Erzieherinnenstreik: Rotkäppchen überschreiten Schmerzgrenze

Von: Thorsten Karbach
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Protest mit Pfiff: 700 Erzieherinnen und Erzieher sind mit Trillerpfeifen auf die Straße gegangen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Wütend geht Ulrike Timmers auf den Markt. Die Schmerzgrenze hat sie längst überschritten. „Die haben wir alle hier schon lange überschritten”, sagt sie. Alle, das sind mehr als 700 Erzieherinnen und Erzieher, die durch die Innenstadt ziehen und für einen tariflich geregelten Gesundheitsschutz und mehr Personal in den Kindertagesstätten demonstrieren.

Dafür bleiben an diesem Tag 48 von 58 städtischen Kitas geschlossen.

Timmers ist Leiterin der Kindertagesstätte Franz-Wallraff-Straße. Sie erzählt von der Belastung ihrer Mitarbeiter, von den Kollegen, die ausfallen, weil aus Belastung Überlastung wurde. „Dabei haben die Kinder ein Recht darauf, dass wir mit 150 Prozent für sie da sind”, sagt sie.

Dann bläst sie in eine Trillerpfeife und stimmt in den Chor des Protestes ein, der ein Klagelied singt. „Gesundheit ist für uns kein Witz”, lautet ein Vers. Wäre das Thema nicht so ernst, würde man betonen, wie gut sich der Gesang anhört. Musikalische Früherziehung gehört an Kindertagesstätten eben zum Alltag - das merkt man.

Mehr Kinder, jüngere Kinder

75 Kinder besuchen die Kita Franz-Wallraff-Straße. 16 von ihnen sind unter drei Jahre. Dafür hat Timmers zwölf Stellen. „Irgendwann ist die Arbeit körperlich nicht mehr zu leisten”, sagt sie.

Timmers ist schon lange im Geschäft, hat die Entwicklung in den Kitas verfolgt und häufig gewarnt: immer mehr Kinder, immer jüngere Kinder, immer längere Öffnungszeiten, mehr Elterngespräche, Bildungsarbeit und, und, und. „Dabei lieben die Kolleginnen ihren Job”, sagt sie.

Das ändert aber nichts an der Situation. 89,9 Prozent haben sich bei einer Urabstimmung für Arbeitskampf ausgesprochen. 700 aus Aachen, Stolberg, Düren und Eschweiler sind dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi auf die Straße gefolgt, dafür bleiben neben den 48 Aachener Einrichtungen auch 10 in Düren, 10 in Eschweiler und 19 in Stolberg geschlossen.

Die Stadt Aachen hat immerhin zehn „Not-Kitas” offen halten können. Dort ist dafür mehr denn je los. Dutzende Kinder mussten untergebracht werden, mehr als 300 Eltern haben sich telefonisch bei der Stadt gemeldet und vor allem ihrem Ärger über die geschlossenen Einrichtungen Luft gemacht.

„Viele waren erbost, wollten sogar ihre Kita-Gebühren zurückfordern”, berichtet Björn Gürtler vom städtischen Presseamt. Der Ärger unter den Eltern ist gewaltig. Gürtler sagt aber auch: „Wir konnten gottseidank alle Kinder in den Einrichtungen unterbringen.”

Die mehr als 700 Erzieher und Erzieherinnen haben an diesem Tag andere Sorgen - um ihre Gesundheit und damit ihre Zukunft. Auf einem Plakat steht „Nur gesundes Personal kann gute Arbeit leisten”.

Sie tragen die roten Mützen der Gewerkschaft, Plakate und Fahnen. Die Rotkäppchen sind nicht zu übersehen - und um diese Aufmerksamkeit geht es ihnen. Auch in der nächsten Woche.

Der Streik wird Montag und Dienstag auch in Aachen fortgesetzt, wobei weiterhin zehn Kitas offen bleiben. Diesmal könnten laut Stadt Aachen aber auch die Sozial- und Erziehungsdienste, wie die Jugendberufshilfe, der allgemeine Sozialdienst oder die Betreuungsangebote im Bereich der Offenen Ganztagsschulen betroffen sein.

Zur Betreuung von Kindern, bei denen die Erziehungsberechtigten keinerlei Alternativen finden, stehen wieder nur wenige Betreuungsplätze zur Verfügung (Infos unter Telefon 0241/432-0).

Die können auch nur für Kinder von drei bis sechs Jahren angeboten werden. „Wenn wir weiter machen, wird sich das aber auch ändern”, kündigt Corinna Groß von Verdi schon an.
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