagen beide. Das nehme ich mal so hin, verabschiede mich, schließe die Tür, und ziehe die Vorhänge zu. Im kleinen Zimmer riecht es nach frischem Holz. Beinahe vergesse ich, dass ich in einem Container schlafe. Doch schon laufen die ersten Passanten gefühlt zehn Zentimeter neben meinem Kopf vorbei. Sie wollen feiern gehen, unterhalten sich über den Abend. Dann allerdings halten sie inne und wundern sich, warum mitten auf dem Platz zwei Container stehen, und warum darin Licht brennt. Sie gehen weiter. Das Spiel wiederholt sich mehrfach, bis ich einschlafe.

Als ich gegen fünf Uhr zum ersten Mal aufwache, braucht es einen Augenblick, bis mir klar wird, wo ich bin. Um mich herum beginnt das Leben auf den Straßen, der Verkehrslärm von Güterzügen und LKW wird immer lauter. Und spätestens, als ich um acht Uhr den Vorhang aufziehe und mich fremde Menschen durch die Scheibe anglotzen, wird mir klar, wo ich bin. „You become a public thing“. Jetzt versteh ich, was Marlies meinte.

Einerseits sei das „natürlich toll für das Projekt.“ Wie es sich für die beiden aber persönlich entwickelt, scheint noch unklar. „Es ist sehr intensiv“, sagt Marlies. Sie fühlt sich nach den Wochen im Container „ausgelaugt“. Dennoch seien beide glücklich, dass sie das Projekt in die Tat umsetzen konnten.

Selbst wenn zwei Jahre auf so beengtem Raum zu wohnen eine Beziehungsprobe für das Paar ist: „Man kann sich nicht verstecken“, sagt die Architektin. Einmal pro Woche nimmt sie sich deshalb eine Auszeit von der intensiven Zweisamkeit, und schläft in ihrem Appartement in Lüttich. Mittwochs ist Remys freier Tag. Und samstags nehmen sie gemeinsam Reißaus. Das stelle das Projekt aber längst nicht in Frage: „Wir mögen es einfach, radikal zu sein“, sagt Marlies.

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