Aachen - Erst Soldat, dann Aktivist auf Solar-Mission

Erst Soldat, dann Aktivist auf Solar-Mission

Von: Amien Idries
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Er liebt die Natur: Wolf von Fabeck in der Evangelischen Stadtakademie Aachen, in der sich auch das Büro des Solarenergie-Fördervereins befindet. Foto: Harald Krömer

Aachen. Reizen sollte man Wolf von Fabeck nicht. Der 80-Jährige ist zwar ein ausgesprochen freundlicher Zeitgenosse, wenn es aber um sein Herzensthema – die Ökologie – geht, dann kennt er kein Pardon.

Vor allem nicht, wenn er in seiner Ehre als Wissenschaftler gekränkt wird. Wer weiß, ob der 80-Jährige heute einen eigenen Wikipedia-Eintrag hätte (er wird dort als Solaraktivist geführt), wenn er damals nicht diesen unverschämten Brief vom Deutschen Hydrografischen Institut (DHI) erhalten hätte. 1984 war das.

Fabeck lebt zu jener Zeit als Bundeswehr-Dozent in Aachen und macht Urlaub auf der ostfriesischen Insel Baltrum. Dort entdeckt er eines Morgens, dass viele Pflanzen über Nacht faulig und schmierig geworden sind, offenbar verätzt vom Nordwestwind. Fabeck analysiert Regen und Tautropfen und stellt erhöhte Chlorwerte fest. Auch nach seiner Abreise führt er die Untersuchungen weiter; zwei Inselbewohnerinnen nehmen Proben und schicken sie nach Aachen. Nachdem er die Routen von Spezialschiffen abgeglichen hat, steht für Fabeck fest, dass die Ursache für das seltsame Phänomen die Verbrennung chlorierter Kohlenwasserstoffe auf der Nordsee ist. Er teilt seine Erkenntnisse dem zuständigen DHI mit und erhält eben jenen Brief. Laienhaft und unbrauchbar sei seine Methodik, steht da. Die Verbrennung sei vollkommen ungefährlich, steht da auch noch. Das habe eine Studie ergeben, die das DHI freundlicherweise direkt mitschickt.

„Öko“ als Schimpfwort

„Die haben mich regelrecht abgebügelt. Da war mein Zorn geweckt“, sagt Fabeck heute. Er kämpft sich mit seinem Schulenglisch durch die englischsprachige Studie und stellt fest, dass den Experten ein Rechenfehler unterlaufen ist. Er kontaktiert – betont freundlich – erneut das DHI und wird nach Hamburg eingeladen, wo er seine Ergebnisse vorstellt. Anderthalb Jahre später wird die Verbrennung verboten. „Darauf bin ich heute noch stolz“, sagt Fabeck und man merkt ihm die Freude des Davids an, der Goliath in die Knie gezwungen hat.

Das Baltrumerlebnis markiert den Beginn der zweiten Karriere Fabecks, der zum damaligen Zeitpunkt knapp drei Jahrzehnte als Soldat und Hochschuldozent bei der Bundeswehr verbracht hatte. Er arbeitet sich in die Ökologie-Thematik ein, hält Vorträge zum Waldsterben und nach dem 1986er GAU von Tschernobyl auch zur atomaren Bedrohung. Dies wohlgemerkt noch als Offizier und zu einer Zeit, als „Öko“ für viele noch ein Schimpfwort ist. Eine Zeit, in der selbst Menschen, die sich für Umweltschutz interessieren, Vorbehalte gegen die neue ökologische Bewegung haben. So auch Fabeck.

„Wegen der Baltrumgeschichte knüpfte ich Kontakte zu allen möglichen Fachleuten“, berichtet Fabeck. Einer dieser Experten lädt ihn zu sich ein. Man redet über Umweltverschmutzung und versteht sich sehr gut. Dann berichtet der Gesprächspartner davon, dass er sich bei dieser neuen Ökopartei, den Grünen, engagiert. Für Fabeck ein regelrechter Schock: „Wenn ich das vorher gewusst hätte, ich wäre nicht hingefahren.“ Mit den Grünen, die erst seit ein paar Jahren existieren, redet man damals nicht.

Recht bald gehört Fabeck selbst zu der misstrauisch beäugten Schar der „Öko-Spinner“. Erst recht, als er sich das erste Solarmodul kauft. „Meine Frau sagte damals zu mir: ‚Deine Vorträge gegen Atom- und Kohleenergie sind gut, aber schau Dir mal die Gesichter der Leute an, wenn Du fertig bist. Du musst ihnen eine Alternative aufzeigen.‘“ Fabeck investiert Mitte der 80er Jahre also 400 D-Mark in ein Solarmodul und schließt einfach mal die Küchenmaschine seiner Frau an. Für Schlagsahne reicht es nicht, aber sie dreht sich. Da machte es Klick bei ihm: „Mir wurde klar, wie wichtig es ist, nicht nur mit Argumenten zu überzeugen, sondern die Menschen emotional zu packen.“

Mehr Module sollten her, um den Menschen die Solarenergie nahezubringen. Zwölf Stück mussten es nach Fabecks Berechnungen sein, was die Haushaltskasse der Familie überstrapaziert hätte. Der befreundete Pfarrer Ernst Toenges schlägt die Gründung eines Vereins vor: die Geburtsstunde des Solarenergie-Fördervereins Aachen. Die Geschäftsführung übernimmt Fabeck, der 1986, nur wenige Monate vor Vereinsgründung, aus der Bundeswehr ausgeschieden ist, um sich mehr dem Umweltschutz zu widmen.

Vorführungen in der DDR

Mit den so finanzierten Solarmodulen ziehen Fabeck und seine Mitstreiter dann durch die Repu-blik, um die Kraft der Solarenergie zu demonstrieren; teils mit verblüffenden Erlebnissen. So etwa in einem 80er-Jahre-Dezember in der Aachener Innenstadt. Die Solaraktivisten demonstrieren am kürzesten Tag des Jahres, dass die Solarenergie auch bei geringer direkter Sonneneinstrahlung Elektrizität erzeugt. „Es war bedeckt und nieselte sogar etwas, trotzdem lief die mit Solarenergie angetriebene Stichsäge noch“, erzählt Fabeck. In der Fußgängerzone interessiert das aber offenbar niemanden. Fabeck spricht Passanten an, ob sie das denn nicht faszinierend finden. Die Antwort: „Ihr habt da doch eine Batterie versteckt, wir lassen uns nicht zum Narren halten.“

Schub bekommt der Verein nach der Wende. Ein ZDF-Politmagazin begleitet Fabeck bei seinen Solarvorführungen in der damaligen DDR. „Nach der Ausstrahlung bekamen wir säckeweise Post“, sagt Fabeck. Der Verein zieht in ein eigenes Büro, und die Mitgliederzahl wächst.

„Heftige“ Energiesteuer gefordert

Historisches erreichen die Solaraktivisten dann 1994. Mit dem sogenannten Aachener Modell wird auf kommunaler Ebene der Grundgedanke der kostendeckenden Einspeisevergütung für Solar- und Windenergie etabliert, der im Jahr 2000 auch Eingang ins Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) findet. „Wir hatten uns bereits Ende der 80er Jahre mit dieser Idee an das Bundeswirtschaftsministerium gewandt, das aber noch nicht einmal reagierte“, erzählt Fabeck. Dann sei man auf kommunaler Ebene aktiv geworden und habe hiesige Politiker kontaktiert. Das Ergebnis ist ein fast einstimmiger Ratsbeschluss aus dem Jahr 1992 zur Einführung einer Vergütung von Solar- und Windstrom; nur die FDP stimmt dagegen. Das Kuriose: Die Stawag weigert sich, den Beschluss umzusetzen. Erst 1994 wird nach personellen Veränderungen bei der Stawag die Vergütung eingeführt.

„Wie bei vielen unserer Ideen haben auch hier viele am Anfang gesagt: ‚Das ist Unsinn. Das bekommt ihr nie hin‘“, erinnert sich Fabeck. Zum Schluss habe man sich aber durchgesetzt. So wie bei dem grundsätzlichen Ziel des Vereins: 100 Prozent Erneuerbare Energien, die vollständige Energiewende. Vor einem Jahrzehnt noch eines dieser „Spinnerprojekte“, inzwischen breiter politischer Konsens.

Das politische Lebensziel also erreicht, Herr von Fabeck? Von wegen. „Es geht alles viel zu langsam“, sagt er. Das EEG sei durch verschiedene Reformschritte regelrecht verkrüppelt worden. Im Kampf gegen den Klimawandel bewege sich kaum etwas. Selbst das Zwei-Grad-Ziel werde seiner Meinung nach zu wenig sein, um den Klimawandel rechtzeitig zu stoppen. „Das ist ein politischer Kompromiss. Mit der Natur kann man aber keine Kompromisse schließen“, sagt Fabeck, der bei seinen Forderungen selber ebenfalls ziemlich kompromisslos ist.

„Kompromisse sind nicht unsere Aufgabe“, stellt er kämpferisch fest. Das sei Sache der Politik. „Wir gehen immer mit Maximalforderungen in den Diskurs. Wenn man mit einem Kompromissvorschlag anfängt, hat man meistens schon verloren“, sagt der Solaraktivist. Und so hören sich auch die aktuellen Ideen des Vereins ziemlich radikal an. So plädiert man etwa für eine „heftige“ Energiesteuer, die durch ein bedingungslos gezahltes Energiegeld sozial abgefedert werden soll. Energieintensive Branchen sollten nicht wie derzeit subventioniert werden. Die energiehungrige Aluminiumproduktion etwa ergebe in Deutschland einfach keinen Sinn, sondern solle in Ländern wie etwa Island stattfinden, wo ein großes Angebot an regenerativen Energien herrsche. Etwaige Arbeitsplatzverluste hierzulande könnten durch einen wachsenden Solar- und Windstrommarkt aufgefangen werden.

Das Wichtigste sei aber, dass sich der Bau und Betrieb von Wind- und Solarstromanlagen wieder lohne. „Kapital fließt dahin, wo es Geld zu verdienen gibt“, sagt von Fabeck. Man brauche bei solchen Anlagen eine Rendite von etwa neun bis zehn Prozent. Dem Vorwurf, dann würden sich die Anlagenbetreiber eine goldene Nase verdienen, begegnet er entwaffnend: „Was ist denn so schlimm daran, dass auch mal die Leute verdienen, die etwas Gutes für unsere Umwelt tun?“

Wolf von Fabeck, so viel ist klar, sprudelt weiterhin über vor „Spinner-Ideen“. Die Mission des alten Solarrecken ist noch nicht beendet.

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