Es gibt auch gute Nachrichten von den Philippinen

Von: Manfred Kutsch
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Drei Wochen vor dem „Haiyan“ im Taifun-Risikogebiet der Provinz Albay: Arman (vorne) und Kshelou trainieren mit ihren 285 Mitschülern auf dem Schulhof eine Evakuierung, halten sich zum Schutz ein aufgeklapptes Schulbuch über den Kopf. Vor dem Super-Taifun wurden sie tatsächlich evakuiert – ins Land hinein. Alle blieben unbeschadet. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Auch hier, an der Elemantary Binitayan-School, wurde schon vor dem „Haiyan“ das Überleben geübt - in diesem Fall mit Erster Hilfe.
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„Alarm, Alarm! Alle raus“ Schuldirektor Ramil Napa Briones ordnet die Evakuierung an.

Legaspi/Aachen. Es gibt auch gute Nachrichten von den Philippinen. Trisha (9), Dranica (11), Arman (10), Kshelou (9) und Angelique (13) haben überlebt. Wir sind ihnen Mitte Oktober begegnet: mit aufgeklappten Büchern über den Köpfen bei einer Katastrophenschutzübung auf ihrem Schulhof, rund drei Wochen vor dem „Haiyan“.

Aufatmen: Die Kinder und deren Familien wurden rechtzeitig evakuiert und konnten inzwischen in ihr Heimatdorf Bandanero zurückkehren.

Trisha, Dranica, Arman und die anderen erzählen die Geschichte der Menschen, die von „Haiyan“ im Osten der Philippinen nur gnädig gestreift wurde. Hier, in der Region von Legaspi, der schmucklosen Hauptstadt der Provinz Albay, nur 300 Kilometer nördlich vom völlig zerstörten Tacloban. Meterhohe Wellen brachen über die Hafenrampe, etliche Häuser wurden zerstört, aber niemand kam ums Leben – diesmal ein Nebenschauplatz des Super-Taifuns. Aber das nächste Mal?

Die bange Frage bewegte die Menschen bereits lange vor der großen Katastrophe in ihrem Alltag. Das war deutlich spürbar bei unserem Aufenthalt im Oktober in der Risiko-Region. Die jahrelangen Vorboten von „Haiyan“ hatten das Kinderhilfswerk Unicef veranlasst, vorbeugende Katastrophenschutzprogramme an den Schulen im besonders gefährdeten Osten der Philippinen zu unterstützen.

Ob in Legaspi oder ein Stück weiter südlich im heute völlig zerstörten Tacloban: Anzahl und Heftigkeit der Taifune, Überschwemmungen, Erdrutsche und Erdbeben hatten in den vergangenen Jahren alarmierend zugenommen. Auch die Ausbrüche des Vulkans Mayon in der Provinz Albay waren unberechenbarer geworden. Erst im Mai wurden drei deutsche Wanderer und ihr Reisebegleiter Opfer plötzlich ausbrechender Lava, deren Brocken so groß wie Kleinwagen waren.

„Die Gefahren hier schweben wie ein Damoklesschwert über uns, wir müssen immer auf alles vorbereitet sein“, sagt uns Schuldezernent Bibiano Santillay wörtlich wenige Wochen vor dem „Haiyan“. Schon da wird „Katastrophenschutz täglich eine Stunde unterrichtet“, berichtet Santillay. So lernen wir Arman, Trisha und die anderen kennen. Sie gehören zu den 285 Kindern, die bei unserem Besuch ihrer Grundschule dem Warnruf ihres Direktors durchs Megaphon folgen und im Spiel Schutz vor Naturgewalten wie „Haiyan“ üben.

„Alarm! Alle raus!“

„Alarm. Alle raus“, knarzt und pfeift das Kommando von Direktor Ramil Napa Briones (46) bei tropischer Mittagshitze übers Gelände. Aus allen Himmelsrichtungen laufen die Mädchen und Jungen nebst Schulbuch-Kopfschutz aus den Klassenzimmern, versammeln sich in der Hocke auf dem Schulhof. Dann warten sie auf das nächste Kommando: „Wir müssen über Wasser!“ Prompt hangeln sich die Schüler an einem Seil über imaginäre Fluten, zu denen es in dieser Schule regelmäßig kommt - sie liegt am Hang.

Manche Kinder lachen. Doch das täuscht. Nach dem Überlebenstraining sitzen wir noch längere Zeit mit ihnen zusammen und fragen nach ihren Ängsten. „Natürlich habe ich Angst, wenn wieder ein Taifun kommt, der grollt so laut“, sagt Arman. Aber niemand kann sich vorstellen, jemals die so gefährdete Heimat zu verlassen: „Mein Papa ist hier Fischer, davon lebt die ganze Familie“, sagt Arman, der drei Geschwister hat. Trisha schüttelt ihren Kopf: „Ich könnte doch niemals ohne meine Freundinnen leben, außerdem lernen wir doch alle, wie wir uns schützen.“ Dranica meint: „Ich kann hier nicht weg, ich bin doch hier geboren.“ Kshelou denkt ganz pragmatisch: „Ich wohne nahe an der Schule.“ Angelique will auch nicht weg, gibt aber zu: „Wenn ein Taifun kommt, dann bete ich viel, weil ich so große Angst habe.“

Abseits von den Kindern beschreibt Lehrerin Salome Hendresas, gleichzeitig Mitglied im Dorfkomitee von Bandanero, das Lebensgefühl der bedrohten Menschen, ohne zu diesem Zeitpunkt ahnen zu können, was das Land am 8. November noch auszuhalten haben wird: „Wir sind eigentlich permanent in Anspannung, schon zweimal musste unser Dorf evakuiert werden.“ Inzwischen dreimal.

„Im Schnitt fallen 30 Schultage im Jahr aus, weil die Kinder wegen Taifunen, aber auch Erdbeben, zu Hause bleiben müssen“, sagt Macris A. Binas, Direktor der Elemantary School von Binitayan (889 Schülerinnen und Schüler). Längst hat man auch in Binitayan mit Hilfe von Unicef die Konsequenzen zum vorbeugenden Schutz der Kinder gezogen.

Comics bringen Gefahren näher

Wir werden abermals Zeugen einer Übung, diesmal der Ersten Hilfe. Sichtlich konzentriert und ernsthaft gehen die Mädchen und Jungen mit der gespielten Notsituation um, verbinden Kopfverletzungen, tragen Verwundete auf einer Bahre davon, üben ihre Kommandos für den Abtransport: „Ready?“ „Yes“. „Let‘s go.“ Welchen praktischen Wert ein solches Sicherheitstraining im wirklichen Notfall auch haben mag: „Wichtig ist, dass die Kinder im Bewusstsein der Gefahren leben und Sicherheit im Umgang damit gewinnen“, sagt Direktor Binas.

An allen 464 Grundschulen der Provinz Albay verfügen die Lehrer über ein 172 Seiten starkes Handbuch zur Risikovorbeugung. Für die Schülerinnen und Schüler ist das mit Comicfiguren gestaltete Buch „Disaster Preparedness“ (Katstrophen-Vorbeugung) Pflichtlektüre. Eine pädagogische Herausforderung, Kindern das alltägliche Spannungsfeld der Naturkräfte angstfrei zu vermitteln. Im Vorwort des Katastrophen-Schulbuches heißt es ganz schlicht: „Wir haben immer geglaubt, dass die Zukunft in Kinderhand liegt. Und in der Tat, Kinder haben die Kraft, die Welt zu einem besseren Platz zu machen. Das machen wir damit möglich, dass wir uns auf Zeiten von Unglücken vorbereiten. Dieses Buch wird dich lehren, sicher zu sein – vor, während und nach einer Katastrophe.“

Den Kindern von Bandanero und Binitayan dürften die Informationen und Ermunterungen des Buches bei ihrer „Haiyan“-Evakuierung Sicherheit gegeben haben. Comicbilder zeigen mit Smilies Gefahren- und Schutzbilder, etwa beim Erdbeben unter dem Tisch hockend. Die Zeichnungen lassen Taifune pusten, Vulkane ausspeien – und sie lassen vor allem die Kinder damit nicht alleine. In einem sich auf Englisch reimenden Liedtext von Supermann „Wonder Bert“, der gerade über das schauerliche Wolkengebilde eines Tropensturms fliegt, heißt es warnend: „Bei starkem Wind, starkem Regen darfst du nicht draußen bleiben, bitte bleibe im Haus.“

Gilbert (8), Mae Marana (7), Janelle (9), Trixie (8) und alle anderen sind fasziniert vom Lernspiel mit der Wirklichkeit: „Wir kennen auch die Gründe der Umweltprobleme“, sagt Janelle stolz. Und berichtet im Unterricht über Ursachen des Klimawandels: „Wir dürfen keinen Müll wegwerfen. Wir dürfen keine Bäume fällen.“ Gilbert steht auf und sagt: „Wir dürfen keinen Müll verbrennen.“ Jetzt schlägt Trixies große Stunde: „Wir müssen Müll trennen, Pflanzen können Müll zum Teil gut gebrauchen.“ Mae Marana legt noch einen drauf: „Bäumefäller muss man der Polizei melden.“ Bei jeder Antwort klatscht die Klasse, jede ist richtig. Das Quartett strahlt mit Blick auf die fremden Gäste aus Europa etwas verlegen.

Es gibt weitere gute Nachrichten von den Philippinen. Auch Gilbert, Mae Marana, Janelle und Trixie sind unversehrt geblieben. Aber auch für sie wird das Lebensgefühl nach „Haiyan“ ein anderes sein.

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