„Es ist einfach toll, ein Teil dieses CHIO zu sein“

Von: Carolin Kruff
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Den Platz sieht Conny Mütze während des Turniers eher selten: Ihr Tätigkeitsbereich ist hinter den Kulissen des größten Reitturniers der Welt. Sie sagt: „Ich bin kein Mensch, der in der ersten Reihe stehen muss.“ Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wie sieht es eigentlich hinter den Kulissen des CHIO Aachen aus? Eine interessante Frage: Denn während die Besucher in den Stadien den Tag genießen, rotieren viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „backstage“. Eine von ihnen ist Conny Mütze, Prokuristin bei der Aachener Reitturnier GmbH, die den CHIO Aachen vermarktet.

Das Telefon steht bei ihr nie still, die Mails fliegen ununterbrochen ins Postfach, Vertragsinhalte müssen umgesetzt werden, bestehende Wirtschaftspartnerschaften gepflegt werden, neue Sponsoren gefunden werden, und nicht zuletzt verantwortet sie den VIP-Bereich. Pause? Fehlanzeige! Was für andere der reinste Wahnsinn wäre, ist für die 40-Jährige der absolute Traumjob! Für das Weltfest des Pferdesports lebt sie: Nicht nur an den zehn Turniertagen, sondern 365 Tage im Jahr.

Reiter und Pferde übernehmen in den nächsten Tagen das Regiment in Aachen. Ihr Steckenpferd: die Vermarktung des CHIO Aachen. Können Sie bei all der Medienpräsenz, bei Glanz und Glamour damit leben, nicht im Rampenlicht zu stehen?

Mütze: Absolut! Ich bin kein Mensch, der in der ersten Reihe stehen muss. Das wichtigste ist, dass mir meine Aufgabe Spaß macht. Klar denke ich manchmal: Schade, dass ich nicht so viel mitbekomme wie ein Besucher. Aber das wusste ich vorher. Für mich ist es wichtig, dass die CHIO-Besucher eine wunderschöne Zeit bei uns erleben, mich selbst stelle ich da hinten an.

Als Prokuristin tragen Sie eine große Verantwortung: Wir sprechen von einem Gesamtbudget von 14,5 Millionen Euro, das Sie verwalten. Gewöhnt man sich an solch gigantische Zahlen mit der Zeit?

Mütze: Sagen wir es so: Ich habe Respekt vor solch einer Summe. Ich weiß aber auch, wo diese Summe herkommt, diese kommt ja nicht vom Himmel geflogen, sondern muss erwirtschaftet werden. Das kann man nur mit vielen guten Wirtschaftspartnern schaffen.

Dabei setzt der CHIO Aachen nicht nur auf Global Player, sondern auch auf regionale Wirtschaftspartner.

Mütze: Genau dieses Konzept ist erfolgreich und spiegelt zudem das „Gesamtprodukt“ CHIO Aachen wider. Wir setzen auf einen Mix aus internationalen, nationalen und regionalen Partnern, genauso finden sich unter den Besuchern Menschen aus allen Schichten, Altersstufen und Kulturen. Trotz der internationalen Strahlkraft hat der CHIO Aachen seine Wurzeln in der Region. Und gerade diese Vielfalt macht das Turnier ja so spannend, so außergewöhnlich. Ich trage unter anderem dafür Verantwortung, dass sich unsere Partner im Rahmen des Turniers optimal präsentieren können, jeder hat andere Bedürfnisse und Vorstellungen. Klar, der CHIO Aachen ist eine attraktive Marke. Er besitzt viele positive Attribute, das Umfeld und die Gesamtatmosphäre stimmen, zudem ist das Publikum mit Herzblut dabei. Das wissen auch unsere Wirtschaftspartner. Eine Win-win-Situation.

Auch Sie sind Teil des CHIO Aachen und das schon sehr lange. Wie kam es dazu?

Mütze: Das war absoluter Zufall. 1994 habe ich Michael Mronz in Dresden, wo er das 1. ATP Tennisturnier organisiert hat, einfach angesprochen und gesagt, dass ich für seine Agentur arbeiten möchte. Er hat „Ja“ gesagt. In der Folge hat er mich bei verschiedenen Sportveranstaltungen – von Tennis, über Eishockey bis hin zu Beachvolleyball – eingesetzt. 1997 wurde Michael Mronz Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH. Er hat mir dort einen Job für einen begrenzten Zeitraum angeboten. Wenige Wochen später hatte ich eine feste Stelle und Aachen wurde meine neue Heimat.

Mit einem Aushilfsjob hat es angefangen, nun sind Sie Prokuristin. Das klingt wie im Märchen.

Mütze: Natürlich muss man bestimmte Qualifikationen mitbringen, ich habe BWL studiert und liebe Sport. Das sind schon einmal Grundvoraussetzungen, um meinen Job gut zu machen. Prokuristin bin ich seit 2006. Ich besitze sogar noch die Zeitungsseite mit dem Handelsregistereintrag aus diesem Jahr. Ein Geschenk meiner Kollegen.

Apropos Kollegen: Wie wichtig ist eigentlich ein gutes Team, gerade in einer solch intensiven Zeit wie dem CHIO Aachen?

Mütze: Enorm wichtig. Ich habe das Glück, tolle Kollegen zu haben, auf die ich mich jederzeit zu 100 Prozent verlassen kann. Und genauso halte ich es auch: Ich versuche immer, für jeden da zu sein, ein offenes Ohr zu haben, auch wenn es hektisch wird und der Ton rauer.

Rauscht das Turnier eigentlich komplett an Ihnen vorbei?

Mütze: Nein. Ich versuche, jeden Turniertag wenigstens fünf bis zehn Minuten etwas Sport live mitzuerleben und bei dem einen oder anderen Aussteller im CHIO-Village vorbeizuschauen. Pflichtprogramm gibt’s am Sonntag: Rolex Grand Prix Atmosphäre zu spüren ist der Wahnsinn – auch wenn es nur ein paar Minuten sind. Spätestens dann weiß ich, wofür ich das ganze Jahr arbeite!

Möchten Sie in solchen Situationen nicht am liebsten Ihren Bürostuhl gegen ein gemütliches Plätzchen im Hauptstadion tauschen?

Mütze: Dafür bleibt noch genug Zeit, wenn ich in Rente bin. Ich befürchte jedoch, dass ich selbst dann noch mit dem Blick der ehemaligen CHIO-Mitarbeiterin über das Turniergelände flaniere. Wenn man so viele Jahre für etwas arbeitet, ist man automatisch Teil der Sache, das kann man nicht auf Knopfdruck abstellen. Genauso geht’s mir beim CHIO: Ich bin ein Teil von ihm und er ist ein Teil von mir!

Keine Spur von Routine?

Mütze: Ich mag das Wort „Routine“ nicht, genauso wie das Wort „Stress“. Bei einer Veranstaltung wie dem CHIO muss man sich darauf einstellen, dass nicht alles vorbereitet werden kann. Jedes Turnier ist anders und jeder Turniertag ist anders. Hier läuft nichts nach Schema F. Wenn es regnet, ergeben sich andere Probleme als bei großer Hitze. Viele Sachen kann man trotz guter Vorbereitung nicht beeinflussen. Es ist wichtig, nicht auf der Stelle stehenzubleiben, sondern sich immer weiterzuentwickeln.

Welche Eigenschaft ist unverzichtbar in Ihrer Position?

Mütze: Ich muss den Durchblick und den Überblick behalten, das große Ganze sehen. Das schafft man nicht als Einzelkämpfer, sondern nur in einem Team, das sehr erfahren und engagiert ist. Außerdem habe ich immer Zettel und Stift dabei, damit ich nichts vergesse.

Eine Ruhe-Oase während der Turniertage: Gibt es die?

Mütze: Ja, wenn ich mich für zehn Minuten in das Büro meines Chefs verziehe. Da stört niemand!

Und wahrscheinlich in den eigenen vier Wänden. . .

Mütze: Ja, aber meine Wohnung bekomme ich in der Zeit kaum zu Gesicht. Die Abnutzung des Fußbodens beschränkt sich während der Turniertage auf den Bereich Eingangstür – Bad – Bett und zurück.

Trotz allem ein Traumjob?

Mütze: Definitiv. Es ist toll, Teil des CHIO zu sein. Das macht die Faszination dieses Turniers aus: Hier treffen sich so viele verschiedene Menschen an einem Ort: Sportler, mehr als 350 000 Zuschauer, feste Mitarbeiter und 1200 ehrenamtliche Mitarbeiter, Aussteller. Das gibt’s nur einmal. Für Aachen ist der CHIO eine ganz wichtige Veranstaltung – als Aufmerksamkeitsgarant mit einer wahnsinnig positiven Ausstrahlung, aber auch als Wirtschaftsfaktor.

Sitzen Sie eigentlich selbst ab und zu im Sattel?

Mütze: Nein, bevor ich beim CHIO angefangen habe, hatte ich nichts mit Pferden am Hut. Ponyreiten als Kind war das höchste der Gefühle. Allerdings habe ich höchsten Respekt vor Pferden. Meine Kollegen haben mir zwar irgendwann einmal Reitstunden geschenkt, diese habe ich aber bis heute nicht eingelöst.

In etwas mehr als einer Woche werden Sie im Hauptstadion stehen und zum Abschied der Nationen mit einem weißen Taschentuch winken. Was geht dann in Ihnen vor?

Mütze: Das ist die reinste Katastrophe! Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, und mittlerweile ist im Team bekannt, dass ich bei dieser Abschiedszeremonie gnadenlos heule. Da ist zum einen die Freude, dass man es geschafft hat, zum anderen eine Schwermut, dass nun alles vorbei ist. Zudem fällt eine enorme Last von den Schultern. Ein unbeschreiblicher Moment, den man selbst erlebt haben muss!

Und der Tag danach?

Mütze: Das Turnier ist dann zwar zu Ende, den Stift können wir jedoch nicht fallen lassen, der Urlaub muss noch warten. Nach zwei bis drei Tagen falle ich erst einmal in ein körperliches und mentales Loch, das erste freie Wochenende habe ich ein unbändiges Bedürfnis zu schlafen. Dann liege ich zwei Tage komplett im Bett.

Und träumen vielleicht von Ihren schönsten CHIO-Erlebnissen. Gibt es einen Moment, den Sie nie vergessen werden?

Mütze: Ja, obwohl dieser sich nicht beim CHIO Aachen, sondern bei den Weltreiterspielen 2006 in Aachen ereignet hat, ein hochemotionaler Moment: erste Woche Dressur, ausverkauftes Stadion, Kür unter Flutlicht – man hätte eine Stecknadel fallen hören. Das war Gänsehaut pur!

Und welches war das verrückteste Erlebnis?

Mütze: Das war im Jahr 2000: Es regnete in Strömen und wir haben ernsthaft überlegt, die Eröffnungsfeier zu verschieben. Das Publikum allerdings klatschte im Rhythmus und forderte auf Teufel komm raus „seine“ Eröffnungsfeier ein. Das war der Wahnsinn!

Am Sonntag steht die deutsche DFB-Elf gegen Argentinien im Finale, nächste Woche werden die Gewinner beim CHIO Aachen ermittelt. Ihre Prognosen?

Mütze: Schade, dass die niederländische Elf es nicht ins Finale geschafft hat! Dann hätten wir am Sonntag mit CHIO-Turnierdirektor Frank Kemperman, der ja Niederländer ist, einen lustigen Abend gehabt. Frank, ich hoffe, ich kann dich trotzdem davon überzeugen, die Daumen für Deutschland zu drücken! Nächste Woche wird es dann in Aachen ganz viele Sieger geben, die Besten werden gewinnen und ich werde es denjenigen von ganzem Herzen gönnen!

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