Ersti-Rallye: Winter-Party mit weniger Teilnehmern

Von: Stefan Herrmann und Jessica Jumpertz
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Gaudi garantiert: Lustige Spielchen gehören zur Erstsemester-Rallye dazu wie die Bierdose in die Hand zahlreicher Studenten. Den Start ins Uni-Leben feierten am Mittwoch Tausende rund um die RWTH. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der Talbotparkplatz direkt hinter dem RWTH-Hauptgebäude, 11.30 Uhr, leichter Schneeregen bei frostigen 3 Grad Celsius: Emre scheint davon nichts zu bemerken. Das Adrenalin pumpt durch seine Adern, die Anfeuerungsrufe seiner Mitstreiter schallen noch leise nach. Emre ist einer von rund 7000 Erstsemestern an der RWTH Aachen.

Und ein richtiger „Ersti“ – und dazu zählt Emre ganz offensichtlich – ist hart im Nehmen. Denn die traditionelle Erstsemester-Rallye bricht mit ihrer 2015er-Auflage wohl alle bisherigen Kälte-Rekorde. Wie passend, dass sich gleich mehrere Stationen ganz dem Thema Winter widmen. Emre stört das nicht. Er hat die Sonne im Herzen und stürzt sich mit nackten Füßen über eisigen Grund ins Getümmel. Aber dazu später mehr.

Ein paar hundert Meter entfernt beobachtet derweil ein Schneemann am SuperC die Studenten dabei, wie sie über ein brüchiges Eisschollenfeld balancieren. Erst nach einer langen Nachtschicht war klar, dass die Elektrotechniker das aufwendige Spielfeld, das aus Tausenden Leuchtdioden besteht, zur Rallye fertigbekommen würden. Eine wahre Punktlandung. Die gibt‘s auch gleich um die Ecke mitten auf dem Templergraben – wenn auch etwas ungewollt. Ein Maschinenbaustudenten-Trio ist kläglich dabei gescheitert, im Gleichschritt auf drei Skiern den Langlauf-Parcours zu meistern.

Höhnischer Kommentar der Kommilitonen zum Ausrutscher: „Wir hatten ja E-Techniker, die waren schneller als ihr!“ Schnell auf dem Boden der Tatsachen landet unterdessen ein Student im Pinguinkostüm, der beim (elektronischen) Bullen-Reiten vor dem Kàrmàn mächtig ins Schleudern gerät. Nebenan steht eine Studententraube mit roten Zipfelmützen auf den Köpfen. Is‘ denn heut scho‘ Weihnachten? Fast mag man es meinen.

Doch Bierdosen statt gebrannter Mandeln und lautes Gegröle statt Glühwein bei beschaulichen Klängen holen den Betrachter dann doch ruckzuck in die Realität zurück: Tausende Erstis erobern Aachen. Allerdings: Aufgrund der bescheidenen Witterung sind es deutlich weniger als in den Vorjahren. Die Organisatoren schätzen die Zahl der Teilnehmer am späten Nachmittag auf etwa 3500.

Immer schneller, weiter, höher. Das Motto, das in weiten Teilen auch für den wissenschaftlichen Fortschritt steht, hatte vor einigen Jahren zu eher unerfreulichen Auswüchsen bei der Öcher Erstsemester-Rallye geführt. Saufgelage am hellichten Tag rund um Dom und Rathaus sorgten für jede Menge Ärger und Kopfschütteln. Der so genannte Elite-Nachwuchs zeigte dabei oftmals eher seine dunklen, sprich peinlichen Seiten zum Start des Studiums.

Daher fahren Studenten und Fachschaften seit vergangenem Jahr gemeinsam mit der Hochschule ein neues Konzept – und es scheint sich zu bewähren. Die Stadtrallye als zentraler Teil der Einführungswoche ist dadurch zwar zu großen Teilen zu einer Uni-Rallye geschrumpft. Dem Spaß tut das Ganze offenbar aber keinen Abbruch.

„Wir haben etwa 150 Stationen aufgebaut, das Ganze aber größtenteils aus der City herausgezogen“, erklärt Sarah Völkel vom zentralen Erstsemester-Arbeitsteam (ESA). 17 Fachschaften beteiligen sich, es gibt Live-Musik, jede Menge Programm und sogar die „Sendung mit der Maus“ ist in Aachen am Start. „Unsere Herausforderung als Organisatoren lautet vor allem, alle unter einen Hut zu bringen“, ergänzt Laura Witzenhausen.

Die Stadt war von Beginn an mit im Boot und auch die Anwohner rund um die RWTH-Bauten sind frühzeitig informiert worden, wann und in welcher Form die Rallye an den Start geht. Am Nachmittag ziehen RWTH, Ordnungsamt, Polizei und Feuerwehr ein positives Fazit. Die Erstis feiern friedlich, fröhlich... und mit (größtenteils) promillearmem Alkohol in Plastikflaschen und Dosen. Glas ist bei der Erstsemester-Rallye nämlich tabu.

Zurück zu Emre. Der, verrät er, sei heute inkognito unterwegs – schwarze Kampfbemalung im Gesicht, die an einen amerikanischen Footballspieler erinnert. Beim so genannten „Bungee Run“ gibt Emre alles. Und warum das Ganze mit nackten Füßen bei 3 Grad? „Das ist die absolute Ausnahme“, lacht er. „Ansonsten laufe ich nur in Jackett und Lackschuhen herum“, versichert der Kölner, der nun in Aachen Wirtschaftsingenieur studiert. Elite halt. Ein bisschen „die Sau raus lassen“ gehört dann aber doch zur Ersti-Rallye – 2015 jedoch sichtbar im akademisch anerkannten Rahmen. Klar ist aber auch: Nur mit Bullenreiten und Bierdosen hat noch niemand seinen Uniabschluss geschaffft. Daher zählt auch für die Erstis bald vor allem eins: büffeln.

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