Erneut Image-Schaden für die Pontstraße?

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Der ein oder andere frage sich nach solchen Vorfällen „kann ich noch ruhig in die Pontstraße gehen oder nicht“, bemerkte Staatsanwalt René Gilles in seinem Plädoyer vor dem Aachener Schwurgericht. Dann forderte er für den aus Düren stammenden Angeklagten Tanju T. (24) eine vierjährige Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung.

Angeklagt war bei dem unseligen Zusammentreffen mit Opfer Adem L. (24) in einer Diskothek in der oberen Pontstraße eigentlich versuchter Totschlag. Denn T. hatte in der Nacht zum 27. Mai 2012 den Gast draußen mit einem Messer angestochen. Das sei geschehen, weil er, Tanju T., seinem Freund Nico C. (24) in einer anscheinend aussichtslosen Lage helfen wollte, gab er vor der Kammer unter Vorsitz von Richter Gerd Nohl an. Der Freund war von Adem L. auf einer Treppe im Bereich der direkt neben der Diskothek befindlichen „Milchstraße“ im Schwitzkasten dermaßen gewürgt worden, dass bei dem Angeklagten die Befürchtung aufgekommen war, sein Freund kämpfe mit jeder Sekunde um sein Leben.

T. glaubte das auch deswegen, weil er einige Sekunden vorher selber von Adem L. niedergeschlagen worden war. Er hatte eine Faust mitten ins Gesicht bekommen und war zusammen gesackt. Juristisch sei das eine Form der Nothilfe, hatte Strafverteidiger Ulrich Gleißner in seinem Plädoyer angeführt und konsequent einen Freispruch für Tanju T. beantragt.

Das sah natürlich der Staatsanwalt und der Nebenkläger völlig anders. Jeder Einsatz eines Messers sei potenziell lebensgefährlich, führte insbesondere der Vertreter des Opfers an. Für Staatsanwalt Gilles war die Tat „nur“ eine gefährliche Körperverletzung, dies aus verschiedenen juristischen Erwägungen. Die Nebenklage blieb trotz des nachweislich aggressiven und selber schwer verletzenden Verhaltens des späteren Opfers bei der Ansicht, es habe sich um eine versuchte Tötung gehandelt und forderte eine Haftstrafe von sechs Jahren.

In der Tat reiht sich dieser betrübliche Fall in eine Reihe von Kneipenschlägereien ein, deren Entstehung wie aus dem Nichts kommt und die oftmals mit schweren Verletzungen im Krankenhaus enden. Meistens kann nicht mehr festgestellt werden, wer angefangen hat oder wer die Auseinandersetzung provoziert hat. So auch hier: Zeugen, darunter Türsteher der Diskothek, hatten berichtet, dass der am Ende angestochene L. zuerst in das Gesicht des Angeklagten geschlagen hatte und dann den zu Hilfe eilenden Nico C. mit seinem im Kraftsport trainierten Körper dermaßen in die Zange nahm, dass diesem eine Schulter ausgekugelt wurde und er zu ersticken drohte. Selbst die Türsteher der Diskothek, die verhindert hatten, dass das Ganze in eine Massenschlägerei ausartete, wurden später in der Nacht von Freunden des Opfers zusammengeschlagen.

Weil die Grenze zwischen Opfer und Angreifer so fließend war, stellte das Gericht zunächst das Verfahren gegen Nico C. ein. Wegen des Messerstichs wird Freund Tanju T. allerdings kaum um eine Verurteilung herum kommen. Zu fragen bleibt, ob nicht das Opfer ebenso auf eine Anklagebank gehört. Staatsanwalt Gilles verneinte eine entsprechende Anfrage, es gebe wenn überhaupt nur ein ruhendes Verfahren gegen das Opfer. Ein Urteil wird am 13. Mai um 11 Uhr im Landgericht gesprochen.

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