Erzieher fürchten: Arbeit macht uns krank

Von: Joachim Rubner
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Knapp 90 Erzieherinnen und Erzieher beteiligten sich am Warnstreik der Gewerkschaft Verdi. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Der Anlass ist ernst, doch die Stimmung heiter und gelöst. Mehr als 60 Erzieherinnen und Erzieher aus acht städtischen Kindertagesstätten haben sich am Mittwoch bereits kurz vor neun Uhr im Verdi-Haus in der Harscampstraße 20 versammelt.

Kaffee und belegte Brötchen warten auf die Neuankömmlinge, man begrüßt sich freundlich, spricht nette Worte miteinander. Klar, die meisten Teilnehmer am Warnstreik der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in städtischen Kindertageseinrichtungen kennen sich seit langem.

Immer neue Streikende kommen, und der große Saal im Verdi-Haus, der zum „Streiklokal” mutiert ist, ist bald vollbesetzt. Trotz aller Smalltalks, die Transparente an den Wänden sprechen eine deutliche Sprache: „Es ist Zeit, sich zu wehren”, steht an der Längswand zu lesen, und vielerorts sind auch knallrote Schilder aufgehängt: „Warnstreik” leuchtet es den Betrachtern entgegen.

Dann ergreift Viktor Petje das Wort: „Unabhängig von den Verhandlungen über den Lohn gibt es die Forderung von Verdi nach Verhandlungen über einen Tarifvertrag zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Krankmachende Arbeitsbedingungen müssen abgeschafft werden. Angesichts der ständig wachsenden psychischen und physischen Belastungen ist dieser Tarifvertrag aus unserer Sicht unabdingbar.” Es folgen Worte über den sehr belastenden Lärm und über die immer dünner werdende Personaldecke. „Die hohe Arbeitslosigkeit und die steigende Zahl von Geringverdienern, zunehmende Kinderarmut und Perspektivlosigkeit von Jugendlichen und sich verändernde Familienstrukturen machen soziale Arbeit immer wichtiger”, sagt Petje und findet Zustimmung bei allen Zuhörern.

Eine gestandene Erzieherin des Kindergartens in der Brander Franz-Wallraff-Straße drückt es drastischer aus: „Die Arbeit wird immer mehr und die Kinder immer jünger. Mittlerweile haben wir 16 Kinder in zwei Gruppen unter drei Jahren, die eine enorme Pflege benötigen. Alleine Wickeln fällt bei uns rund 50 Mal am Tag an und bindet damit mindestens eine Kollegin. Zudem wird der Krankenstand durch Überlastung ständig höher. Wir arbeiten an der Belastungsgrenze und manchmal darüber hinaus”, sagt Ulrike Timmers und unterstützt mit ganzer Kraft die Verdi-Forderung.

„Mit ganzer Kraft” machen auch Mitarbeiter von Lindt und Sprüngli wenig später auf sich aufmerksam. In der Henricistraße unweit des Bendplatzes ist bei dem Schokoladenhersteller ein Warnstreik angesagt. Rund 350 Mitarbeiter sind hier der Aufforderung der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) gefolgt und ziehen kurz nach 12 Uhr auf den Parkplatz des Unternehmens. Sie haben Transparente dabei, die üblichen Trillerpfeifen und natürlich die Streikwesten aus Plastik.

„2,1 Prozent - das ist ein Hohn, wir wollen alle gerechten Lohn” und ähnliche Sprüche machen Front gegen das Angebot des Arbeitgeberverbandes. Peter Mogga von der NGG sieht die große Zahl der Warnstreikenden und freut sich. Per Megaphon bringt er das zum Ausdruck: „Dass so viele gekommen sind und in der Produktion die Arbeit ruht, ist ein starkes Signal und ein hervorragendes Ergebnis für den ersten Test.” Rund zehn Minuten spricht der Gewerkschaftssekretär über Lohndumping, gerechtes Entgelt und die aus seiner Sicht sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich - und findet viel Beifall für seine Worte.

Gleiches gilt für die Betriebsratsvorsitzende Regina Dremmen und weitere Redner, die auf einer Lohnerhöhung von sieben Prozent beharren. Mit einem Demonstrationszug über die Roermonder Straße tun sie ihr Anliegen auch vielen Autofahrern kund, ehe auch auf sie ein „Leckerchen” wartet: Die NGG hat italienisches Eis geordert...
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