„Es schadet nicht, mal hart im Nehmen zu sein“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Überzeugt vom B.F.B.M: Margit Claussen (links) und Mareen Mentzel. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Chauvisprüche in männlich dominierten Abteilungen, eingeschränkte Aufstiegschancen für Frauen, Geschlechtsgenossinnen, die für die Familie auf Karrierechancen verzichten – das alles kennen Unternehmensberaterin Margit Claussen und Kommunikationstrainerin Mareen Menzel.

Ihr Weg zur Gleichstellung von Mann und Frau führt über die Netzwerkarbeit des Bundesverbands der Frau in Business und Management e.V. Zusammen haben sie jetzt die Leitung der Regionalgruppe Aachen übernommen.

Was bringt Sie persönlich in Sachen Gleichberechtigung auf die Palme?

Menzel: Vor einigen Jahren habe ich im Blasorchester gespielt, das bis dahin noch sehr ungeübt war, Frauen aufzunehmen. Da hörte ich: Es ist wirklich schwierig, Frauen aufzunehmen, weil die ja nicht mehr kommen, wenn sie schwanger werden. Mit anderen Worten: Sie sind unzuverlässig. All die Frauen im Orchester, die Kinder hatten, waren aber regelmäßig zur Probe da. Das Klischee hielt sich also, obwohl es durch die Realität nicht bestätigt, sondern sogar widerlegt wurde. Das hat mich – auch im privaten Bereich – schon geärgert.

Claussen: Frauen wird immer wieder unterstellt, dass sie bestimmte technische Dinge nicht verstehen. Sie sind derzeit in den Betrieben immer in den gleichen Bereichen zu finden – in der Buchhaltung, im Personalbereich, in der Kantine und im Sekretariat. In anderen Abteilungen ist es für Frauen nach wie vor schwer, sich durchzusetzen.

Dieses wird sich ändern mit der zunehmende Zahl qualifizierter Bewerberinnen in technischen Berufen. Und es schadet auf keinen Fall, hart im Nehmen zu sein: Eine Controllerin, die ich als Unternehmensberaterin in einem Betrieb kennenlernte, musste sich – wenn auch humorvoll verpackt – eine Unverschämtheit nach der anderen von den Kollegen gefallen lassen, hat diese dann aber auch pariert.

Also verhindern Männer die Gleichberechtigung, oder haben Frauen auch ihren Anteil?

Menzel: Wenn ich von einer stellvertretenden Leiterin in Bezug auf ihren männlichen Chef Sätze höre wie „ich stärke ihm den Rücken“ oder „ich bin zufrieden in der zweite Reihe“, kann ich das tatsächlich nur schwer aushalten. Das sind 50er-Jahre-Floskeln. Zugleich kenne ich viele Männer, die Gleichberechtigung leben. Sie teilen sich die Aufgaben in den Bereichen Haushalt und Familie mit ihrer Partnerin. Trotzdem gehen Männer nach der Elternzeit eben schneller in die Vollzeit-Stelle zurück. Die Frauen bleiben wegen der Kinderbetreuung lange maximal auf einer halbe Stelle.

Gewollt?

Claussen: Sicher, wenn Kinder da sind, brauchen sie Betreuung und Unterstützung. Und viele Mütter haben das innere Bedürfnis, diese Aufgabe zu übernehmen. Aber zumindest gibt es seit der Regelung der Elternzeit für beide Elternteile langsam ein Umdenken in den Betrieben.

Aussagen wie „Frauen fallen wegen Schwangerschaft und Kindererziehung sowieso bald für lange aus“ oder „Mütter sind sowieso nie da, weil die Kinder ständig krank sind“ müssen überdacht werden, weil eben auch Väter Verantwortung für ihre Kinder übernehmen und zum Beispiel das kranke Kind zuhause pflegen.

Menzel: Viele junge Frauen sind bei diesem Thema ganz positiv. Die handeln solche Dinge mit ihren zukünftigen Chefs tatsächlich aus und lassen sich auf Deals ein, zum Beispiel in den ersten zwei Jahren nicht schwanger zu werden. Ob sie sich daran halten, ist eine andere Frage, aber ihre Vorstellung, Kind und Karriere miteinander vereinbaren zu können, ist zumindest positiv. Es gibt aber auch die anderen, die zum Beispiel auf die Promotion verzichten, weil das ihrer Meinung nach nicht mit der Familiengründung zusammenpasst.

Ihr Verein kürzt sich B.F.B.M. ab. Was verbirgt sich dahinter?

Claussen: Das ist der Bundesverband der Frau in Business und Management e.V. Es ist ein bundesweiter Verein mit Regionalgruppen in 19 Städten. Es ist ein Netzwerk für Frauen in Führungspositionen oder auch in Selbstständigkeit, in dem sie sich austauschen können, aber auch bei unseren Themenabenden ihre Tätigkeit vorstellen können.

Menzel: Sie können sich beim B.F.B.M. auch mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen unter einer frauenspezifischen Perspektive. Gerade beschäftigen wir uns mit dem Thema Industrie 4.0 mit zunehmender Digitalisierung. Was bedeutet das für die Branchen, in denen wir tätig sind? Was bedeutet es für die zwischenmenschliche Kommunikation? Was bedeutet es für die Arbeitswelt?

Seit wann gibt es den Verein und wie viele Mitglieder hat er?

Menzel: Er wurde 1992 in Köln gegründet. Dann kamen immer mehr Regionalgruppen hinzu. Claussen: In Aachen gibt es den B.F.B.M. jetzt seit 20 Jahren. Das ist Anlass für uns, in die Zukunft zu schauen. Wir haben derzeit 14 Mitglieder.

Das hört sich überschaubar an.

Claussen: Ja, die Gruppe ist nicht riesig, aber besonders. Unser Ziel ist es, besonders auch jüngere Frauen anzusprechen und wir hoffen, dass uns dies mit unserem Programm auch gelingt.

Menzel: Zumindest – anders als andere Regionalgruppen – können wir in Aachen auf eine durchgehende Existenz schauen. In dieser Idee, Frauen zu fördern, ihnen Weiterbildungs- und Netzwerkmöglichkeiten anzubieten, hat die Gruppe in Aachen überdauert.

Sie sind beide erst relativ kurz Mitglied. Warum sind Sie eingetreten?

Menzel: Ich habe im Rahmen meiner Existenzgründung eine Beratung einer langjährigen Mitgliedsfrau in Anspruch genommen. Sie empfahl mir den Besuch eines Themenabends. Dort lernte ich eine sehr freundliche, kompetente und professionelle Runde von interessanten Frauen kennen, aus dem gleich am ersten Abend ein guter Kontakt zu zwei Frauen entstand, mit denen ich jetzt ein ehrenamtliches Projekt führe.

Das und die interessante Gestaltung des Abends haben mich überzeugt. Ich hatte immer schon eine frauenfördernde Einstellung und sah die beim B.F.B.M. gut aufgehoben. Ich konnte mich sowohl persönlich dadurch weiterentwickeln als auch beruflich, weil ich dort viele Frauen kennengelernt habe, die mich bereichern können oder ich sie.

Claussen: Ich habe vor anderthalb Jahren gezielt Frauennetzwerke gesucht. Beim B.F.B.M. hat mich die Vielfalt der Erfahrungen und Branchen angesprochen. Und die Offenheit, mit der Gespräche geführt werden. Es ist immer ein Dialog, ein Geben und Nehmen von Anregungen.

Werden Sie in Sachen Lobbyarbeit für Frauen auch selbst aktiv?

Claussen: Wir haben kurze Wege. Durch unsere Mitgliedsfrau im Deutschen Frauenrat – dem größten deutschen Lobbyverband für Frauen – und eine weitere, die im Bundesvorstand des B.F.B.M. mitarbeitet, können unsere Ideen Impulse in der Arbeit dieser Institutionen sein.

In Ihrer Satzung legen Sie die Förderung der beruflichen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung und Akzeptanz von Frauen, die in verantwortlichen Positionen im Management und in freien Berufen tätig sind, als oberstes Vereinsziel fest. Sind Frauen in gehobenen Positionen nicht akzeptiert?

Claussen: Da hat sich schon etwas getan. Dadurch, dass langsam mehr Frauen in Leitungspositionen kommen, wird es auch mehr akzeptiert. Aber: Wenn eine Frau eine Gruppe von Männern führt, muss sie sich anders beweisen als ein Mann. Das ist immer noch so, auch wenn es normaler wird.

Menzel: Aber das Thema „Gläserne Decke“ – also die eingeschränkten Aufstiegschancen von Frauen – ist immer noch aktuell. Auch wenn besonders junge Frauen das nicht so sehen, weil sie damit am Anfang ihrer Karriere noch keine Erfahrung gemacht haben.

Hat sich die Frauenquote für das Management von Unternehmen positiv ausgewirkt?

Claussen: Sie ist sicherlich förderlich. Für manche Unternehmen ist die Quote der Grund, mehr Frauen einzustellen. In Firmenpräsentationen ist der Frauenanteil jetzt schon mal eine Folie wert. Die rechtliche Zange wird zum Marketinginstrument umgemünzt. Wenn wir die Quote nicht mehr brauchen, weil wir die Gleichberechtigung leben und des Gesetzes deshalb nicht mehr bedürfen, ist es ein Erfolg.

Welchen Vorteil hat denn ein Frauennetzwerk gegenüber anderen Netzwerken für Frauen? Auch ein Karnevalsverein ist ja ein Netzwerk – in beruflicher Hinsicht sogar ein sehr interessantes.

Menzel: Durch unsere Mitgliedschaft im Deutschen Frauenrat können wir auf sehr hoher politischer Ebene Einfluss auf die politische Haltung zum Beispiel des Frauenministeriums nehmen. Das schafft ein Karnevalsverein nicht.

Claussen: Das ist der politische Ansatz. Aber wir bieten Frauen auch einen Rahmen, unter ihresgleichen sich mit Themen auseinander zu setzen, die ihnen wichtig sind. Und auch neue Talente zu entdecken. Menzel: Nach unseren Treffen habe ich immer ein Gefühl der Euphorie. Ich habe neue Ideen, neue Ansätze, neue Lust auf Projekte und Kontakte. Sie sind impulsgebend, in andere Richtungen zu denken.

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